Dear Future Children (Deutschland/Großbritannien/Österreich 2020)
Regie: Franz Böhm
Rauch auf den Straßen der chilenischen Hauptstadt Santiago, die Gesichter junger Menschen verdeckt von Gasmasken. Ein schier anarchistisch anmutender Protestaufzug für soziale Gerechtigkeit, opponiert von massiver Polizeigewalt. Es folgt Uganda, wo Unmengen an Plastikmüll in den Gewässern treiben. Ein Protestzug junger Menschen in natur-grünen Oberteilen lässt ihre emotional geladenen Stimmen für den Klimaschutz durch die Stadt hallen. Anschließend leiten schrill dröhnende Polizeisirenen in eine Hongkonger Nacht über. Inmitten der von Neonlicht erleuchteten Gassen eilen Reporter*innen in reflektierenden Westen den brutalen Geschehnissen hinterher. Junge Aktivist*innen und schwer bewaffnete Polizist*innen prallen aufeinander.
Vereint sind diese Geschehen im Aufruhr der jungen Bevölkerung mit dem Willen, die Gegenwart zu verändern und eine lebenswerte Zukunft zu schaffen. Dear Future Children widmet sich einer Betrachtung dieser Jugendbewegungen und erzählt die Geschichten dreier junger Aktivistinnen aus Chile, Uganda und Hongkong in einer durchgehenden Parallelmontage. Mit den Geschichten dieser Bewegungen
reflektiert der Film in intensiver Betrachtung den rebellischen Puls der Zeit, in welcher sich engagierte und ideenreiche junge Menschen dazu entschließen die Welt zu verändern. All dies inmitten eines Zeitalters, welches es ermöglicht, millionenstarke Bewegungen innerhalb weniger Wochen zu etablieren.
Gleichzeitig etabliert sich der Aktivismus auch als unscheinbarer Antagonist im Film. Der Film reflektiert dieses wie ein zweischneidiges Schwert: Die Entscheidung zur Teilnahme an Protesten bringt Hassbotschaften, enorme Risiken und eine unberechenbare öffentliche Präsenz in die Leben der jungen Protagonistinnen. Zum Wohle ihrer eigenen Zukunft, sind die Akteur*innen der Protestbewegungen jedoch zum Handeln gezwungen.
One World Berlin – Menschenrechte aktuell – die monatliche Filmreihe im Lichtblick-Kino, mit Dokumentarfilmen über Bürger- und Menschenrechte. Filmemacher*innen und Expert*innen diskutieren mit dem Publikum über Fragen, die Menschen in der Stadt bewegen, lokal und global: , Rassismus und Diskriminierung, Überwachung und Datenspeicherung, Teilhabe an einer gerechten Gesellschaft – Menschsein und Menschenrechte in der digitalen Welt.
Die Filmreihe versteht sich auch als Plattform für Berliner Bürger- und Menschenrechtsinitiativen, die zu den in den Filmen verhandelten Fragen arbeiten.
Die Filmreihe wird organisiert von der Humanistischen Union, Deutschlands ältester Bürgerrechts-Organisation (mitbegründet von Fritz Bauer), One World Berlin Human Rights Film Festival, das sich seit 2004 durch Menschenrechts-Filmarbeit engagiert, und dem Lichtblick-Kino.
Ein Bulle sieht rot(Un condé, Frankreich/Italien 1970)
Regie: Yves Boisset
Drehbuch: Claude Veillot, Yves Boisset, Sandro Continenza
LV: Pierre-Vial Lesou: La Mort d’un condé, 1970 (später auch „Un condé)
Inspektor Favenin sucht den Mörder seines Partners. Dabei ist er nicht zimperlich.
TV-Premiere eines harten Polizeithrillers, der damals deswegen mit der Zensur zu kämpfen hatte.
„Boissets für damals sehr brutaler Polizeifilm löste wegen seiner Kritik an den Methoden der Polizei einen Sturm der Entrüstung aus. Dabei hatte er nur weitergeführt, was Melville in ‚Le Deuxième soffle‘ angedeutet hatte: Die Polizei foltert.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Tja, das war noch, bevor Inspektor Lavardin auf die Welt losgelassen wurde.
mit Michel Bouquet, Françoise Fabian, John Garko, Michel Constantin, Anne Carrère, Rufus, Théo Sarapo, Adolfo Celi
James Bond 007 – Skyfall(Skyfall, Großbritannien/USA 2012)
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade, John Logan
LV: Charakter von Ian Fleming
James Bond jagt Raoul Silva, der zuerst die Datei mit den Identitäten von allen Geheimagenten, die undercover in Terroristennetzwerken arbeiten, entwendet und dann den gesamten britischen Geheimdienst ins Nirvana schicken will, weil M(ama) nicht nett zu ihm war.
