Am 19. Januar 2023 präsentierte Trompeter Dave Douglas (einer der ganz großen Jazz-Trompeter) mit seinem Quintett im Bimhuis (Amsterdam) sein Album „Songs of Ascent“.
Brainwashed – Sexismus im Kino (Brainwashed: Sex-Camera-Power, USA 2022)
Regie: Nina Menkes
Drehbuch: Nina Menkes
TV-Premiere einer spielfilmlangen, auch auf der Berlinale gezeigten Doku, die anhand von über 175 Filmausschnitten und Interviews in ungefähr 105 Minuten eine Geschichte der Frauenfeindlichkeit und des Sexismus im Hollywood-Film erzählt.
Wenn am kommenden Dienstag, den 5. September, im Rahmen der uneingeschränkt lobenswerten monatlichen „Best of Cinema“-Reihe, die Filmklassiker zurück in die Kinos bringt, David Lynchs „Twin Peaks – Fire walk with me“ wieder für mindestens einen Tag (kann ja sein, dass einige Kinos den Film länger zeigen) in die Kinos kommt, werden ältere Semester sich an den weltweiten Hype um „Twin Peaks“ erinnern. David Lynch war damals mit „Blue Velvet“ und „Wild at Heart – Die Geschicht von Sailor und Lula“ everbody’s darling. Aber anstatt seinen nächsten Kinofilm zu drehen, machte er Fernsehen – und revolutionierte es. Er und Autor Mark Frost erfanden einen Kosmos bizarrer Ereignisse und Figuren, in denen Realität und Traum sich konstant vermischen und es mehr Merkwürdigkeiten und Rätsel als Erklärungen und Lösungen gab. Zusammengehalten wird diese Welt zunächst, obwohl Frost und Lynch kein besonderes Interesse an der Antwort hatten, von der Frage, wer Laura Palmer ermordete.
Als die Frage auf Wunsch der Produzenten mitten in der zweiten Staffel eindeutig beantwortet wurde, erlosch auch das Zuschauerinteresse an der TV-Serie. Nach zwei Staffeln wurde sie eingestellt. 2017 folgte eine dritte Staffel. Dieses Mal schrieben Frost und Lynch alle Drehbücher und Lynch inszenierte alle Folgen. Sie hatte nicht den popkulturellen Einfluss der ersten beiden Staffeln, die in den USA 1990 und 1991 gezeigt wurden. In Deutschland liefen sie erstmals 1991/92.
Nachdem alle wussten, wer Laura Palmer ermordete, beantwortete David Lynch in dem danach entstandenem Spielfilm, wie es zu dem Mord an Laura Palmer kam. Er erzählt die letzte Woche im Leben der siebzehnjährigen Schülerin zwischen verschiedenen Liebschaften, Sex, Drogenkonsum und der letztendlich ihr Leben und ihre Gefühle bestimmenden Haßliebe zu ihrem Vater Leland Palmer. Er vergewaltigt sie seit längerem. Laura sieht ihn dann als Bob, eine bösen Dämon. Er ermordet sie.
„Twin Peaks – Fire walk with me“ (ursprünglich „Twin Peaks – Der Film“) ist ein Prequel, das für Menschen, die die Serie nicht kennen, wahrscheinlich noch rätselhafter ist als für Menschen, die die Serie kennen. Denn Lynch setzt einfach voraus, dass die Figuren, ihre Beziehungen zueinander und die Handlungsorte bekannt sind.
Die damalige Kritik verriss den Film. Das Publikum blieb fern. Über die Jahre änderte sich der Ruf des Films. Inzwischen wird er in mehreren Bestenlisten erwähnt und als Meisterwerk gepriesen.
Trotzdem ist „Twin Peaks – Fire walk with me“ nur ein überflüssiger Nachklapp zur TV-Serie ist. Die Bilder sind TV-Bilder. Die oft endlos langen, sparsam geschnittenen Szenen wirken wie Überbleibsel aus der TV-Serie, die einfach neu zusammengesetzt wurden. Und wie das bei ‚geschnittenen Szenen‘ ist, sind sie vielleicht aus dem einen oder anderen Grund interessant, aber zum Verständnis der gesamten Geschichte, was in diesem Fall die TV-Serie ist, unwichtig. Außerdem bleibt eine Zusammenstellung ‚geschnittener Szenen‘ immer eine Ansammlung mehr oder weniger zusammenpassender Szenen, die als einzelne Szenen durchaus gelungen sind, aber insgesamt nicht überzeugen. So besteht „Twin Peaks -Fire walk with me“ aus einem langen Prolog, der mit Laura Palmers letzten Tagen eigentlich nichts zu tun hat, und ihren letzten Tage, die eine Ansammlung von Bildern aus der Hölle eines Teenagerlebens in einer weißen US-Kleinstadt sind. Die erste halbe Stunde spielt ein Jahr vor dem Tod von Laura Palmer. In diesem Prolog erzählt Lynch, wie zwei FBI-Agenten (Chris Isaak, Kiefer Sutherland) in der Kleinstadt Deer Meadow den Mord an der jungen Prostituierten Teresa Banks aufklären sollen. Äußerst lynchesk folgt er dabei den normalen Ermittlungsschritten einer polizeilichen Ermittlung. Der Prolog endet mit dem spurlosen Verschwinden der beiden Ermittler. Danach erklingt zum ersten Mal Angelo Badalamentis legendäre „Twin Peaks“-Melodie, Laura Palmer taucht auf und aus der Comedy wird ein düsterer Noir über eine junge Frau, die seit Jahren von ihrem Vater sexuell missbraucht wird.
