TV-Tipp für den 24. Oktober: Neonstadt

Oktober 24, 2015

BR, 23.35
Neonstadt (Deutschland 1982, Regie: Gisela Weilemann, Helmer von Lützelburg, Dominik Graf, Johann Schmid, Wolfgang Büld)
Drehbuch: Gisela Weilemann, Helmer von Lützelburg, Dominik Graf, Johann Schmid, Stefan Wood, Wolfgang Büld
TV-Erstausstrahlung eines aus fünf Kurzfilmen bestehenden Episodenfilms, inszeniert von Absolventen der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Heute ist Dominik Graf der bekannteste der damals beteiligten Regisseure, die einen Blick auf die „No Future“-Jugend warfen und, mit der Musik der NDW-Band Fehlfarben und D. A. F., versuchten das damalige Lebensgefühl einzufangen.
Als Zeitdokument wertvoll, filmhistorisch sicher weniger.
„teils satirisch, teils melodramatisch, oft schick gestylt, meist allzu deutlich an ausländischen Vorbildern und Genre-Klischees orientiert – und durchgängig von der illusionslos-trotzigen ‚No Future’Attitüde geprägt, die damals Mode war.“ (Lexikon des internationalen Films)
„Lediglich zwei Beiträge sind zumindest teilweise gelungen: Dominik Grafs ‚Running Blue‘, eine Hommage an die Agentenfilme, und vor allem Helmer von Lützelburgs ‚Star‘, der als ironische Komödie beginnt und als Melodram endet.“ (Fischer Film Almanach 1983)
mit Michael May, Christiane Felscherinow (aka Christiane F.), Billie Zöckler, Axel Kuner, Wolfgang Fink, Charles Brauer, Stefan Wood, Barbara Freier, Axel Milberg, April de Luca, Axel Schmalschläger
Hinweise
Wikipedia über „Neonstadt“
BR über „Neonstadt“

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 23. Oktober: Diabolisch

Oktober 23, 2015

3sat, 22.30
Diabolisch (USA 1996, R.: Jeremiah S. Chechik)
Drehbuch: Don Roos
LV: Pierre Boileau/Thomas Narcejac: Les diaboliques: Celle qui n´etait pas, 1952 (Die Teuflischen; Tote sollen schweigen)
Mia und Nicole bringen das Ekel Guy um. Als seine Leiche verschwindet und eine neugierige Polizistin auftaucht, beginnt die brüchige Partnerschaft von Mia und Nicole merklich zu bröckeln.
Boileau/Narcejacs Thriller wurde 1954 von Henri-Georges Clouzot genial verfilmt unter dem Titel „Les Diaboliques“/“Die Teuflischen“. Hollywood versuchte vierzig Jahre später diesen Film zu toppen; jedenfalls bezog sich Drehbuchautor Dan Roos explizit auf Clouzots Film – und scheiterte. Da hilft auch die gute Besetzung nicht.
J.J. Abrams, der Erfinder von „Alias“ und „Lost“ und Regisseur von „Mission Impossible 3“, „Super 8“, den letzten beiden „Star Trek“-Filmen und dem neuen „Star Wars“-Film, hat eine kleine Rolle als Kameramann.
Mit Sharon Stone, Isabelle Adjani, Chazz Palminteri, Kathy Bates, J.J. Abrams
Wiederholung: Samstag, 24. Oktober, 03.10 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Diabolisch“
Wikipedia über „Diabolisch“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Walk – Eine wahre Geschichte“ zwischen zwei Wolkenkratzern

Oktober 22, 2015

Der Erzähler steht auf der Freiheitsstatue, im Hintergrund sehen wir das World Trade Center und er begrüßt uns (im Original) mit einem fürchterlich dickem französischen Akzent, der ihn gleich als einen Blender abstempelt. Und das ist Philippe Petit auch. Irgendwie. Denn der Franzose ist ein Hochseilartist, einer der mit kleinen Kunststücken und Variete-Nummern, die er in seiner Anfangszeit im Zirkus (seltener) und auf der Straße (öfter) aufführte. Natürlich ohne sich um irgendwelche Genehmigungen zu kümmern. Was zum ständigen Ärger mit den Ordnungshütern führt. Er ist einer, der das große Publikum sucht. Es unterhalten und erfreuen will. Sein Tanz zwischen den Türmen des Notre Dame war nicht genehmigt. Die Menschen blieben stehen und klatschten. Auf die Schlagzeilen, die ihn auch bei der Verhaftung zeigen, ist Petit stolz.
Aber er sucht nach einer größeren Herausforderung und da entdeckt er beim Zahnarzt in einem Magazin einen Artikel über das sich im Bau befindende World Trade Center. Petit will, vor der Eröffnung und natürlich ohne irgendeine Genehmigung, zwischen den beiden Türmen tanzen. In 417 Meter Höhe auf einem ein Zoll breitem Seil.
„The Walk“ von „Zurück in die Zukunft“-Regisseur Robert Zemeckis erzählt die wahre Geschichte von Philippe Petit (erzählt aus seiner Sicht) und seinem Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Center, den er am 7. August 1974 durchführte. Letztendlich tanzte er 45 Minuten zwischen den Türmen, ehe er sich in die Hände der ängstlich wartenden Polizisten begab und am nächsten Tag die Schlagzeilen beherrschte. Denn ihm gelang es mit seinem tollkühnen (um nicht zu sagen wahnsinnigen) Akt, die sich von nichts ablenkenden und ins Erstaunen versetzenden New York auf dem Weg zur Arbeit zum Stillstehen zu bewegen.
Zemeckis, dem schon während des gesamten Films immer wieder spektakuläre Bilder gelingen, die die Schwindelfreiheit des Zuschauers auf eine harte Probe stellen, zeigt im dritten Akt, Petits Drahtseilakt so realistisch, dass man, auch wenn man sich bis dahin für schwindelfrei hielt, jetzt daran zweifelt. Außerdem schwitzt man, obwohl man im sicheren Kinosessel sitzt und weiß, wie die Geschichte endete, Wasser und Blut und hat, wenn Petit sich auf dem Seil noch einmal umdreht und vor den Polizisten zum anderen Wolkenkratzer wegläuft, nur einen Gedanken hat: „Mensch, verlass das Seil! Du wirst noch runterfallen!“
Dass Joseph Gordon-Levitt dabei niemals in Lebensgefahr schwebte, dass diese Szenen vor allem mit CGI-Hilfe entstanden; – egal. Auch dass Zemeckis immer wieder die Gedanken von Petit visualisiert und damit den Weg, den Petit auf dem Seil gehen will, in einem sich vor unseren Augen über die Leinwand spannendes Seil, das so nur in einem Computer entstehen kann, zeigt, ist egal. Es sieht beängstigend echt aus. Vor allem auf der großen IMAX-Leinwand (wobei die bekannten IMAX-3D-Probleme mich immer wieder aus dem Film rissen). In „The Walk“ gelingt es Zemeckis, wieder einmal, die Technik in den Dienst der Geschichte zu stellen.
Da verzeiht man auch, dass die Filmgeschichte äußerst konventionell und überraschungsfrei von Petits Kindheit über seine Ausbildung bei Papa Rudy (Ben Kingsley, gewohnt herrisch) und seine Tage als Pariser Straßenkünstler erzählt ist. Der immergleiche leicht satirisch überspitzte, amüsierte Tonfall in Wort und Bild und die die Realität konstant überhöhende Inszenierung lässt auch alle Charaktere als eher eindimensionale Erfüllungsgehilfen von Petits Vision erscheinen.