Höhepunkt des RTL-James-Bond-Tages, der um 5.45 Uhr mit „James Bond 007 jagt Dr. No“ beginnt. Danach folgen „Goldfinger“ (um 7.30 Uhr), „Leben und sterben lassen“ (um 09.45 Uhr), „Octopussy“ (um 12.20 Uhr), „Der Hauch des Todes“ (um 15.00 Uhr) und „Being James Bond“ (einstündige Doku über Daniel Craig, um 17.40 Uhr und um 04.10 Uhr).
mit Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ralph Fiennes, Naomie Harris, Bérénce Marlohe, Ben Whishaw, Albert Finney, Rory Kinnear, Ola Rapace
Am Freitag, den 1. Oktober 2021, unterhielt die Kriminalakte sich, wenige Stunden nach der Weltpremiere des neuen James-Bond-Films „Keine Zeit zu sterben“, mit Danny Morgenstern über die von ihm besuchte Premiere in London, den Film, die Daniel-Craig-James-Bond-Filme und Morgensterns neues Buch „Das ultimative James-Bond-Quizbuch“ (Cross Cult, 2021).
Trotz meiner Spoilerwarnung am Anfang des Videos verraten wir sehr wenig von der Handlung des Films. Wer aber auf der sicheren Seite sein möchte, stoppt das Video spätestens in dem Moment, in dem wir beginnen über den neuen Film zu reden.
Danny Morgenstern veröffentlichte zahlreiche Bücher zu James Bond und vor allem den James-Bond-Filmen. Zu diesen Büchern gehören die zuletzt bei Cross Cult erschienenen Bücher „Das ultimative James-Bond-Quizbuch“ und „Unnützes James-Bond-Wissen“.
Daneben veröffentlicht er zu einzelnen James-Bond-Filmen die jeweils auf 1007 Exemplare limitierten 007-XXS-Bücher. Bisher gibt es XXS-Bände zu den ersten sechs 007-Filmen, zu „Der Mann mit dem goldenen Colt“, „Im Angesicht des Todes“, „Casino Royale“, „Ein Quantum Trost“ und „Spectre“. In wenigen Wochen erscheint „Diamantenfieber“. Damit wäre die Sean-Connery-Ära im 007-XXS-Format vollständig behandelt.
Danny Morgenstern: Das ultimative James-Bond-Quizbuch Cross Cult, 2021 448 Seiten
15 Euro
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Der Film
Keine Zeit zu sterben (No time to die, Großbritannien 2021)
Regie: Cary Joji Fukunaga
Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade, Cary Joji Fukunaga, Phoebe Waller-Bridge (nach einer Geschichte von Neal Purvis, Robert Wade und Cary Joji Fukunaga) (basierend auf – das ist zu schön um es auf ein schnödes „Figur von Ian Fleming“ zu reduzieren – „The James Bond novels and stories written by Ian Fleming, and the 24 James Bond motion pictures produced by Danjaq, LLC and its predecessors in interest“)
mit Daniel Craig, Rami Malek, Léa Seydoux, Lashana Lynch, Ben Whishaw, Naomie Harris, Jeffrey Wright, Christoph Waltz, Ralph Fiennes, Rory Kinnear, David Dencik, Ana de Armas, Billy Magnussen, Dali Benssalah
alternative Schreibweise „James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“
Bei einer Razzia wird der Biogenetiker Dr. Berthold Hoffmann (Bruno Ganz) von einem Polizisten angeschossen. Durch den Kopfschuss hat er sein Gedächtnis verloren. Die Polizei behauptet, dass Hoffmann ein gefährliche Terrorist sei und den Polizisten angegriffen habe. Seine Freunde sagen, er sei ein harmloser Bürger und Opfer des Polizeiterrors.