„Twin Peaks – Fire walk with me“ ist definitiv nicht Lynchs bester Film. Dafür ist er zu sehr und zu offensichtlich nur der Versuch, mit der Marke „Twin Peaks“ Geld zu machen.
Twin Peaks – Fire walk with me(Twin Peaks: Fire walk with me, USA 1992)
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch, Robert Engels
mit Sheryl Lee, Ray Wise, Frank Silva, Moira Kelly, James Marshall, Kyle MacLachlan, Mädchen Amick, Dana Ashbrook, David Bowie, Heather Graham, Chris Isaak, David Lynch, Jürgen Prochnow, Harry Dean Stanton, Kiefer Sutherland, Pamela Gidley, Grace Zabriskie, Miguel Ferrer, Al Strobel, Peggy Lipton
Der Fremde im Zug (Strangers on a train, USA 1951)
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Raymond Chandler, Czenzi Ormonde
LV: Patricia Highsmith: Strangers on a train, 1950 (Alibi für zwei, Zwei Fremde im Zug)
Während einer Bahnfahrt schlägt ein Bruno Anthony dem Tennis-Profi Haines einen vertauschten Mord vor. Haines hält dies für einen schlechten Scherz, bis seine Frau ermordet wird und Bruno den zweiten Mord einfordert.
Nach einigen Misserfolgen war “Der Fremde im Zug” wieder ein Kassenerfolg für Alfred Hitchcock. Die Highsmith-Verfilmung markiert den Beginn von Hitchcocks goldenen fünfziger Jahre. Heute hat „Der Fremde im Zug“ einen festen Platz im Hitchcock-Kanon hat.
Anschließend, um 21.55 Uhr, zeigt Arte die gut einstündige Doku „Mr. und Mrs. Hitchcock“ (Frankreich 2018). Danach, um 22.50 Uhr gibt es, als TV-Premiere, Eva Vitijas spielfilmlange Doku „Loving Patricia Highsmith“ (Schweiz/Deutschland 2022)
Mit Robert Walker, Farley Granger, Patricia Hitchcock, Leo G. Carroll, Ruth Roman, Laura Elliott
LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)
Nur aus Gefälligkeit und wegen seiner Großmutter kümmert Wirtschaftsanwalt Rob Bilott („Hulk“ Mark Ruffalo; grandios!) sich um das Problem des aus ihrem Heimatort Parkersburg, West Virginia, kommenden Farmers Wilbour Tennant. Er glaubt, dass sein Vieh von DuPont vergiftet wird. Bilott sieht sich die Akten an – und wird zum schlimmsten Alptraum des Chemiegiganten. Denn DuPont stellt in der Anlage in der Nähe von Tennants Grundstück die krebserregende Chemikalie Perfluoroctansäure (PFOA) her. Sie ist ein Bestandteil der Teflonpfanne.
Grandioser Justiz- und Wirtschaftssthriller, der einen wahren David-gegen-Goliath-Kampf erzählt.
9 (–) James Lee Burke: Verschwinden ist keine Lösung
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Pendragon, 464 Seiten, 24 Euro
10 (–) Andrej Kurkow: Samson und das gestohlene Herz
Aus dem Russischen von Johanna Marx und Claudia Zecher
Diogenes, 432 Seiten, 24 Euro
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In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.
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Na, davon steht auch einiges auf meiner Zu-Lesen-Liste und jedes Buch brüllt: „Lies mich!“
Mal sehen, welches kürzere oder dünnere Buch am Wochenende den Weg in meinen Rucksack findet.
Und zum Ende ein kleiner Hinweis auf einen ziemlich alten Krimi: Diogenes hat gerade eine Neuausgabe von Raymond Chandlers letztem Philip-Marlowe-Roman „Playback“ veröffentlicht. Ulrich Blumenbach übersetzte den Krimi neu. Paul Ingendaay bezeichnet „Playback“ in seinem Nachwort als „das Porträt eines Überlebenden, der sich nur noch an die Ethik seines Jobs klammert, aber längst weiß, dass alles verloren ist“.
James Bond 007: Lizenz zum Töten (Licence to Kill, Großbritannien 1989)
Regie: John Glen
Drehbuch: Richard Maibaum, Michael G. Wilson
LV: Figur von Ian Fleming
Nachdem Drogenbaron Sanchez seinen Freund Felix Leiter während der Hochzeit schwer verletzt und dessen Künftige umbringt, sieht Bond rot. Im Alleingang bringt er Sanchez um seine Existenzgrundlage.
Der zweite Einsatz von Timothy Dalton war realistischer und härter als die vorherigen Bonds. An der Kasse war er damit nicht so erfolgreich – und die Bond-Macher legten eine mehrjährige Pause ein. Pierce Brosnan beendete die Produktionspause 1995 mit dem kommerziell äußerst erfolgreichen „GoldenEye“.