The Walk - Plakat
The Walk – Eine wahre Geschichte (The Walk, USA 2015)
Regie: Robert Zemeckis
Drehbuch: Robert Zemeckis, Christopher Browne
LV: Philippe Petit: To Reach the Clouds: My High Wire Walk Between the Twin Towers, 2002
mit Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley, Charlotte Le Bon, James Badge Dale, Clément Sibony, César Domboy, Ben Schwartz, Benedict Samuel, Steve Valentine
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
–
Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Walk“
Moviepilot über „The Walk“
Metacritic über „The Walk“
Rotten Tomatoes über „The Walk“
Wikipedia über „The Walk“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „The Walk“

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Flight“ (Flight, USA 2012)

–

Und wer noch mehr über Petits Coup erfahren will, sollte sich die mit dem Oscar ausgezeichnete Dokumentation „Man on Wire“ (GB/USA 2008, Regie: James Marsh) ansehen. Hier der Trailer:

 


Neu im Kino/Filmkritik: Vin Diesel ist „The Last Witch Hunter“

Oktober 22, 2015

Beginnen wir mit dem Positiven bei dem Fantasy-Film „The Last Witch Hunter“: Die Kamera ist angenehm ruhig, es wird auch eher selten geschnitten und, nachdem einige Blockbuster ja aussahen, als habe man einfach Szenen aus verschiedenen, vollkommen inkompatiblen Drehbüchern zusammengepappt, bis die Länge stimmte, ist die Geschichte hier nachvollziehbar. Es gibt den guten Hexenjäger, der eine sehr böse Hexe und ihre ebenso bösen Helfer jagt. Das sind Gut und Böse klar getrennt und wir wissen, dass alles in einem Schlusskampf endet. Eigentlich wissen wir auch, wer gewinnt. Aber das hält uns ja auch nicht davon ab, jeden James-Bond-Film und Western zu sehen.
Dummerweise ist das das Beste, was über die Geschichte gesagt werden kann. Denn anstatt jetzt den Konflikt zwischen Gut und Böse, was ja immer ein Konflikt über verschiedene Wertvorstellungen ist, klar zu konturieren, haben wir ein einziges Chaos, das im Film nur fotogen bebildert wird. Es gibt den edlen Hexenjäger Kaulder, der von Vin Diesel stoisch verkörpert wird. Kaulder ist, nach einem Kampf mit einer Hexe, seit Jahrhunderten unsterblich. Die Hexe war danach, so glauben alle, tot. Er lebt im heutigen New York in einem mondänem Apartment, fährt einen Sportflitzer und verführt reihenweise Stewardessen. Er ist eine Mischung aus James Bond und ‚Highlander‘ Connor MacLeod, der trotz seines unkatholischen Lebensstils von einem Priester des Ordens von Axt und Kreuz betreut und beaufsichtigt wird. Derzeit ist es Dolan, der 36. (Michael Caine). Nummer 37 (Elijah Wood) wird schon in sein Amt eingeführt.
Auf der Seite der Bösen gibt es die Hexenkönigin (Julie Engelbrecht) und ihre mehr oder weniger bösen Handlanger. Besonders tödlich ist Belial (Ólafur Darri Ólafsson). Nur was sie genau verkörpern, was sie wollen (ja, schon klar, die Macht. Aber wozu?) und was sie den heutigen Menschen anbieten, bleibt im Dunkel. Vor allem die Hexenkönigin ist eine mit verstellter Stimme in Zungen sprechender, aus dem Computer stammender, brennender Körper.
Im Presseheft wird die bestenfalls krude Mythologie des Films genauer erklärt. Danach waren die Hexen schon vor der Menschheit auf der Erde und sie sehen sich als die Beschützer der Natur. Sie wollen die Natur gegen die Menschen, die sie ausbeutet und zerstört, bewahren; was, wenn wir es sauber durchklinieren in diesem Fall bedeutet, dass die Guten die Umweltzerstörer sind und das die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen okay ist. Hm, gut, dass diese Mythologie im Film nicht weiter thematisiert wird.
Das nächste Problem des Films sind die Effekte. In älteren Filmen wurden die Hexen und Monster in Handarbeit hergestellt; es wurde mit Masken und Make-Up gearbeitet. Heute agieren die Schauspieler in einer Halle vor einem Green Screen und den Rest erledigt der Kollege Computer. Da wird jeder Kampf zu einer in dunklen Räumen stattfindenden, letztendlich langweiligen CGI-Schlacht in der ein in diesem Fall unsterblicher Mensch gegen einen Haufen anonymer Pixel kämpft.
Letztendlich gibt es keinen Grund sich den seelenlosen und in jeder Beziehung humorfreien „The Last Witch Hunter“ im Kino anzusehen.

The Last Witch Hunter - Plakat

The Last Witch Hunter (The Last Witch Hunter, USA 2015)
Regie: Breck Eisner
Drehbuch: Cory Goodman, Matt Sazama, Burk Sharpless
mit Vin Diesel, Elijah Wood, Rose Leslie, Ólafur Darri Ólafsson, Julie Engelbrecht, Michael Caine, Joe Gilgun, Isaach de Bankolé
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Last Witch Hunter“
Moviepilot über „The Last Witch Hunter“
Metacritic über „The Last Witch Hunter“
Rotten Tomatoes über „The Last Witch Hunter“
Wikipedia über „The Last Witch Hunter“


TV-Tipp für den 22. Oktober: 72 Stunden – The Next Three Days

Oktober 22, 2015

Vox, 20.15

72 Stunden – The next three days (The next three days, USA 2010)

Regie: Paul Haggis

Drehbuch: Paul Haggis (nach dem Drehbuch von Fred Cavayé und Guillaume Lemans für den Spielfilm „Pour Elle“)

Ein Lehrer will seine unschuldig als Mörderin im Knast sitzende Frau befreien.

Paul Haggis („L. A. Crash“, aber auch „Ein Mountie in Chicago“ und „Walker, Texas Ranger“) braucht 133 Minuten für seine Geschichte. Das Original, der französische Thriller „Pour elle“ (Ohne Schuld) von Fred Cavayé mit Vincent Lindon und Diane Kruger braucht nur 96 Minuten.

Trotzdem ist „72 Stunden“, dank Russell Crowe als verliebter und treusorgender Ehemann und Papa, ein unterhaltsamer Thriller für Zwischendurch. Das ist nicht immer logisch und bis dann endlich die Befreiung (vulgo Action nach der schier endlosen Planung und Vorbereitung) beginnt, vergeht viel zu viel Zeit, die einen zwar mit herzigen Bildern aus dem Familienleben des Lehrers erfreut, aber auch ein auffälliges Desinteresse an dem Mordfall zeigt. Und die Wandlung von dem leicht tapsigen Lehrer zu dem eiskalten Planer, der bedenkenlos gegen Gesetze verstößt, geht auch überraschend schnell.