Packender Polit-Thriller, der das damalige Klima des Deutschen Herbst aufgreift und immer mehr zu einem intelligentem Psychodrama wird, das bis zum letzten Bild (und darüber hinaus) zum Nachdenken über die eigene Position anregt.
mit Bruno Ganz, Angela Winkler, Hans-Christian Blech, Heinz Hönig, Hans Brenner, Udo Samel, Eike Gallwitz, Hans Noever
Aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller
Pulp Master, Berlin 2021
302 Seiten, 14,80 Euro
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2 (4) James Sallis: „Sarah Jane“
Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger
Liebeskind, München 2021
218 Seiten, 20 Euro
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3 (-) Ivy Pochoda: „Diese Frauen“
Aus dem Englischen von Sigrun Arenz
ars vivendi, Cadolzburg 2021
360 Seiten, 23 Euro
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4 (-) Tana French: „Der Sucher“
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Scherz, Frankfurt am Main 2021
496 Seiten, 22 Euro
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5 (5) Christoffer Carlsson: „Unter dem Sturm“
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
Rowohlt, Hamburg 2021
464 Seiten, 22 Euro
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6 (2) Susanne Saygin: „Crash“
Heyne, München 2021
416 Seiten, 12,99 Euro
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7 (1) Garry Disher: „Barrier Highway“
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Unionsverlag, Zürich 2021
346 Seiten, 22 Euro
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8 (-) Andreas Pflüger: „Ritchie Girl“
Suhrkamp, Berlin 2021
464 Seiten, 24 Euro
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9 (-) Hannelore Cayre: „Reichtum verpflichtet“
Aus dem Französischen von Iris Konopik
Ariadne im Argument Verlag, Hamburg 2021
256 Seiten, 20 Euro
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10 (-) Frank Göhre: „Das Geld, die Stadt und der Tod“
CulturBooks, Hamburg 2021
160 Seiten, 15 Euro
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Puh, davon liegt auch einiges auf meinem Zu-lesen-Stapel. Im Moment bin ich mit Colin Niels „Nur die Tiere“ beschäftigt. Die Verfilmung „Die Verschwundene“ startet am Donnerstag. Dann dazu mehr.
Wer hat darf denn dieses Jahr mit den Lolas (und dem damit verbundenem Preisgeld) heimgehen? Erstaunlich oft „Ich bin dein Mensch“ und erstaunlich selten „Fabian“. Da gab es wohl so einen „Dominik Graf muss nicht schon wieder alle Preise gewinnen“-Effekt und, wie ich schon bei der Veröffentlichung der Nominierungsliste schrieb, „Ich bin dein Mensch“ ist auch ein guter Film. Der zweite große Gewinner ist „Tides“ – und damit hätten zwei Genrefilme, zwei Science-Fiction-Film, die beide sehenswert sind, groß abgeräumt.
LV: Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer, 2006
Eisenhüttenstadt, DDR, 1956: eine Abiturklasse steht spontan für eine Schweigeminute für die Opfer des ungarischen Volksaufstands auf. Der Regierung gefällt das überhaupt nicht. Sie will unbedingt den oder die Rädelsführer dieser subversiven, staatsgefährdenden Tat finden.
Äußerst gelungene politische Version von „Der Club der toten Dichter“. Kraumes Drama ist ein überzeugendes, auf einer wahren Geschichte basierendes Plädoyer für Zivilcourage.
mit Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler, Isaiah Michalski, Ronald Zehrfeld, Jördis Triebel, Florian Lukas, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek
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Die lesenswerte Vorlage (hier die Ausgabe zum Filmstart)
Buñuel im Labyrinth der Schildkröten (Buñuel en el laberinto de las tortugas, Spanien Niederlande Deutschland 2018)
Regie: Salvador Simó
Drehbuch: Eligio R. Montero, Salvador Simó (basierend auf „Buñuel en el laberinto de las tortugas“ von Fermín Solís)
TV-Premiere. Von der Kritik abgefeierter Animationsfilm über die Entstehung von Luis Buñuels Frühwerk „Las Hurdes – Land ohne Brot“ (Las Hurdes – Tierra sin pan). Die Dreharbeiten in den frühen dreißiger Jahren in der bitterarmen Region Las Hurdes verknüpft Simó mit einer Selbstanalyse von Luis Buñuel, der damals mit seinen surrealistischen Filmen für Aufsehen sorgte, aber keine Geldgeber für weitere Projekte findet.
„Buñuel im Labyrinth der Schildkröten“ wurde unter anderem mit dem Goya und dem Europäischen Filmkreis als Bester Animationsfilm ausgezeichnet.
Mit 164 Minuten ist „Keine Zeit zu sterben“ der längste James-Bond-Film. Er soll die vorherigen vier Bond-Filme mit Daniel Craig zusammenfassen und zu einem Finale führen. Er wurde, wegen der Coronavirus-Pandemie, mehrmals verschoben. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an einen Film, der viel mehr als nur der neue James-Bond-Film sein will.