In „Lizenz zum Töten“ ist die Mischung aus klassischem Bond und modernem us-amerkanischen Action-Kino nicht vollkommen überzeugend. In Erinnerung bleibt vor allem, dass alles viel brutaler als gewohnt ist. Der nächste Versuch eines härteren Bonds gelang mit „Casino Royale“ wesentlich besser.
Als ich mir diesen Bond-Film, wegen Ähnlichkeiten in der Story, in Zusammenhang mit dem letzten Craig-Bond „Keine Zeit zu sterben“ wieder ansah, fand ich ihn nicht so schlecht und viel, viel besser als „Keine Zeit zu sterben“.
Das Drehbuch war für einen Edgar nominiert.
Mit Timothy Dalton, Robert Davi, Talisa Soto, Benicio Del Toro, Anthony Zerbe, Desmond Llewelyn, Robert Brown, Caroline Bliss
Noch bevor der Tod (Marc Hosemann) den latent antriebslosen Altenpfleger Reiner (Dimitrij Schaad) in seiner unsanierten Altbau-Mietwohnung getötet hat, klingelt Reiners Ex-Freundin Sophia (Anna Maria Mühe). Sie ist ziemlich verärgert. Denn Reiner hat, wieder einmal, den Geburtstag seiner Mutter vergessen und dass sie zu ihr hinfahren wollen. Umstandslos zerrt sie Reiner aus der Wohnung zur nächsten Tram und zum Zug. Mit dem seltsam aussehenden Mann, der in Reiners Wohnung ist, diskutiert sie nicht darüber.
Der Tod, der sich Morten de Sarg nennt, verfolgt sie. Denn falls doch einmal das Ungeheuerliche geschieht, dass der Tod sein Werk nicht vollenden kann, darf er sich nicht weiter als 300 Meter von seinem Opfer entfernen. Das ist ein überirdisches Gesetz. Ebenso hat der Tod, bis er seinen Auftrag erfüllt hat, einen menschlichen Körper. Er kann sich also nicht mehr ungehindert durch Raum und Zeit bewegen. Er kann sich nur noch wie ein normaler Mensch durch die Welt bewegen. Für Morten de Sarg ist diese irdische Existenz eine neue Erfahrung.
Gemeinsam fahren sie von Berlin in ein norddeutsches Dorf. Als sie mitten in der Nacht auf dem Provinzbahnhof ankommen, werden sie schon von Reiners verärgerter Mutter erwartet. Dort verspürt Reiner den Wunsch, seinen siebenjährigen Sohn Johnny nach Ewigkeiten, eigentlich zum ersten Mal, zu sehen. Der lebt in Süddeutschland bei seiner Mutter.
Neugierig auf das ihm bislang vollkommen unbekannte irdische Leben gewährt der Tod Reiner einen Aufschub nach dem nächsten, hilft ihm und begleitet ihn quer durch Deutschland.
Währenddessen schickt Gott einen zweiten Todesengel los. Morck Mortus soll ein besonders effizienter Vollstrecker sein.
Für sein Spielfilmdebüt verfilmte Charly Hübner den von „Tomte“-Sänger Thees Uhlmann geschriebenen Bestseller „Sophia, der Tod und ich“ als launiges Roadmovie, dem jede Dringlichkeit fehlt. Dabei hat Reiner nur noch eine begrenzte Zeit zu leben. Dimitrij Schaad spielt ihn so schluffig, wie man ihn als Marc-Uwe Kling aus den „Känguru“-Filmen kennt. Und wie ein „Känguru“-Film, bei dem der Tod die Rolle des Kängurus spielt, wirkt „Sophia, der Tod und ich“ dann auch. Marc Hosemann als der Tod chargiert zwischen emotionslosem Todesboten und Kind, das die Welt und die Freuden des Alkohols entdeckt. Da bleiben Anna Maria Mühe als Reiners Freundin und Johanna Gastdorf als Reiners Mutter nur noch die Rolle der strengen Mutter.
Das hat durchaus seine Momente und Ideen, wie die auf dem Dach eines Parkhauses stehende Imbissbude, an der die Todesaufträge verteilt werden, aber insgesamt hangelt sich die Komödie von Episode zu Episode, ohne dass dabei jemals ein Interesse an den Figuren, vor allem natürlich an dem todgeweihten Reiner, entsteht. Es entsteht auch niemals das Gefühl, dass es in dieser Komödie wirklich um Leben und Tod und die Bilanz eines Lebens geht.
Sophia, der Tod und ich (Deutschland 2023)
Regie: Charly Hübner
Drehbuch: Lena May Graf
LV: Thees Uhlmann: Sophia, der Tod und ich, 2015
mit Dimitrij Schaad, Anna Maria Mühe, Marc Hosemann, Johanna Gastdorf, Josef Ostendorf, Lina Beckmann, Rocko Schamoni, Charly Hübner
Normalerweise hilft Robert McCall (Denzel Washington) in Boston Menschen, die sich nicht wehren können. Er ist ein Schutzengel, der für seine Taten kein Geld und auch keinen Dank will. Für ihn geht es dabei um eine Wiedergutmachung für Taten, die er früher im Auftrag der Regierung begangen hat, die besondere Fähigkeiten erforderten und die nicht immer, wahrscheinlich fast nie legal waren.