Mit Russell Crowe, Elizabeth Banks, Olivia Wilde, Brian Dennehy, Liam Neeson (nur eine Szene)

Wiederholung: Freitag, 23. Oktober, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „72 Stunden“

Rotten Tomatoes über „72 Stunden“

Wikipedia über „72 Stunden“ (deutsch, englisch)

Cinema Blend: Interview mit Paul Haggis

Indie London: Interview mit Paul Haggis

Meine Besprechung von Paul Haggis‘ „Dritte Person“ (Third Person, Großbritannien/USA/Deutschland/Belgien 2013)

Paul Haggis in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Colt 45“ – ein Polizist mit Problemen

Oktober 21, 2015

„Colt 45“ von Fabrice Du Welz ist ein franco-belgischer Polizeithriller, der zwar all die Knöpfe drückt, die zu einem actionhaltigen, düsteren Polizeithriller gehören, der aber nie wirklich überzeugt oder emotional mitreißt; was auch am Protagonisten Vincent Milès liegt. Milès (Ymanol Perset) ist ein junger, naiver Polizist, der der beste Scharfschütze der französischen Nationalpolizei ist und einem Hindernisparcour als mit Abstand bester Teilnehmer abschließt. Er ist also der Einzelkämpfer, den alle gerne wollen (was für die Filmgeschichte reichlich egal ist). Aber eigentlich will er nur der Nerd in der Waffenkammer sein, der natürlich auch hier der Beste ist. Innerhalb von Sekunden erstellt er Gutachten (weil die Kriminaltechnik gerade überlastet ist) und er experimentiert in seiner Freizeit mit besonders durchschlagkräftiger Munition.
Eines Tages lernt er auf dem Schießstand Milo Cardena (Joey Starr) kennen. Cardena ist ebenfalls ein verdammt guter Schütze und etwas zwielichtig.
Als Milès kurz darauf von einem anderen Autofahrer angegriffen wird, erschießt er ihn in Notwehr und anstatt seine Kollegen zu rufen, bittet er Cardena um Hilfe. Cardena, der den Angriff auf Milès veranlasste, hilft ihm. Er lässt Auto, Leiche und Waffe verschwinden und verlangt – was uns jetzt nicht sonderlich überrascht – als Gegenleistung dafür einige Waffen aus der von Milès geführten Waffenkammer und dessen Super-Munition. Widerwillig gibt Milès sie ihm. Kurz darauf wird seine Munition bei einem Überfall, der von Männern mit Kampfausbildung durchgeführt wurde, verwandt.
Der an Recht und Gesetz glaubende Milès versucht nun, auf eigene Faust, aus dem selbstverschuldeten Schlamassel wieder herauszukommen. Dummerweise ist Cardena spurlos verschwunden, in der Polizei bekriegen sich zwei Polizeieinheiten (Milès arbeitet wegen seiner Waffenkentnisse aushilfsweise in der von Commandant Christian Chavez [Gérard Lanvin]) und sein Vorgesetzter bemerkt die verschwundenen Waffen.
Das klingt jetzt, vor allem angesichts der vielen guten französischen Kriminalfilme der letzten Jahre, nach einem weiteren guten Genrewerk. Aber in „Colt 45“ wirkt alles immer nur behauptet. Da wird mal schnell ein Verdächtiger herbeigezaubert, der dann doch unschuldig und, weil er bei der Verhaftung flüchten wollte, tot ist. Während einer Beerdigung prügeln sich die verfeindeten Polizeieinheiten, weil verfeindete Polizeieinheiten ein fester Topos in französischen Polizeithrillern sind. Polizisten sagen bedeutungsvolles. Das ist immer fotogen dunkel ausgeleuchtet und eigentlich ist jeder Charakter hier ebenfalls nur Dekor. Wenn am Ende Milès im Alleingang gegen die Bösewichter vorgeht und er sie reihenweise und ohne eine erkennbare Emotion umbringt, wird seine vorherige Weigerung, eben dies im normalen Polizeidienst zu tun, noch rätselhafter. Das gleiche gilt für seine Panikattacke, nachdem er in Notwehr den ihn angreifenden Autofahrer erschoss. Jedenfalls hat er jetzt mit dem Töten von Menschen keine Probleme.
Das Ende ist dann eine verquere Mischung aus klassischem Polit-Thriller und Superheldencomic (mit etwas Noir und Pulp), die, wenn „Colt 45“ besser wäre, der Pilotfilm für eine Serie sein könnte. Aber dafür müssten wir irgendetwas für Milès empfinden.
So ist „Colt 45“ trotz ansprechender Optik und durchaus gelungener Actionszenen (die allerdings an einer Hand abzählbar sind) ein ziemlich logikfreier 08/15-Thriller, bei dem nichts wirklich begeistert.

Colt 45 - DVD-Cover

Colt 45 (Colt 45, Frankreich/Belgien 2014)
Regie: Fabrice Du Welz
Drehbuch: Fathi Beddiar, Fabrice Du Welz
mit Ymanol Perset, Gérard Lanvin, Joey Starr, Alice Taglioni, Simon Abkarian, Antoine Basler, Jo Prestia, Salem Kali
–
DVD
Pierrot le Fou
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Französisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial (angekündigt): Trailer, Making of, drei Featuretten, Wendecover
Länge: 84 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Hinweise
AlloCiné über „Colt 45“
Rotten Tomatoes über „Colt 45“
Wikipedia über „Colt 45“


TV-Tipp für den 21. Oktober: Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest

Oktober 20, 2015

Eins Plus, 22.15

Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest (USA 2009, Regie: Antoine Fuqua)

Drehbuch: Michael C. Martin

Hochkarätig besetzter Ensemblefilm über drei Polizisten, die versuchen in Brooklyn ihren Weg zu gehen: der eine wartet nur noch auf seine Pensionierung, der andere will einen Undercover-Einsatz beenden und muss dafür einen Freund verraten, der dritte will Geld für seine Familie besorgen und geht dafür über Leichen.