Diese Erwartung und die Idee der Macher, die Demontage von Bond und den etablierten Regeln eines Bond-Films weiter und zu einem Ende zu führen, lasten dann auch schwer auf dem Film. Über große Strecken wirkt „Keine Zeit zu sterben“ wie ein Bond-Film, der kein Bond-Film, jedenfalls kein traditioneller Bond-Film, sein will.
Ein Bond-Film war, bis Daniel Craig mit „Casino Royale“ eine umfassende Neuorientierung des Franchises begann, ein eskapistischer Agentenfilm mit atemberaubenden Stunts vor traumhaften Landschaften, mit wunderschönen Frauen und Bösewichtern, die mit perfiden Plänen die Welt zerstören wollen. Diese Bösewichter hatten eine atemberaubend große Zentrale, mal in einem Vulkan, mal auf einer Insel, einmal im Weltraum, die im Finale des Films fotogen zerstört wurde. Über Bonds Vergangenheit wussten wir nichts – und es war uns egal. Bis auf den Kampf gegen die weltumspannende Verbrecher-/Terrororganisation Spectre und Ernst Stavro Blofeld, den Kopf von Spectre, gab es zwischen den Filmen keine Verbindung. Jeder Film stand für sich allein. Das wurde in der Craig-Ära anders. Der Erfolg an der Kinokasse bestätigte diese umfassende Neuorientierung. Auch die Kritiken waren überaus positiv und „Casino Royale“ und „Skyfall“ gehören zu den besten Bond-Filmen.
Diesen Weg der Demontage geht Regisseur Cary Joji Fukunaga in seinem ersten Bond-Film konsequent zu Ende.
Der Anfang wirkt dabei noch wie ein normaler Bond-Film, der unmittelbar an den vorherigen Bond-Film „Spectre“ anschließt. James Bond (Daniel Craig) fährt mit seiner Geliebten Madeleine Swann (Léa Seydoux) ins süditalienische Matera. Die gemeinsame Zeit wird durch einen Anschlag von Spectre unterbrochen.
Nachdem Bond fast alle Attentäter getötet hat (einer von ihnen wird ihm später noch Probleme bereiten), setzt er Swann in einen Zug. Er taucht unter.
Fünf Jahre später lebt Bond auf Jamaika ein Leben zwischen Fischer, Müßiggänger und Quartalstrinker. Er trinkt Schnaps wie andere Menschen Wasser trinken. Diese Auszeit wird von seinem CIA-Freund Felix Leiter (Jeffrey Wright) unterbrochen. Er bittet ihn, einen aus England nach Kuba entführten russischen Wissenschaftler (Frag nicht!), aus Kuba rauszuholen.
In Kuba trifft Bond auf seine 00-Nachfolgerin Nomi (Lashana Lynch). Auch sie will den Wissenschaftler haben. Denn er entwickelte in einem vom M (Ralph Fiennes) autorisiertem Geheimprojekt eine sehr gefährliche DNA-Waffe. Mit ihr kein ein Opfer präzise ausgewählt werden. In den falschen Händen kann sie die Menschheit vernichten. Und genau das möchte Lyutsifer Safin (Rami Malek) tun.
Für einen normalen Bond-Film wäre das schon genug Handlung. In „Keine Zeit zu sterben“ sind dann Safin, Swann und Bond noch persönlich miteinander verbandelt, Spectre und der in einem Hochsicherheitsgefängnis sitzende Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz in einem sitzendem Kurzauftritt) sind auch wieder dabei.
Die Geschichte wird in einer atemberaubenden Mischung aus Hektik und Langsamkeit, aus Hyperkomplexität und Einfachheit erzählt. So dürften höchstens die Drehbuchautoren wissen, wer wann wen warum umbringen will. Der Zuschauer geht währenddessen mit der einfachen Geschichte, dass Swann Bonds Geliebte ist und dass Safin der Bösewicht des Films ist. Mit gut drei Stunden wäre allerdings genug Zeit gewesen, die verschiedenen Facetten ihrer Beziehungen auszuleuchten. Stattdessen geht es von einer Station zur nächsten, von einem Ort zum nächsten und damit auch von einer Action-Szene zur nächsten, ohne dass die Story erkennbar voranschreitet, weil Bond zuerst in den Ruhestand geht, dann von der CIA reaktiviert wird und viel später, nach einer ordentlichen Portion Action in Kuba und auf hoher See, seinen alten Arbeitgeber in London besucht und darum bittet, wieder 007 zu werden. Diese umständliche und zeitraubende Reaktivierung von 007 wird später durch das schnelle Finden von Safins Zentrale mit einem schnöden Tastaturklick wettgemacht. Trotz aller Verwicklungen bleibt die Geschichte weitgehend episodisch, wenn Bond von einem Drecksloch zum nächsten Drecksloch reist.