Jetzt hat er auf einem Weingut in Sizilien eine Verbrecherbande ermordet. Als er den Tatort verlässt, wird er hinterrücks angeschossen.
Kurz darauf wird er an der Amalfiküste halbtot in seinem Auto gefunden und zu Doktor Enzo Arisio gebracht. Der allseits respektierte Dorfdoktor verarztet und pflegt ihn in seinem Haus, das in dem malerisch am Mittelmeer in einem Kliff liegendem Dorf Altomonte steht. Gedreht wurde, für alle die nach dem Film ihren nächsten Italienurlaub planen, in Atrani.
Während McCall sich von seiner Schusswunde erholt, lernt er die Leute kennen und lieben. Es sieht auch, dass jugendliche Camorra-Mitglieder Schutzgelder erpressen. McCall will das beenden. Und, auch weil der Camorra-Boss große Pläne für Altamonte hat, beginnt ein tödlicher Kampf zwischen McCall und den Verbrechern.
Außerdem ist die Sache mit dem Weingut noch nicht endgültig erledigt.
Wer die ersten beiden „The Equalizer“-Filme kennt, weiß, was einen im dritten und kürzesten „The Equalizer“-Kinofilm erwartet. Denn das bewährte Team – Antoine Fuqua als Regisseur, Richard Wenk als Drehbuchautor und Denzel Washington als Hauptdarsteller – ist wieder dabei. Sie änderten an der bewährten und erfolgreichen Mischung nichts grundlegendes. Sie schmeckten die Zutaten nur etwas anders ab und veränderten den Schauplatz. Wie die beiden ersten „The Equalizer“-Filme ist auch „The Equalizer 3“ ein langsam erzählter, in wenigen Momenten brutaler Actionthriller mit einer Story, die früher in einer Episode einer TV-Serie erzählt wurde. Und das war „The Equalizer“ ursprünglich. Von 1985 bis 1989 spielte Edward Woodward den Equalizer Robert McCall. Er war, so der deutsche Titelzusatz, der ‚Schutzengel von New York‘. In einem Zeitungsinserat bot er Menschen, die sich an sonst niemand wenden können, seine Hilfe an. Einige Folgen der vor Ort gedrehten, ziemlich zynischen und brutalen Serie beschäftigten sich auch mit seiner Vergangenheit im Geheimdienst. Und, wie es damals üblich war, konnten die einzelnen Folgen der TV-Serie unabhängig voneinander gesehen werden.
Das gilt auch für die „The Equalizer“-Filme. Jeder Film erzählt eine Geschichte, die unabhängig von den anderen Filmen ist. Man muss nur wissen, dass McCall ein Mann mit besonderen Fähigkeiten ist. Das erfährt man auch in den ersten Minuten des Films, die auf einem Weingut in Sizilien spielen. Kurz darauf erfährt man, dass er sich für die Schwachen einsetzt und zweifelt, ob er ein guter oder ein böser Mensch ist. Denzel Washington verkörpert ihn wieder einmal überzeugend. Bei ihm verrät ein Blick mehr als tausend Worte und lange Rückblenden auf sein früheres Leben über ihn verraten könnten.
Die sehr ruhig, fast schon kontemplativ erzählte Geschichte bedient sich storytechnisch weitgehend der aus zahlreichen älteren und neueren Mafia-Filmen bekannten Muster und Bilder. McCall tut dann das in Italien, was er vorher in Boston tat. Nämlich sich mit den örtlichen Verbrechern anlegen. Leider ist, wieder einmal, Gewalt und tödliche Gewalt das bevorzugte Mittel zum Lösen von Konflikten.
The Equalizer 3 – The Final Chapter(The Equalizer 3, USA 2023)
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: Richard Wenk (basierend auf der gleichnamigen TV-Serie von Michael Sloan und Richard Lindheim)
mit Denzel Washington, Dakota Fanning, Eugenio Mastrandrea, David Denman, Sonia Ben Ammar, Remo Girone, Gaia Scodellaro, Andrea Scarduzio, Andrea Dodero, Salvatore Ruocco, Alessandro Pess
Sibel will endlich leben. Als einziger Ausweg aus ihrer strenggläubigen türkischen Familie bleibt ihr die Scheinehe mit Cahit. Er ist wahrlich kein Traummann, aber Türke. Die Scheinehe funktioniert prächtig, bis Cahit sich in Sibel verliebt und das labile Gleichgewicht zwischen ihnen außer Kontrolle gerät.