Die Geschichten mögen etwas zu sehr die bekannten Cop-Film-Klischees bedienen, aber insgesamt ist „Brooklyn’s Finest“ ein sehenswerter, vor Ort gedrehter Cop-Film und damit auch eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft.

mit Richard Gere, Don Cheadle, Ethan Hawke, Wesley Snipes, Vincent D’Onofrio, Will Patton, Lili Taylor, Ellen Barkin, Brían F. O’Byrne, Michael K. Williams

Wiederholung: Donnerstag, 22. Oktober, 03.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gesetz der Straße“

Rotten Tomatoes über “Gesetz der Straße”

Metacritic über “Gesetz der Straße”

Wikipedia über “Gesetz der Straße” (deutsch, englisch)

The Root: Interview mit Michael C. Martin über „Brooklyn’s Finest“

Go into the Story: Interview mit Michael C. Martin über „Brooklyn’s Finest“

Variety über Michael C. Martin (10. Juni 2008)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Southpaw” (Southpaw, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Lars-Kraume-Filme „Familienfest“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“

Oktober 20, 2015

Es geschieht selten, dass von einem Regisseur fast zeitgleich zwei Filme in unseren Kinos anlaufen. Das liegt dann nicht nur an der Produktivität des Regisseurs, sondern auch oft ganz einfach an den Planungen des Verleihs. Bei „Familienfest“, der am Donnerstag anlief, war es auch noch eine erfolgreich verlaufene Premiere beim Münchner Filmfest, die dem TV-Film eine Kinoauswertung bescherrte. In dem hochkarätig besetztem Ensemblestück geht es um ein titelgebendes Familienfest. Der geachtete Klassik-Pianist Hannes Westhoff wird siebzig und seine Frau hat die ganze Familie, inclusive der Ex-Frau, zu der Feier eingeladen. Sie kommen. Jeder hat mindestens ein Problempaket zu tragen und, wie es sich für ein Drama gehört, wird während des Abendessens ordentlich schmutzige Wäsche gewaschen.
Das hat natürlich seine Momente, aber es versprüht auch immer den Charme des TV-Films der Woche. Die Dramaturgie, die Bilder, die weitgehende Beschränkung auf Innen-Sets (eigentlich spielt der gesamte Film wie ein Theaterstück in einer überschaubaren Villa) und die Konflikte, die vor allem den Erfordernissen einer 90-Minuten-Filmdramaturgie gehorchen. Die Ex-Frau ist eine Schnapsdrossel. Der eine Sohn muss mal wieder pleite sein, der zweite schwul (was für den konservativen Vater eine Todsünde ist) und der dritte muss todsterbenskrank sein, seine Krankheit in sich hineinfressen und geschliffene nihilistische Sentenzen deklamieren. Und alle drei sehnen sich immer noch, wie kleine Kinder, nach der uneingeschränkten Liebe ihres Vaters.
Deshalb kommen sie zum Geburtstag des uncharismatischen Ekels, das bei der Erziehung seiner Kinder komplett versagte. Das ist, wenn man die unplausible Prämisse akzeptiert, dass alle freiwillig zum Geburtstag des verhassten Ekels kommen, als Abrechnung mit dem Kultur-Bürgertum unterhaltsam in den vorgegebenen Bahnen.

Ganz anders und ungleich gelungener ist „Der Staat gegen Fritz Bauer“, der zwar auch viel in Innenräumen spielt, aber nie dieses überwältigende TV-Flair von „Familienfest“ hat.
In dem Biopic konzentrieren Kraume und sein Co-Drehbuchautor Oliver Guez sich auf Bauers Rolle bei der Ergreifung des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann 1960 in Argentinien. Der Film beginnt 1957, als der hessische Generalstaatsanwalt Bauer einen glaubwürdigen Hinweis auf den Verbleib von Eichmann in Südamerika erhält. Weil er den deutschen Ermittlungsbehörden, die immer wieder seine Ermittlungen gegen Nazi-Verbrecher sabotieren, misstraut, entschließt er sich, Kontakt mit den israelischen Behörden aufzunehmen. Der Mossad soll Eichmann verhaften und dann nach Deutschland ausliefern, so Bauers Plan. Damit der funktioniert, darf niemand etwas davon erfahren. Denn juristisch handelt es sich um Landesverrat und viele warten nur darauf, dass sie Bauer bei einem Fehler erwischen.
Währenddessen wird der junge Staatsanwalt Karl Angermann sein Vertrauter. Angermann ist einer von Bauers Untergebenen, der ihn wegen eines Verfahrens gegen einen Strichjungen um Rat fragt. Dem Angeklagten wird wegen wechselseitiger Onanie ein Verstoß gegen den von den Nationalsozialisten verschärften § 175 Strafgesetzbuch vorgeworfen. Homosexuelle Handlungen werden regelmäßig mit einem längeren Gefängnisaufenthalt bestraft. Bauer weist den jungen Staatsanwalt auf das „Valentin-Urteil“ von 1951 hin, bei dem zwei Homosexuelle nur zu einer geringen Geldstrafe verurteilt wurden. Nachdem beide zueinander Vertrauen gefasst haben, bezieht Bauer Angermann in seine Suche nach weiteren, vom Mossad geforderten Beweisen über den Aufenthaltsort Eichmanns ein.
Diese Geschichte erzählt Kraume weitgehend in Dialogen, vielen Innenaufnahmen und stimmig ausgestattet. So entsteht schon auf der visuellen Ebene ein Gefühl für die damalige Zeit, in der die Bundesrepublik sich (noch) nicht mit dem Dritten Reich und den personellen, ideologischen und juristischen Kontinuitäten beschäftigen wollte. In diesem Umfeld ist Fritz Bauer ein einsamer Rufer in der Wüste, der nur wenige Unterstützer hat und auf die jungen Deutschen hofft. Diese Hoffnung drückt er auch in der TV-Sendung „Heute Abend Kellerklub“ aus. Im Film wird sie nachgestellt, obwohl der Auftritt erst Jahre später, im Dezember 1964, war.
Das ist eine der wenigen Freiheiten, die sich Kraume nimmt und die ich, im Gegensatz zu einigen Fritz-Bauer-Kennern, für dramaturgisch gerechtfertigt und nachvollziehbar halte (hier mehr zu dieser Diskussion). Die anderen Freiheiten beziehen sich vor allem auf Punkte in Bauers Biographie und die Erfindung von Karl Angermann, der sich mit seiner bislang verheimlichten Homosexualität auseinandersetzen muss. Noch 1957 bestätigte das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des § 175 Strafgesetzbuch. Zwischen 1950 und 1957 wurden über 17.000 Männer wegen „Unzucht“ verurteilt. In den nächsten Jahren erreichte die Verfolgung Homosexueller in Deutschland ihren Höhepunkt. 1957 gab es über 3400 Verurteilungen, 1958 fast 3500, 1959 über 3800 und 1960 über 3400. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Verurteilungen langsam ab. 1969 und 1973 wurde der Straftatbestand zwar reformiert, aber erst 1994 ganz aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Heute ist das einst strafbare Handeln, das bei den Betroffenen auch zu einem entsprechendem Verhalten führte, nicht nur straffrei, sondern auch gesellschaftlich akzeptiert.
Auch wenn der Film Bauer nicht als praktizierenden Homosexuellen, sondern als einen sexuell enthaltsam und allein lebenden Mann zeigt, wird die aufgrund der Forschungslage nicht eindeutig belegte Homosexualität Bauers als Fakt gezeigt. Er musste sie verheimlichen, um als Generalstaatsanwalt seine selbstgewählte Mission zu verfolgen. Denn das SPD-Mitglied war, was im Film ausführlich gezeigt wird, aufgrund seiner Biographie als Flüchtling und Jude und aufgrund seiner Überzeugung, dass Deutschland sich seiner Vergangenheit stellen muss, schon vielfältigen Anfeindungen ausgesetzt. Seine Gegner suchten nur nach Punkten, mit denen sie seine Arbeit sabotieren und seinen Ruf ruinieren konnten.
Im Zentrum des Films steht allerdings eine zweite, heute wieder aktuelle Frage: Was man als Einzelner tun soll, wenn der Staat unrecht handelt oder Unrecht verschweigt. Das zeigen der „Geheimnisverrat“ von Edward Snowden und die inzwischen eingestellten Ermittlungen gegen Netzpolitik.org wegen Landesverrats.
Vor dem Filmstart habe ich mich für die „vorgänge – Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik“ mit Lars Kraume über den Film und die strittigen Punkte unterhalten. Das Interview und meine etwas ausführlichere Besprechung gibt es hier.