Denn noch niemals sahen die touristischen Orte, die Bond auf seiner Mission besucht, hässlicher aus als in „Keine Zeit zu sterben“. Damit spiegeln sie Bonds düsteren Gemütszustand wieder. Aus dem sein Leben als globetrottender Spion mit unbegrenztem Spesenkonto und der Lizenz zum Töten geniesender Mann, wurde ein einsamer, gebrochener, verzweifelter Mann, der im Leben keinen Sinn mehr sieht. Sicher, es gibt noch seine früheren Berufskollegen, die ihn in den vergangenen Jahren nicht gesehen haben, und einige damit verbundene Loyalitäten. Aber seine große Liebe Vesper Lynd ist tot. Seine zweite große Liebe, Madeleine Swann, hat er, nachdem sie ihn verraten hat, weggeschickt. Sein Selbstmitleid ertränkt er im Alkohol. Die dunklen und unscharfen Bilder – für mein Empfinden sind sie zu dunkel und zu unscharf – visualisieren Bonds Gemütszustand. Er fühlt sich schlecht. Er sieht keinen Sinn mehr im Leben. Eine mögliche Vaterschaft – Swann hat eine ungefähr fünfjährige Tochter – ändert daran nichts.
Auch die Action-Set-Pieces passen sich dieser alkoholgetränkten, suizidalen Düsternis an. Die durchgehend am besten aussehende Actionszene spielt an einem hellichten, sonnigen Tag in Matera und ist am Filmanfang. Im Trailer, in dem etliche Bilder von ihr verwendet werden, sieht sie sogar besser aus als im Film.
Die anderen Action-Szenen wirken immer wie eine lästige Pflichterfüllung, die reichlich ruppig erledigt wird. Wobei eine spätere Actionszene in einem nebligen Wald spielt, was ihr eine irreale Atmosphäre verleiht. Vor allem weil außerhalb des Waldes am hellichten Tag die Sicht außergewöhnlich gut ist.
Das Finale spielt selbstverständlich in der Zentrale des Bösewichts. Diese liegt auf einer zwischen Japan und Russland liegenden Insel, für deren Schönheiten sich niemand interessiert. Sie ist eine am Wasser liegende Weltkrieg-II-Bunkeranlage, die etwas für Fans brutalistischer Bauwerke und grauer Betonwände ist. Ein reiner Zweckbau zum Arbeiten. Leben möchte dort niemand.
Und so ist „Keine Zeit zu sterben“ ein Bond-Film, der bis zum Finale die Erwartungen an einen Bond-Film möglichst ignoriert. Das Ergebnis ist ein Bond-Film, bei dem sich niemals das altbekannte Bond-Feeling einstellt.
Dieser Mut ist anerkennenswert.
Aber zu einem guten Film macht es den fünften Craig-Bond nicht. Dabei ist es einerlei, ob ich ihn an der Erwartung eines traditionellen Bond-Films oder an der eines Actionfilms über einen desillusionerden Agenten, der aus dem Ruhestand zurückkehren muss und in sein letztes Gefecht stolpert, messe. Immer ist der Actionfilm zu lang und zu uneinheitlich inszeniert. Die Geschichte ist zu konfus und zerfahren erzählt. Der Hauptbösewicht wird an die Seitenlinie verbannt. Es gibt zu viele Auftritte von Bekannten aus früheren Filmen, die primär die Funktion eines letztendlich verzichtbaren Gastauftritts haben.
Damit bleibt „Keine Zeit zu sterben“ deutlich hinter den Erwartungen zurück.
Keine Zeit zu sterben (No time to die, Großbritannien 2021)
Regie: Cary Joji Fukunaga
Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade, Cary Joji Fukunaga, Phoebe Waller-Bridge (nach einer Geschichte von Neal Purvis, Robert Wade und Cary Joji Fukunaga) (basierend auf – das ist zu schön um es auf ein schnödes „Figur von Ian Fleming“ zu reduzieren – „The James Bond novels and stories written by Ian Fleming, and the 24 James Bond motion pictures produced by Danjaq, LLC and its predecessors in interest“)
mit Daniel Craig, Rami Malek, Léa Seydoux, Lashana Lynch, Ben Whishaw, Naomie Harris, Jeffrey Wright, Christoph Waltz, Ralph Fiennes, Rory Kinnear, David Dencik, Ana de Armas, Billy Magnussen, Dali Benssalah
alternative Schreibweise „James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“
In der Wüste experimentiert ein Biochemiker an einer Formel, die das Welthungerproblem lösen soll. Als es im Labor zu einem Unfall kommt, entkommt eine riesige, immer größer und gefräsiger werdende Tarantel.