Das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Drama wurde auch vom Kinopublikum angenommen. „Gegen die Wand“ landete mit über 760.000 Zuschauern, deutlich vor „Unterwegs nach Cold Mountain“, „Hidalgo“ und „Paycheck“, auf dem 48. Platz der Kinojahrescharts 2004. Der Grund dafür ist ziemlich einfach: „In ‚Gegen die Wand’ steckt eine ungeheure Kraft, die sich zugleich aus der Liebe und der selbstzerstörerischen Energie der Liebenden speist. (…) So klaffen der Rhythmus der Montage und der Herzschlag der Geschichte mitunter ein wenig auseinander. Doch was zählt das schon, wenn man die melodramatische Wucht mit der eher lauwarmen Betriebstemperatur der meisten Wettbewerbsbeiträge vergleicht?“ (Peter Körte, FAZ, 12. Februar 2004 zur Berlinale-Premiere und vor dem Erhalt des Goldenen Bärens)
Weil es in Christian Hardinghaus‘ neuem Buch „Kriegspropaganda und Medienmanipulation“ auch und vor allem um Propaganda und Krieg geht, kommen wir nicht um das Bonmot „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ herum. Denn natürlich will jede Seite sich in so einem Konflikt als besonders Gut und den Gegner als besonders Böse darstellen. Es handelt sich um Schwarzweiß-Malerei, die der Mobilisierung der eigenen Seite dient. Die Äußerungen der Gegenseite werden dann oft als Propaganda bezeichnet. Denn Propaganda ist im Volksmund ein anderes Wort für Lügen.
Hardinghaus benutzt in seinem Buch den Begriff „Propaganda“ dagegen neutral und weitgehend Synonym mit positiv besetzten, heute üblichen Begriffen wie „Politische Kommunikation“, „Public Relations“ und „Öffentlichkeitsarbeit“. Es geht um zielgerichtete Kommunikation mit dem Ziel, die öffentliche Meinung im Sinne des Redners (oder Senders) zu beeinflussen. Hardinghaus verengt diese Definition auf die Kommunikation von Regierungen. Weil normalerweise Staaten gegeneinander Kriege führen, ist eine solche Engführung im Fall der Kriegspropaganda nachvollziehbar.
Aber Kriegspropaganda ist ein Sonderfall der politischen Kommunikation, weil Kriege, also bewaffnete Konflikte zwischen zwei oder mehr Staaten, selten sind.
Es gibt auch Kriege innerhalb eines Staates. Dann wird von einem Bürgerkrieg gesprochen. Aber die an die Öffentlichkeit gerichtete Kommunikation von Bürgerkriegsparteien fällt nicht unter diese Definition, weil mindestens eine Konfliktpartei keine Regierung eines Staates ist. Es sind Freiheitskämpfer (Selbstbeschreibung) oder Terroristen (Fremdbeschreibung). Und sie kämpfen in einem Land um die Macht.
Ebenso fällt die Kommunikation von Parteien (also den Oppositionsparteien) und nichtstaatlichen Gruppen, die gegen den Regierungskurs protestieren, nicht unter diese Defintion von Propaganda. Das sind, um nur die zuletzt in Deutschland aktiven Gruppen zu nennen, Gruppierungen wie die „Querdenker“, „Corona-Leugner“, „Reichsbürger“ oder auch „Putin-Versteher“.
Dabei bedienen sich diese Gruppen auch den Mitteln der Propaganda, die Hardinghaus im dritten Kapitel lexikalisch aufzählt. Er nennt 75 Formen und Techniken der Propaganda. Er beschreibt sie kurz und meistens ohne konkrete Beispiele. Unklar ist bei dieser Sammlung von Methoden auch, welche öfter, welche seltener und welche erfolgreicher angewandt werden.
Bei diesem Lexikon fällt auf, dass jede „Propagandatechnik der Täuschung“, wie „Anekdotische Evidenz“, „Framing“ und „Gaslighting“, in der politischen Kommunikation von allen Gruppen, die sich an der politischen Kommunikation beteiligen, angewandt wird. Unterschiede ergeben sich erst bei der Art der Anwendung dieser Techniken (auf die Hardinghaus nicht eingeht) und welche Regierungen sie anwenden. Es ist ein Unterschied, ob sie in einer Demokratie oder einer Diktatur angewandt werden. Aber auch darauf geht Hardinghaus nicht ein. Einige Methoden, wie die Benutzung von „Fake News“ werden in Demokratien eigentlich nur von Systemgegnern benutzt. Sie wollen Demokratien destabilisieren.
Im vierten und fünften Kapitel, die zusammen über die Hälfte des 232-seitigen Buches ausmachen, stellt Hardinghaus kurz verschiedene Fälle von Kriegspropaganda vor. Die ältesten Beispiele sind aus dem Ersten Weltkrieg. Die neuesten aus dem Ukraine-Krieg. Hier geht er auf die russische und die ukrainische ‚Propaganda‘ und die Berichte deutscher Medien über den Krieg ein. Ihm fehlt hier vor allem eine Auseinandersetzung mit der russischen Perspektive. Bei den von ihm gewählten Beispielen handelt es sich meist um bekannte Fälle, die er kurz zusammenfasst. Entsprechend oft, beim Vietnamkrieg, dem Zweiten Golfkrieg, dem Kosovo-Krieg und dem Irakkrieg, konzentriert er sich dabei auf die politische Kommunikation der USA. Er verzichtet weitgehend auf aussagekräftige Zitate, die zeigen könnten, welche Propagandatechniken wie angewandt wurden. Am Ende muss ihm geglaubt werden, dass seine Darstellung der Ereignisse der Wahrheit entspricht..
Dabei beginnt das Buch mit der Ankündigung, dass die Leser „von der Pike auf lernen können, was Propaganda war und ist und wie Sie ihre manipulativen Techniken in Zukunft erkennen und selbst entlarven können“.