Familienfest - Plakat

Familienfest (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Andrea Stoll
mit Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Nele Mueller-Stöfen, Daniel Kraus
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Familienfest“
Film-Zeit über „Familienfest“
Moviepilot über „Familienfest“
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Der Staat gegen Fritz Bauer - Plakat
Der Staat gegen Fritz Bauer (Deutschland 2015)
Regie: Lars Kraume
Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Guez
mit Burghart Klaussner, Ronald Zehrfeld, Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf, Lilith Stangenberg, Götz Schubert, Michael Schenk
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Film-Zeit über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Moviepilot über „Der Staat gegen Fritz Bauer“
Wikipedia über „Der Staat gegen Fritz Bauer“


TV-Tipp für den 20. Oktober: Alice in den Städten

Oktober 20, 2015

ZDFkultur, 22.00
Alice in den Städten (Deutschland 1974, Regie: Wim Wenders)
Drehbuch: Wim Wenders, Veith von Fürstenberg
Fotojournalist Philip sucht mit Alice, deren Fürsorge ihm von einer Zufallsbekannten übertragen wurde, in Deutschland nach Alices Großmutter. Die einzige Spur ist ein Bild von einem Wuppertaler Haus.
Ein Wenders-Klassiker und ein Klassiker des Jungen Deutschen Films
mit Rüdiger Vogler, Yella Rottländer, Edda Köchl, Lisa Kreuzer
Wiederholung: Mittwoch, 21. Oktober, 01.35 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Filmportal über „Alice in den Städten“
Rotten Tomatoes über „Alice in den Städten“
Wikipedia über „Alice in den Städten“ (deutsch, englisch)

Homepage von Wim Wenders

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Wim Wenders in der Kriminalakte

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Bonushinweis


Gerade ist „Every Thing will be fine“, der neue Spielfilm von Wim Wenders mit James Franco, Rachel McAdams, Marie-Josée Croze und Charlotte Gainsbourg in den Hauptrollen bei Warner Home Video auf DVD und Blu-ray (da auch in der 3D-Kinofassung) erschienen. Als Bonus gibt es eine Hörfilmfassung, ein fast vierzigminütiges Making-of und zehn nicht verwendete Szenen (insgesamt über sechzehn Minuten).
Mehr zum Film in einigen Tagen.


Neu im Kino/Filmkritik: „Mediterranea – Refugees welcome?“ Wirklich?

Oktober 19, 2015

Es hätte – zufällig – der Film zur aktuellen Lage werden können. Immerhin arbeitete Regisseur Jonas Carpignano schon jahrelang an dem Thema und seine Premiere hatte „Mediterranea“ bereits im Mai auf dem Cannes-Filmfestival. Es geht um Flüchtlinge, erzählt aus der Perspektive der Flüchtlinge, die von Afrika über das Mittelmeer nach Europa kommen und die „Flüchtlingskrise“ beherrscht seit Wochen die Schlagzeilen. Da kann man den Film, der auf der Seite der Flüchtlinge steht, schnell zum „Film der Stunde“ etikettieren und abfeiern.
Aber bei der Bewertung sollte man zwei Dinge trennen: die Produktion, die guten Absichten und die damit zusammenhängende politische Botschaft (alles begrüßenswert) und die aktuelle Diskussion auf der einen Seite und, auf der anderen Seite, den Film als dokumentarischen Spielfilm. Und gerade hier zeigt er deutliche Schwächen, die vielleicht auch an der langen Produktion liegen. Denn, zum Beispiel, Yousry Nasrallahs „Nach der Revolution“ über die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz und die Revolte in Ägypten wurde, auch mit Laienschauspielern, 2011 während des Arabischen Frühlings gedreht, geschnitten und wenige Wochen später in Cannes präsentiert. Es war und ist ein faszinierendes Zeitdokument, das ausgehend von einer einfachen Liebesgeschichte, die vor allem als roter Faden dient, ein facettenreiches Bild der ägyptischen Gesellschaft liefert und auch, schon damals, zeigte, an welchen gesellschaftlichen Strukturen die Revolution scheitern wird.
Bei „Mediterranea“ war für Regisseur Carpignano die Initialzündung für den Film seine Beobachtungen der Unruhen in Rosarno, einer Kleinstadt im süditalienischen Kalabrien, bei denen mehr als sechzig Menschen verletzt und tausende Migranten evakuiert werden mussten. Das war im Januar 2010. Unmittelbar danach drehte Carpignano schon den Kurzfilm „A Chiana“ (2011) darüber.
Diese Unruhen sind aber nur der aus heiterem Himmel kommende Höhepunkt von „Mediterranea“. Davor wird die Reise von Ayiva und seinem Freund Abas von Burkina Faso quer durch Afrika, über das Mittelmeer bis nach Italien gezeigt. Hier sind auch die besten Momente des Films, in denen gezeigt wird, wie beschwerlich und gefährlich die Reise ist. Ich sage nicht Flucht, weil Ayiva nach Europa will, um seiner Familie ein besseres Leben zu gewährleisten (was ein absolut legitimer Fluchtgrund ist). Die Strapazen, die er dabei auf sich nimmt, sind auch die Strapazen, die alle anderen Flüchtlinge auf sich nehmen müssen, weil Europa sich immer weiter abschottet und Schlepper deshalb eine nachgefragte Dienstleistung anbieten.
Das ist der stärkere Teil von „Mediterranea“. Allein die Reise, der Kampf um das Überleben und die Frage, ob Ayiva und Abas ihr Ziel erreichen, haben genug dramatisches Potential für eine spannende Geschichte. Da muss es keine große Analyse von Fluchtursachen und Abschottungspolitiken geben.
In Italien bewegt sich „Mediterranea“ dann weitgehend in den bekannten Pfaden eines Dramas über Illegale, die um ihr Überleben kämpfen und von Arbeitgebern ausgebeutet werden. Dass in Kalabrien die ‚Ndrangheta einen alles beherrschenden Einfluss hat und dass die Besitzer der Zitrusfrüchteplantagen ihre illegalen Arbeiter ausbeuten, wird erwähnt. Vor allem die niedrigen Tageslöhne und die damit verbundenen sklavenähnliche Zustände auf den Plantagen, werden ausführlicher angesprochen und gezeigt. Als individuelles Verhalten.
Aber die ökonomischen Bedingungen und Strukturen, vor allem die Nutznießer dieser Ausbeutung, werden im Film kaum angesprochen. Über die Hintergründe des Aufstandes erfährt man im Film eigentlich nicht. Es ist eine Eruption der Gewalt. Ohne Sinn und Ziel.
Doch gerade in diesem Teil wäre, wie man aus den klassischen italienischen Polit-Thrillern kennt, eine Analyse der Strukturen und der verschiedenen Akteure, also auch der ‚Ndrangheta, der lokalen Regierung und Verwaltung, der Regierung in Rom und, mindestens, der EU-Politik, wichtig. Im Presseheft finden sich Informationen dazu. Im Film fehlen sie. Diese fehlende Analyse führt dann auch dazu, dass dieser Teil des Films als eher beliebige Abfolge von Impressionen und individuellen Versuchen, sein Schicksal zu meistern, in der Luft hängt und hinter andere Filme, in denen es um Flüchtlingsschicksale und auch sklavenähnliche Verhältnisse geht, zurückfällt.