Fünfziger-Jahre-Monster-Heuler, der inzwischen als Klassiker gilt.
mit John Agar, Mara Corday, Leo G. Carroll, Nestor Paiva, Ross Elliott, Clint Eastwood (Kurzauftritt am Filmende als die Welt rettender Armee-Pilot)
Pesthauch des Dschungels(La Mort en ce jardin, L Muerte en este jardin, Mexiko/Frankreich 1956)
Regie: Luis Buñuel
Drehbuch: Luis Alcoriza, Luis Buñuel, Raymond Queneau, Gabriel Arout (nach der Erzählung von José-André Lacour)
Irgendwo in Südamerika: die rechte Junta schlägt einen Aufstand von Diamantensuchern blutig nieder. Eine wild zusammengewürfelte Gruppe – ein Glücksritter, eine Prostituierten, ein Priester, ein alter Mann und seine taubstumme Tochter – flieht in den Urwald.
Ein Meisterwerk aus Buñuel sogenannter kommerzieller Phase, das damals in deutschen Kinos in einer gekürzten Fassung lief. Arte zeigt die Originalfassung.
„gehört zu Luis Buñuels schönsten Arbeiten seiner mexikanischen Schaffensperiode“ (TV-Spielfilm: Das große Filmlexikon)
mit Simone Signoret, Charles Vanel, Georges Marchal, Michel Piccoli, Michèle Girardon, Tito Junco
Der diskrete Charme der Bourgeoisie (Le charme discret de la bourgeoisie, Frankreich 1972)
Regie: Luis Buñuel
Drehbuch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière
Sechs miteinander befreundete Mitglieder der Bourgeoisie wollen sich zum gemeinsamen Abendessen treffen. Aber aufgrund seltsamer und absurder Zufälle scheitert das gemeinsame Essen immer wieder.
Ein Buñuel-Klassiker. Eine surrealistische Satire auf das Großbürgertum und eine Absage an die herkömmliche Spielfilmdramaturgie.
mit Fernando Rey, Delphine Seyrig, Stéphane Audran, Jean-Pierre Cassel, Paul Frankeur, Bulle Ogier, Julien Bertheau, Michel Piccoli
Phoenix, 16.00 (um 21.15 Uhr mit einer internationalen Wahlrunde, bzw. in der Senderschreibweise „phoenix internationale wahlrunde“)
RTL, 12.00 (ist da wohl wie Fußball. Das Spiel dauert neunzig Minuten, die Vorberichte mindestens hundertachtzig Minuten)
3sat zeigt Märchen, Arte „Die Unbestechlichen“ (um 20.30 Uhr, um 23.00 Uhr gbit es ein Spezial zur Wahl) und bei den anderen Sendern geben die Politiker:innen sich die desinfizierte Klinke in die desinfizierte Hand.
Um 18.00 Uhr sehen wir, wer bei den Umfragen vorne liegt, wer um 18.15 Uhr (spätestens) in der ersten Hochrechnung vorne liegt und wer danach in Berlin (hier gibt es Bundes- und Landtagswahlen und Bezirkswahlen und einen bundesweit beachteten Mieten-Volksentscheid) regiert.
Wer es gerne lokalpatriotischer hat, kann auf seinem Regionalsender die dortige Wahlberichterstattung verfolgen. WDR, NDR, BR (mit einer Unterbrechung für das 2012er Trachtler- und Musikantentreffen in der Oberpfalz) SWR/SR und HR bieten Gespräche mit den Lokalmatadoren an.
Eine Frau bittet ihren Mann ohne einen ersichtlichen Grund, sie zu verlassen. Die geplante Befreiung von ihrem Mann führt allerdings zu einem immer größeren Rückzug von der Welt.