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Christian Hardinghaus: Kriegspropaganda und Medienmanipulation – Was Sie wissen sollten, um sich nicht täuschen zu lassen
Weil Denzel Washington ab Donnerstag wieder als „The Equalizer“ (Besprechung folgt) im Kino unterwegs ist:
ZDFneo, 23.15
Der Teufel in Blau (Devil in a blue dress, USA 1995)
Regie: Carl Franklin
Drehbuch: Carl Franklin
LV: Walter Mosley: Devil in a blue dress, 1990 (Teufel in Blau)
Los Angeles, 1948: Amateurdetektiv Easy Rawlins soll Daphne finden. Aber Daphne hat es faustdick hinter den Ohren.
Franklins gelungene Verfilmung von Mosley Debütroman. „Teufel in Blau“ ist ein Film Noir, der seine Vorbilder aus der Schwarzen Serie immer deutlich zitiert und damit immer zum gut gemachten, aber auch langweiligem Ausstattungskino tendiert.
Mit Denzel Washington, Tom Sizemore, Jennifer Beals, Don Cheadle
Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt(Alien, Großbritannien/USA 1979)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Dan O’Bannon (nach einer Geschichte von Dan O’Bannon und Ronald Shushett)
Buch zum Film: Alan Dean Foster: Alien, 1979 (Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt)
Ein Notruf unterbricht den Raumflug der Nostromo. Die vom Bordcomputer aus dem Tiefschlaf aufgewachte Besatzung sieht sich den Ursprung des Signals an und kämpft kurz darauf gegen ein äußerst unfreundliches außerirdisches Lebewesen. Besonders Ellen Ripley (Sigourney Weaver als role model) bereitet dem Alien Ärger.
Ein SF-Klassiker, der einige langlebige Filmkarrieren initiierte. Der legendäre Filmpitch war, so heißt es, in einem Fahrstuhl „Der weiße Hai im All“; der ebenso legendäre Werbespruch für den Film ist „In space no one can hear you scream“ und der Trailer stimmt einen auf zwei Stunden Terror ein.
Der Film ist FSK-16 und darf deshalb um 20.15 Uhr nur in einer gekürzten Fassung gezeigt werden. Wenn allerdings diese gekürzte Fassung gezeigt wird, wurde erstaunlich wenig gekürzt: nämlich nur eine Szene, die nur im Director’s Cut enthalten ist.
Am Mittwoch, den 30. August, zeigt Nitro um 20.15 Uhr die Fortsetzung: James Camerons „Aliens – Die Rückkehr“.
mit Sigourney Weaver, Tom Skerritt, Harry Dean Stanton, John Hurt, Veronica Cartwright, Ian Holm, Yaphet Kotto
Kaum aus dem Knast entlassen, gerät Babtou schon wieder in Schwierigkeiten. Dieses Mal will die Ausländerbehörde den in Deutschland geborenen Senegalesen abschieben. Eine Heirat könnte das verhindern. Dummerweise will keine seiner ehemaligen Freundinnen ihn heiraten. Da fragt er seinen besten Kumpel Dennis.
Köstliches Buddy-Movie, das sehr unterhaltsam und witzig viele ernste Themen anspricht und durchaus tiefgründig behandelt.
mit Farba Dieng, Julius Nitschkoff, Seyneb Saleh, Michael Maertens, Valerie Koch, Paul Wollin, Burak Yiğit, Nina Gummich, Uwe Preuss, Ibrahima Sanogo, Thelma Buabeng, Mehmet Ateşçi, Gerdy Zint, Julia Gräfner, Kwam.E, Tamer Arslan, Christopher Vantis
Im Indianerreservat Wind River im US-Bundesstaat Wyoming wird die Leiche einer jungen Indianerin gefunden. Die unerfahrene FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) und der erfahrene Fährtenleser Cory Lambert (Jeremy Renner) suchen den Täter.
Grandioser Schnee-Western von Taylor Sheridan. Er schrieb die Bücher für „Sicario“ und „Hell or High Water“.
mit Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Kelsey Asbille, Jon Bernthal, Graham Greene, Gil Birmingham, Julia Jones, Teo Briones, Martin Sensmeier, Hugh Dillon, James Jordan
2020 veröffentlichte Anatol Regnier sein Sachbuch über bekannte deutsche Schriftsteller, die während der Nazi-Diktatur in Deutschland blieben und weiter Romane veröffentlichten.
Jetzt verfilmte Dominik Graf, mit Felix von Boehm als Co-Regisseur, das Sachbuch als formal konventionellen Dokumentarfilm. Die Kamera begleitet Anatol Regnier, wenn er sich Archive zeigen lässt und in historischen Dokumenten blättert. Dazwischen gibt es historische Aufnahmen und aktuelle Interviews mit Menschen, die etwas zu den porträtierten Schriftstellern sagen können.
Porträtiert werden, in der Reihenfolge ihrer Behandlung im Film, Gottfried Benn, Erich Kästner, Jochen Klepper, Hans Fallada, Hans Zöberlein, Ina Seidel, Hannes Johst und Will Vesperh. Sie gingen nicht, wie der im Film erwähnte Klaus Mann, ins Exil. Sie blieben in Deutschland. Ihre Motive unterschieden sich. Ebenso ihre Begeisterung für die neuen Machthaber. Und damit auch ihr Umgang mit der Nazi-Diktatur. Die ersten und auch bekannteren Autoren werden ausführlich behandelt. Später werden die Segmente kürzer. Trotzdem dauert der Film gut drei Stunden.