Mediterranea - Plakat

Mediterranea – Refugees welcome? (Mediterranea, Italien/Frankreich/USA/Deutschland/Katar 2015)
Regie: Jonas Carpignano
Drehbuch: Jonas Carpignano
mit Koudous Seihon, Alassane Sy
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Mediterranea“
Moviepilot über „Mediterranea“
Rotten Tomatoes über „Mediterranea“
Wikipedia über „Mediterranea“ (deutsch, englisch)

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Die andere Meinung, mit O-Tönen


TV-Tipp für den 19. Oktober: The Company You Keep – Die Akte Grant

Oktober 19, 2015

ZDF, 22.15
Die Akte Grant (The Company you keep, USA 2013)
Regie: Robert Redford
Drehbuch: Lem Dobbs
LV: Neil Gordon: The Company you keep, 2003
Nachdem eine Weathermen-Kampfgefährtin verhaftet wird und ein neugieriger Jungspund-Journalist seine vierzig Jahre zurückliegende terroristische Vergangenheit enthüllt, taucht der angesehene Bürgerrechtsanwalt Jim Grant unter. Um, wie der Journalist vermutet, seine Unschuld zu beweisen.
Spannender, im positiven Sinn altmodischer, vor allem auf die Dialoge setzender Polit-Thriller, bei dem der Polit-Teil eher eine Beigabe ist und die vielen bekannten Gesichter, denen Robert Redford (als Grant) auf seiner Flucht vor dem FBI begegnet, erfreuen zuerst das Auge des gestandenen Kinofans und sorgen dann für eine angenehme Verunsicherung. Denn bei diesem All-Star-Ensemble ist schnell vollkommen unklar, wer nur einen kurzen Gastauftritt hat und wer nicht.
Seit einigen Tagen haben Robert Redford und Nick Nolte im Kino ein „Picknick mit Bären“.
mit Robert Redford, Shia LaBeouf, Julie Christie, Susan Sarandon, Nick Nolte, Terrence Howard, Anna Kendrick, Stanley Tucci, Chris Cooper, Richard Jenkins, Brendan Gleeson, Brit Marling, Sam Elliott, Stephen Root, Jackie Evancho
auch bekannt als „The Company you keep – Die Akte Grant“ (Kinotitel)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Die Akte Grant“
Wikipedia über „Die Akte Grant“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 18. Oktober: Departed – Unter Feinden

Oktober 18, 2015

Weil am Donnerstag „Black Mass“ über Whitey Bulger anlief, empfehle ich heute den anderen und besseren Film über Whitey Bulger (auch wenn Frank Costello nur inspiriert von Bulger ist).

Als Vorfilm empfehle ich um 20.15 Uhr auf Arte „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (auch von Martin Scorsese, auch ein grandioser Gangsterfilm)

Pro7, 22.15

Departed – Unter Feinden (USA 2006, Regie: Martin Scorsese)

Drehbuch: William Monahan

Cop Billy Costigan ist Undercover-Agent in der Organisation des Mafiapaten Frank Costello. Gangster Colin Sullivan ist bei der Polizei der Top-Maulwurf für Costello. Beide steigen in den feindlichen Organisationen stetig auf. Da erhalten Costigan und Sullivan von ihrem Boss den Auftrag, den Verräter in den eigenen Reihen zu finden.

„Departed – Unter Feinden“ ist, wie Genre-Junkies wissen, das grandiose US-Remake des ebenso grandiosen Hongkong-Thrillers „Infernal Affairs“ (von Andrew Lau und Alan Mak). Monahan verlegte die Geschichte nach Boston, orientierte sich bei dem Mafiapaten an dem legendären Whitey Bulger und zeichnete ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Die schwächsten Szenen des Remakes sind die weinigen, direkten Übernahmen von Szenen aus dem Original.

Beide Filme sind stilistisch überzeugende Werke über Freundschaft, Loyalität und Verrat.

Monahans Drehbuch erhielt einen Edgar, einen Oscar, den Preis der Writers Guild of America und war für den Golden Globe nominiert (um nur einige zu nennen). Der Film wurde für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch den Oscar für den besten Film des Jahres

Die nächste Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio war die allseits abgefeierte Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ (mir gefiel das Buch besser) und zuletzt war DiCaprio für Scorsese “The Wolf of Wall Street”.

Und William Monahans lieferte danach sein gelungenes Regiedebüt, die Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (mit Colin Farrell, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan und, umpf, Keira Knightley) ab.

Mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Alec Baldwin

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Departed – Unter Feinden“

Metacritic über “Departed – Unter Feinden”

Rotten Tomatoes über “Departed – Unter Feinden”

Wikipedia über “Departed – Unter Feinden” (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Departed“ von William Monahan

Collider: Interview mit William Monahan (Februar 2007)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Meine Besprechung von William Monahans “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung von William Monahans “The Gambler” (The Gambler, USA 2014 – nur Drehbuch)

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Ein Lesebefehl für den True-Crime-Fan

Lehr - O Neill - Black Mass - 4

Pünktlich zum Filmstart von „Black Mass“ erschien das von den „Boston Globe“-Journalisten geschriebene und mit dem Edgar ausgezeichnete Sachbuch „Black Mass“, das als Vorlage für den Film diente. Das Buch ist eine ungemein spannende Lektüre, die einem viel von der US-Kriminalitätsgeschichte erzählt.
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Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass – Der Pate von Boston
(übersetzt von Joachim Körber)
Goldmann, 2015
512 Seiten
9,99 Euro
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Originalausgabe
Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal
PublicAffairs, 2000


TV-Tipp für den 17. Oktober: Mogadischu

Oktober 16, 2015

ARD, 23.40

Mogadischu (Deutschland 2008, Regie: Roland Suso Richter)

Drehbuch: Maurice Philip Remy

Buch zum Film: Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der Landshut, 2008

Nach Heinrich Breloers hochgelobtem Zweiteiler „Todesspiel“ (auch schon über zehn Jahre alt) über den Deutschen Herbst 1977, diversen Dokumentationen (zum Beispiel 2007 ein Zweiteiler) über die RAF, dem zeitgleich im Kino gelaufenem, ziemlich grottigem „Baader Meinhof Komplex“ mutet „Mogadischu“ etwas akademisch an. Denn die Fakten sind bekannt. Am 13. Oktober 1977 entführt ein palästinensisches Kommando die Lufthansa-Maschine Landshut. Nach einem mehrtägigen Irrflug landet das Flugzeug in Mogadischu und die GSG 9 beendet die Geiselnahme.