Selten gezeigtes Spielfilmdebüt von Peter Handke. „komplexe Studie einer Frau und ihrer Einsamkeit. (…) besteht aus einer Reihe von alltäglichen Ereignissen im Leben einer Frau und ihrem Kind zuhause, wodurch ein Gefühl von Zeitlosigkeit und Schlichtheit entsteht, das an die großen japanischen Regisseure erinnert.“ (Lynda Myles, The Scotman, zitiert nach Robert Fischer/Joe Hembus: Der Neue Deutsche Film)
Danach, um 01.40 Uhr, zeigt der NDR „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, der erste richtige Spielfilm von Wim Wenders, basierend auf dem Roman von Peter Handke.
mit Edith Clever, Bruno Ganz, Markus Mühleisen, Bernhard Minetti, Bernhard Wicki, Angela Winkler, Rüdiger Vogler, Michel Lonsdale, Gérard Depardieu, Hanns Zischler
Warum sollen Außerirdische immer in Kalifornien landen? Warum nicht auch einmal auf Kuba? Immerhin ist das eine schöne Insel in der Nähe des Bermuda-Dreiecks, das ja für seine spurlos verschwundenen Schiffe und Flugzeuge bekannt ist. Und warum sollen die Aliens nicht ganz freundliche Gesellen sein? Jedenfalls scheinen die Außerirdischen in „Die außergewöhnliche Reise der Celeste Garcia“ freundliche Gesellen zu sein. Sie bieten nämlich, als Austausch für bereits gewährte Gastfreundschaft, einer begrenzten Zahl von Menschen einen Besuch auf ihrem Heimatplaneten Gryok an. Der Ansturm auf diese Tickets ist groß.
Celeste Garcia, eine ehemalige, sechzigjährige Lehrerin, die jetzt als Teilzeitführerin im Planetarium Kinder für das Weltall begeistert, beteiligt sich nicht an dem Run auf die Tickets. Sie hat nämlich von ihrer Nachbarin, einer seltsamen, jetzt spurlos verschwundenen Russin, eine persönliche Einladung erhalten. Celeste vermutet, dass sie zu den Außerirdischen gehört und mit einer Tarnidentität in Havanna lebte.
Vor dem Abflug nach Groyk muss Celeste in ein Vorbereitungslager, das wie eine Mischung aus Jugendfreizeitlager und lasch geführtem Gefängnis mit Mehrbettzimmern aussieht. Celeste wird bei einem älterem Musiker und zwei Frauen einquartiert. Eine der Frauen ist hochschwanger. Sie glaubt, dass der Vater einer der Außerirdischen ist.
Unter den anderen Ausreisewilligen ist auch ein Nachbar von Celeste, der offensichtlich in die ungefähr gleichaltrige Celeste verliebt ist. Aber Celeste hat kein Interesse. Denn welcher vernünftige Mann würde sich in sie verlieben?
Arturo Infantes Spielfilmdebüt „Die außergewöhnliche Reise der Celeste Garcia“ ist eine sehr sympathische Low-Key-Komödie, die wegen ihres gemächlichen Tempos, dem unverbrauchtem Handlungsort, ihrer grundsympathischen Figuren, die gemeinsam in dem Camp abhängen und ihre kleinen Fluchten genießen, und dem allumfassendem Retro-Feeling gefällt.
Die außergewöhnliche Reise der Celeste García (El viaje extraordinario de Celeste García, Kuba/Deutschland 2018)
Regie: Arturo Infante
Drehbuch: Arturo Infante
mit Maria Isabel Díaz, Omar Franco. Néstor Jiménez, Yerlin Pérez, Tamara Castellanos, Verónica Díaz Viera, Roberto Espinosa, Daysi Quintana
Kaum aus der Haft entlassen schlägt Babtou bei einer spontanen Willkommensfeier auf einer Kreuzung einen Polizisten zusammen. Der Polizist hatte seinen besten Kumpel Dennis angegriffen. Als Babtou sich schon mental auf seinen nächsten Gefängnisaufenthalt vorbereitet, eröffnen die äußerst unsympathischen Beamten ihm, dass er, obwohl in Deutschland geboren, in den Senegal ausreisen muss. Daher kommt sein Vater und damit ist das nach dem deutschen Gesetz seine Heimat.
Babtou will allerdings nicht ausreisen. Frankfurt am Main ist seine Heimat. Dort will er bleiben. Und die einzige Möglichkeit, wie ihm das gelingen könnte ist, so seine Anwältin, eine in den nächsten Tagen geschlossene Ehe mit einer deutschen Frau.
Dummerweise haben alle Frauen, die der Kleinkriminelle Babtou kennt, so schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht, dass sie ihn unter keinen Umständen heiraten würden. Inzwischen ist aber auch die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt. Deshalb schlägt Babtou Dennis, seinem besten Kumpel seit Kindertagen, vor, dass sie eine Scheinehe eingehen. Schließlich hängen sie sowieso ständig miteinander ab. Außerdem wissen die beiden überzeugten und von sich überzeugten Heteros eigentlich alles übereinander.