Es geht um ihr Leben während des Nationalsozialismus, warum sie im Land blieben, wie sie sich fühlten und arbeiteten. Es geht auch darum wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihren Handlungen umgingen. Und bei Will Vesper geht es auch um seinen Sohn Bernward Vesper und die Frage, wie die Kinder mit der Schuld ihrer Väter umgingen. Graf, von Boehm und Regnier wollen in ihrem Film verstehen, warum die Schriftsteller taten, was sie taten.
Das ist durchaus interessant, informativ und gut gemacht. Aber durch die Struktur, in der einfach Porträts hintereinander gereiht werden und die Porträtierten zunehmend unbekannter sind, auch zunehmend langweilig. Jedenfalls im Kino. Im Fernsehen als Zweiteiler oder in noch kleineren Häppchen, mag das anders sein.
Jeder schreibt für sich allein (Deutschland 2023)
Regie: Dominik Graf, Felix von Boehm (Co-Regie)
Drehbuch: Anatol Regnier, Dominik Graf, Constantin Lieb
LV: Anatol Regnier: Jeder schreibt für sich allein, 2020
mit Anatol Regnier, Gabriele von Armin, Florian Illies, Günter Rohrbach, Albert von Schirnding, Christoph Stölzl, Heinrike Stolze, Julia Voss, Géraldine Mercier, Ursula Käß, Helmuth Mojem, Willy Kristen, Wendelin Neubert, Carlo Paulus, Simon Strauß, Clemens von Lucius, Lena Winter
Buch zum Film (Drehbuch): Quentin Tarantino: Reservoir Dogs – Das Buch zum Film/Zweisprachige Ausgabe (rororo 1997)
Einige Gangster überfallen einen Juwelier. Der Überfall geht schief. Sie flüchten in eine Garage. Mr. Orange (sie kennen sich nur unter Farb-Pseudonymen) liegt schwerverletzt auf dem Boden und kämpft um sein Leben. Die anderen Gangster versuchen währenddessen die 100.000-Dollar-Frage „Wer hat uns verraten?“ zu klären.
Der Einfluss von Quentin Tarantinos Kinodebüt auf das Kino der Neunziger Jahre kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich sage nur nicht-chronologisches Erzählen (Bis dahin galt die eiserne Regel: Keine Rückblenden!), lustvoll zelebrierte Gewalt, coole Dialoge und oft ebenso coole Monologe.
Mit Harvey Keitel, Tim Roth, Michael Madsen, Chris Penn, Steve Buscemi, Lawrence Tierney, Edward Bunker, Quentin Tarantino
Noch sind nicht alle Kisten gepackt, die Vorbereitungen für das Abendessen laufen etwas chaotisch und einige Gäste sagen ab, aber das ändert nichts daran, dass das der letzte Abend vor dem Umzug von Hannover nach Berlin ist. Lisa hat dort einen neuen Job als Assistenzärztin an der Charité. Ihr Freund Clemens, ein an sich selbst zweifelnder Künstler, zieht mit ihr um.
Zu dem Abend kommen dann, nach einigen Absagen und spontanen Einladungen, ein Arbeitskollege von Lisa, Lisas in der Werbung arbeitender Bruder, ein mit Clemens befreundeter Theaterschauspieler, eine in einer anderen Etage wohnende ältere Mieterin (sie könnte die Mutter von Clemens und Lisa sein) und eine linksalternative Rucksacktouristin, deren Handy-Akku leer ist und deren im Haus wohnender Freund auf Anrufe nicht reagiert.
Fast ununterbrochen reden sie miteinander, sind hyperaktiv, unzufrieden und nervig. Niemand von ihnen ist sympathisch. Und als Generation sind diese ungefähr Dreißigjährigen denkbar ungeeignet, gesellschaftliche Probleme zu lösen. Dafür baden sie zu sehr in Selbstmitleid.
Lukas Nathrath inszenierte diese Abendgesellschaft mit vielen Schnitten, Wackelkamera, Nahaufnahmen und einem Farbton, der mit ‚kränklich beige‘ treffend beschrieben werden kann. Die Schauspieler sind teils Kollegen von Sebastian Jakob Doppelbauer, dem Co-Drehbuchautor und Darsteller Clemens, aus dem Schauspielhaus Hannover. Gedreht wurde an sieben Tagen. Das führt dazu, dass vieles an „Letzter Abend“ wie eine spontane Improvisation und Familienaufstellung (wobei es sich hier natürlich um eine Freundesaufstellung handelt) wirkt, bei der die Schauspieler dem Affen ordentlich Zucker geben.
Eben diese Energie macht „Letzter Abend“ dann doch sehenswert.
Außerdem gefällt mir der Mut, spontan, schnell und mit kleinem Budget einen Film zu drehen, der auf aktuelle Ereignisse reagiert.
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Lukas Nathrath über sein Spielfilmdebüt:
Auslöser, diesen Film zu drehen, war nach Monaten der Pandemie-Isolation der Drang, unsere Eindrücke und Erfahrungen tragikomisch zu reflektieren und uns gemeinsam filmisch auszudrücken.