Neue Erkenntnisse, wie die Beteiligung des KGB an der Entführung und was Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann machte, als er nach einer Notlandung in Aden zwanzig Minuten verschwand, ändern nichts an dem großen Bild.

Aber Autor Remy und Regisseur Richter verarbeiteten diese Geschichte jetzt zu einem die damaligen Ereignisse konzentriert nacherzählendem TV-Spielfilm, der auch im Kino überzeugt hätte. Einziger Kritikpunkt ist die derzeit angesagte Wackelkamera.

„Es ist ein ernsthafter Versuch der Annäherung (an die Wahrheit, A. d. V.). Wir bemühen uns, mit Verantwortung an ein Thema heranzugehen. Die Menschen, die das erlebt haben, sollen nicht davor sitzen und sagen: Was machen die denn da? Was erzählen die da?“ (Remy in der FAZ)

Das gleichnamige „Begleitbuch zum Film ‚Mogadischu’“ von Timo Kortner nimmt eine seltsame Zwischenstellung zwischen einem traditionellem Buch zum Film, also einer höchstens sparsam erweiterten Romanfassung des Drehbuchs, und einem Sachbuch über die Entführung ein. Denn Kortner führt relativ ausführlich in das gesellschaftliche Klima während der Schleyer-Entführung ein und er fügt immer wieder erklärende Passagen ein. Dabei gibt es im Buch und im Film eine Verschiebung der Perspektive von den Tätern zu den Opfern. Der Tatsachenroman „Mogadischu“ erzählt von Menschen in einer Ausnahmesituation und wie sie versuchen, diese zu überleben. Die Entführer bleiben dagegen, bis auf den durchgeknallten Captain Martyr Mahmud, blass. Und die Ideologie der Terroristen wird höchstens in einem Nebensatz gestreift; – was sie als Bösewichter noch bedrohlicher macht.

Kortners „Mogadischu“ ist ein packendes Drama, das auch eine gehörige Portion historisches Wissen vermittelt. Ein feines Buch.

Mit Nadja Uhl, Thomas Kretschmann, Christian Berkel, Said Tagmaqoui, Herbert Knaup, Simon Verhoeven, Jürgen Tarrach

Hinweise

ARD zum Film

FAZ: Interview mit Maurice Philip Remy über “Mogadischu” (24. November 2008)

FAZ (Michael Hahnfeld), Die Welt (Eckhard Fuhr), Spiegel Online (Christian Buß), Süddeutsche Zeitung (Christopher Keil), taz (René Martens), Die Zeit (Margit Gerste) über den Film „Mogadischu“

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Kortner - Mogadischu

Das Buch zum Film

Timo Kortner: Mogadischu – Das Entführungsdrama der ‚Landshut’

Knaur, 2008

272 Seiten

9,95 Euro


Neu im Kino/Filmkritik: „American Ultra“ – Kiffer, Killer, Chaos

Oktober 16, 2015

Mike Howell hängt dauerbekifft mit seiner Freundin Phoebe in West Virginia in dem Kuhdorf Liman ab. Ob er sich wegen seinem Drogenkonsum oder aus anderen Gründen an nichts erinnern kann, ist da eigentlich egal. Er kann und will auch nicht weg aus Liman. Schon an der Stadtgrenze kriegt er die ersten Panikattacken, die erst wenn er von dem Dorfpolizisten freundlich begrüßt wird, abnehmen. Mit ihm, der sein Vater sein könnte, ist er schon lange per Du. Immerhin sitzt er oft genug wegen des Besitzes und Konsums illegaler Substanzen im Gefängnis. Dazwischen jobt er in der Friedhofsschicht im Supermarkt. Während er so tut, als warte er auf die nicht vorhandene Kundschaft, zeichnet er die Abenteuer des Affen „Apollo Ape“.
Eines Nachts kommt eine Frau an seine Supermarktkasse und redet wirres Zeug. Dass sie von der CIA ist und ihre Worte etwas in ihm auslösen sollen, ahnt er nicht. Auch nicht, als er kurz darauf auf dem Supermarkt-Parkplatz zwei Männer mit den Dingen, die ein Slacker so bei sich hat, wie Plastiklöffel und Pappbecher, innerhalb von Sekunden tötet. Auch nicht, als Sekunden später sein Schrottauto in die Luft fliegt. Er erklärt nur fassungslos seiner Freundin, was er getan hat, ehe schon die nächsten Anschläge auf sein Leben durchgeführt werden.
Denn er steht wegen seiner Fähigkeiten (von denen er nichts ahnt) im Fadenkreuz zweier verfeindeter CIA-Agenten, die sehr gegensätzliche Ansichten über sein weiteres Leben haben.
Ich glaube, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass Liman wenige Stunden später ein von der restlichen Welt abgeschiedenes Schlachtfeld ist und Mike immer wieder Dinge tut, die seine Gegner dem eiskalten Killer niemals zutrauen, weil Kifferlogik der natürliche Feind jeglicher rational-militärischen Logik ist.
Kurz gesagt ist „American Ultra“ die durchgeknallte und gewalttätige Slacker-Version von „Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?“ und genau wie bei den Coen-Brüder, geraten bei Regisseur Nima Nourizadeh („Project X“) und Drehbuchautor Max Landis („Chronicle“, demnächst „Victor Frankenstein“, und der Sohn von „Blues Brothers“ John Landis) schnell die Dinge außer Kontrolle, weil alle kompromisslos ihre eigenen Interessen verfolgen, während Mike nur einen ruhigen Ort zum Entspannen sucht.
„American Ultra“ hat keine Scheu vor abstrusen Wendungen (wobei wir einige Wendungen schon aus anderen Büchern, Comics, Filmen und TV-Serien mehr oder weniger kennen) und Jesse Eisenberg und Kristen Stewart als Paar mit Geheimnissen sind natürlich die halbe Miete bei dieser durchgeknallten Action-Komödie, die durchaus Kultpotential bei den Unter-Dreißigjährigen hat. Obwohl man so etwas ja immer erst mit einigem zeitlichen Abstand sagen kann.

American Ultra - Plakat

American Ultra (American Ultra, USA 2015)
Regie: Nima Nourizadeh
Drehbuch: Max Landis
mit Jesse Eisenberg, Kristen Stewart, Topher Grace, Connie Britton, Walton Goggins, John Leguizamo, Bill Pullman, Tony Hale, Stuart Greer
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „American Ultra“
Moviepilot über „American Ultra“
Metacritic über „American Ultra“
Rotten Tomatoes über „American Ultra“
Wikipedia über „American Ultra“ (deutsch, englisch)

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Auch schön: das Teaserplakat

American Ultra - Teaser


Neu im Kino/Filmkritik: Hüte dich vor „Crimson Peak“! Besuche Allerdale Hall.