Dennis ist einverstanden – und damit für die beiden Jugendfreunde ein wahrer Spießrutenlauf. Sie müssen penetrante Fragen von Beamten der Ausländerbehörde, die sofort eine Scheinehe vermuten, beantworten. Sie müssen zur Tarnung zusammenziehen. Babtous Verbrecherfreunde, alle ausgesprochene Machos, pflegen ihren Hass auf Schwule. Verbal und auch physisch. Und, als seien das noch nicht genug Probleme für die beiden Frankfurter Jungs, ist Dennis‘ Freundin schwanger von Dennis. Währenddessen geht Babtou, wenn er nicht gerade ein Auge auf die Nachbarin wirft, in seiner Rolle als seine Homosexualität offensiv auslebender Homosexueller auf. Als erstes dekoriert er ihre gemeinsame Wohnung mit dem Nippes und den Bildern, die gestrenge Beamte bei Homosexuellen vermuten. Danach muss, wenn sie von bestimmten Personen in der Öffentlichkeit gesehen werden, geknutscht werden.
„Toubab“ ist eine angenehme Überraschung in der deutschen Filmlandschaft. Der Film ist eine rotzfreche Komödie, die sich mit aktuellen Problemen beschäftigt und sie niemals sozialarbeiterisch löst. Hier prallen Gegensätze aufeinander, ohne dass gleich eine einfache, alle zufriedenstellende Lösung angeboten wird. Im Gegensatz zu dem tonal anders gelagertem, ansonsten ebenso überzeugendem Ghettodrama „Ein nasser Hund“ basiert „Toubab“ nicht auf einer wahren Geschichte. Die Inspiration waren Theater- und Kunstprojekte, die Florian Dietrich in Wiesbaden im Gefängnis machte. Dabei begegnete er Häfltlingen, die gegen eine Abschiebung kämpften. Sie waren in Deutschland geboren und lebten seitdem in Deutschland. Aber vor dem Gesetz waren sie keine Deutschen, sondern Geduldete, deren Aufenthaltsbewilligung immer wieder verlängert wurde und die jetzt in ihre Heimat abgeschoben werden sollten. Es ist eine Heimat, die sie nicht kennen. Ausgehend von diesen Begegnungen entstnd die Idee, dieses Problem in einem Spielfilm zu verarbeiten. Und zwar nicht als dröges Sozialdrama, sondern als eine Screwball-Comedy, in der Katastrophe auf Katastrophe folgt. Das aus weitgehend unbekannten oder wenig bekannten Schauspielern bestehende Ensemble ist wunderbar stimmig. Das Milieu, in die sich bewegen, ist stimmig geschildert. Die Pointen sitzen. Und die Pointendichte ist hoch in diesem Loblied auf die Freundschaft.
Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der von Farba Dieng gespielte Babtou, ein großspuriger, aber immer sympathischer Kleingangster, der jede Situation mit einem breiten Grinsen und unerschütterlichem Optimismus meistert. Er wirkt wie die deutsche Ausgabe von Omar Sy oder Jean-Paul Belmondo, der früher auch so liebenswerte Taugenichtse spielte.
Toubab (Deutschland 2021)
Regie: Florian Dietrich
Drehbuch: Florian Dietrich, Arne Dechow
mit Farba Dieng, Julius Nitschkoff, Seyneb Saleh, Michael Maertens, Valerie Koch, Paul Wollin, Burak Yiğit, Nina Gummich, Uwe Preuss, Ibrahima Sanogo, Thelma Buabeng, Mehmet Ateşçi, Gerdy Zint, Julia Gräfner, Kwam.E, Tamer Arslan, Christopher Vantis
LV: George Orwell: Nineteen Eighty-Four, 1949 (1984)
1984 ist die Welt in drei sich bekämpfende Machtblöcken aufgeteilt. In dem Überwachungsstaat Ozeanien lebt Winston Smith das Leben eines kleinen Angestellten im Wahrheitsministerium. Der Große Bruder hat überall seine Augen. Auch als er sich in Julia verliebt
TV-Premiere der unbeliebten Verfilmung von Orwells Dystopie. Der Science-Fiction-Film ist „eine Hymne an die Vorsicht. Die vereinfachte Version des Buches verwendet wenig Aufmerksamkeit auf die Ideen, die es zu einem derart bedeutsamen Werk haben werden lassen.“ (Phil Hardy, Hrsg.): Die Science Fiction Filmenzyklopädie)
Mit Edmond O’Brien, Jan Sterling, Michael Readgrave, David Kossoff, Mervyn Johns, Donald Pleasence
alternative Schreibweise: Neunzehnhundertvierundachtzig