Diese Energie hat sich auf die Figuren übertragen, die alle nach Abenteuern und Ablenkung gieren. Es sind Charaktere, die materiell nicht leiden, aber Angst haben, im Zeitalter der Instagram-Gesellschaft nicht zu genügen. Obwohl sie unglücklich oder einsam sind, meinen sie, fröhlich, stark und erfolgreich wirken zu müssen, was viel tragikomisches Potential für zwischenmenschliche „awkwardness“ und Abgründe bietet.
In den Filmen, die uns inspiriert haben, werden zwischenmenschliche Konflikte verhandelt, bis das zivilisierte Verhalten Risse bekommt und Alltagssituationen in teils bourgeoisen Milieus eskalieren: „Alle anderen“ von Maren Ade, „Wild Tales“ von Damián Szifron, „Woman under the Influence“ von John Cassavetes, „Frances Ha“ von Noah Baumbach, „Husbands and Wives“ von Woody Allen und „Festen“ von Thomas Vinterberg.
Eine weitere Inspiration waren Stücke von Anton Tschechow, in denen sich Menschen auf dem Land oft nach einer anderen Existenz sehnen, nach Moskau ziehen wollen, aber dort nie ankommen werden.
Die Rollen haben Sebastian Doppelbauer und ich in enger Absprache mit dem Schauspiel-Ensemble entwickelt und parallel dazu das Drehbuch geschrieben. Beim Drehen ging es mir immer darum, die Spielfreude und Fantasie der Darstellerinnen und Darsteller zu ermutigen. Die Gruppendynamik der Figuren war dabei sehr spannend, und der Dreh wurde zu einer intensiven, erfüllenden Zeit.
Letzter Abend (Deutschland 2022)
Regie: Lukas Nathrath
Drehbuch: Lukas Nathrath, Sebastian Jakob Doppelbauer
mit Sebastian Jakob Doppelbauer, Pauline Werner, Susanne Dorothea Schneider, Nikolai Gemel, Isabelle von Stauffenberg, Valentin Richter, Julius Forster, Nils Rovira-Munoz, Amelle Schwerk, Pascal Houdus
In ihrem neuen Film erzählt Maïwenn die Geschichte von Jeanne du Barry. Sie lebte von 1743 bis 1793. Geboren wurde sie als Bürgerliche. Später wurde sie zur Geliebten von Louis XV. Sie wurde sogar zu seiner Favoritin, was den anderen Damen und Herren am Hof vor allem wegen ihrer Herkunft als ‚Bastardkind‘ nicht gefiel.
Maïwenn, die auch die erste Fassung des Drehbuchs schrieb (die Co-Autoren Teddy Lussi-Modeste und Nicolas Livecchi stießen erst später dazu), übernahm auch die Hauptrolle. Johnny Depp spielt Louix XY.
Vor seiner Premiere am 16. Mai 2023 in Cannes sorgte das Biopic in Frankreich für heftige Diskussionen. Denn Johnny Depp, der Hauptdarsteller des Films, hatte sich davor mit seiner Ex-Frau Amber Heard vor Gericht und der Weltöffentlichkeit eine Schlammschlacht geliefert. Und Maïwenn hatte einige Monate vorher in einem Restaurant einen Journalisten tätlich angegriffen. Er hatte vorher über ihren Ex-Mann Luc Besson geschrieben. Über den Film wurde dann kaum geredet.
Das durchwachsene Biopic punktet mit Bildern aus dem Schloss Versailles, den Kostümen und einem genauen Blick auf die heute vollkommen absurd erscheinenden höfischen Etikette. Wenn Jeanne du Barry von ihrem Kammerdiener in diese höfischen Etikette eingeführt wird, blickt sie immer wieder ungläubig in die Kamera. Sie ist von den Etiketten und Vorschriften, die zwischen ämusanten Spleens und vollkommener Absurdität schwanken, genauso irritiert und amüsiert wie das im Saal sitzende Kinopublikum. Schnell verstößt sie, zur Freude des Königs, gegen die Regeln. Die späteren, ebenso überdeutlich gezeichneten Machtspiele am Hof unterscheiden sich kaum von heutigen Machtspielen und Speichelleckereien.
Dabei wirkt Jeanne du Barry immer wie eine naive, gutherzige und lebenslustige Mitläuferin ohne Einfluss. Wegen ihrer Herkunft wird sie von den anderen Hofdamen und Adligen verachtet. Sie selbst intrigiert ein wenig und hat immer ein bezauberndes Lächeln.
Aber was sie zu einer besonderen Frau machte und warum wir uns für ihr Leben mit Louis XV interessieren sollten, wird in dem Kostümdrama nie wirklich deutlich.
Jeanne du Barry – Die Favoritin des Königs (Jeanne du Barry, Frankreich 2023
Regie: Maïwenn
Drehbuch: Maïwenn, Teddy Lussi-Modeste, Nicolas Livecchi
mit Maïwenn, Johnny Depp, Benjamain Lavernhe, Pierre Richard, Melvil Poupaud, Pascal Greggory, India Hair, Suzanne de Baecque, Capucine Valmary, Diego Le Fur, Pauline Pollmann