Oktober 16, 2015

„Crimson Peak“, der neue Film von „Hellboy“ Guillermo del Toro, gehört eindeutig in die Kategorie „solche Filme werden heute nicht mehr gemacht“.
Die Geschichte beginnt 1901 in Buffalo, New York. Edith Cushing (Mia Wasikowska) ist eine naßforsche, junge Frau aus vermögendem Haus, die von einer Karriere als Schriftstellerin träumt und ihren Traummann noch nicht gefunden hat. Da begegnet sie Sir Thomas Sharpe (Tom Hiddleston), einem verarmten englischen Adligen, der von Ediths Vater und dessen Firma gerne Geld für eine große Investition hätte. Begleitet wird er von seiner Schwester Lucille (Jessica Chastain).
Als kurz darauf Ediths Vater bei einem Badeunfall stirbt (Okay, es war ein Mord von einem unbekannten Täter.), heiratet sie Thomas und gemeinsam ziehen sie in sein einsam gelegenes Anwesen. Allerdale Hall ist ein auf einem waldlosem Hügel stehendes, verfallenes Schloss. Über dem kathedralenähnlichem Eingang ist das Dach eingestürzt. Es regnet und schneit hinein. Das Haus ist riesig, aber Personal scheint es nicht zu geben. Dafür sieht Edith einen Geist und die Geschwister Sharpe scheinen etwas vor ihr zu verbergen.
Ähnlich wie vor Kurzem Kenneth Branagh in „Cinderella“ mit seinem vollkommen unironischen, traditionellen und durch keinerlei Postmodernismen getrübten Zugang zu dem Märchen von Aschenputtel erstaunte, drehte jetzt Guillermo del Toro mit „Crimson Peak“ einen Romantic Thriller, der so tut, als sei seit Filmen wie Alfred Hitchcocks „Rebecca“ höchstens eine Woche vergangen. Auch wenn „Crimson Peak“ in seiner pompösen Farbigkeit an Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen erinnert, fehlt „Crimson Peak“, neben der kurzen Laufzeit, der in ihnen immer spürbare Humor.
In del Toros sanftem Schauermärchen gibt es gute Schauspieler, eine schöne Ausstattung, eine langsam durch die Räume gleitenden Kamera und eine absolut vorhersehbare Geschichte, die eigentlich nur zwei große Überraschungen enthällt. Die Sharpes sind, obwohl sie anfangs so auftreten, keine Vampire. Das wäre ein zu zeitgenössischer Zugang zu dieser alten Geschichte. Und Edith, die schon in ihrer Heimat vom Geist ihrer Mutter eindringlich vor Crimson Peak gewarnt wird, erfährt erst sehr spät im Film, nachdem sie schon lange in Allerdale Hall friert, von Geistern verfolgt und Lucille traktiert wird, dass Allerdale Hall im Volksmund Crimson Peak genannt wird. Wir haben das schon vermutet, als die Kutsche das Tor von Allerdale Hall passierte.
Am Ende, wenn das Geheimnis der Geschwister Sharpe enthüllt wird, ist „Crimson Peak“ ein Kriminalfilm, ein Romantic Thriller in seiner absolut klassischen und hoffnungslos altmodischen Form, bei dem es noch etwas Geister-Geschwurbel gibt.
Das ist gut gemacht und es ist auch genau der Retro-Film, den Guillermo del Toro machen wollte. Aber es ist auch, als sähe man sich wieder einen dieser alten Gothic Thriller, die höchstens für ein sanftes Gruseln sorgen, an und bei dem man, auch wenn man ihn noch nie gesehen hat, die gesamte Handlung schon nach den ersten Minuten kennt. Farbe und bessere Tricks ändern nichts daran. Eigentlich waren sogar die alten Tricks mit knarrenden Türen und Schatten furchterregender.

Crimson Peak - Plakat

Crimson Peak (Crimson Peak, USA 2015)
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Matthew Robbins, Lucinda Coxon
mit Mia Wasikowska, Jessica Chastain, Tom Hiddleston, Charlie Hunnam, Jim Beaver, Burn Gorman, Leslie Hope, Doug Jones
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Crimson Peak“
Moviepilot über „Crimson Peak“
Metacritic über „Crimson Peak“
Rotten Tomatoes über „Crimson Peak“
Wikipedia über „Crimson Peak“
Meine Besprechung von Guillermo del Toros „Pacific Rim“ (Pacific Rim, USA 2013)

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Einige Featurettes von den Machern (Universal Pictures)


Neu im Kino/Filmkritik: „Picknick mit Bären“, Abendessen mit Robert Redford und Nick Nolte

Oktober 16, 2015

Nachdem der immer klug zwischen Witz und Satire pendelnde Kolumnist Bill Bryson (gespielt von Not-Lookalike Robert Redford) in einer TV-Sendung vom Moderator gesagt bekommt, er habe nach seinem langen England-Aufenthalt doch keine Ahnung mehr vom Leben des normalen US-Amerikaners, beschließt Bryson in einem Anfall von Altersstarrsinn, sich noch einmal in ein großes Abenteuer zu stürzen: er willl den Appalachian Trail, diesen sich quer durch die USA erstreckenden Wanderweg, abmarschieren.
Seine Frau Catherine (Emma Thompson) ist davon nicht begeistert, aber weil sie ihren Mann kennt, ist sie unter einer Bedingung einverstanden: Bill muss sich einen Mitwanderer besorgen. Sie hofft, dass Bill niemand findet, der auf seinen bescheuerten Vorschlag eingeht. Aber sie hat nicht mit Steven Katz (Nick Nolte) gerechnet. Einem alten Freund von Bill, der bestimmte Probleme hat. Alkoholismus ist eines. Aber nicht das schlimmste.
Jedenfalls machen sich die beiden alten Männer auf den Weg.
Eigentlich eignet sich Bill Brysons Bestseller „Picknick mit Bären“, in dem er über seine Erwanderung des Appalachian Trail schrieb, nicht wirklich für eine Verfilmung. So eine Wanderung gehorcht schließlich keiner Filmdramaturgie und selbstverständlich wird ein glücklich verheirateter Familienvater, jedenfalls wenn er seine Wandererlebnisse aufschreibt, keine Seitensprünge machen und sich auch sonst nicht in Gefahr begeben.
Dass Bill Bryson, Jahrgang 1951, etwas jünger als Robert Redford, Jahrgang 1936 (aber gesegnet mit ewiger Jugend), war, als er vor zwanzig Jahren den Appalachian Trail teilweise abwanderte, und dass die Handlung in die Gegenwart verlegt wurde, dürfte niemand erstaunen und es ist auch nicht wirklich wichtig, weil es in der Buddy-Komödie vor allem um Selbstfindung und die Erkenntnis, dass es nie zu spät ist, um etwas wirklich bescheuertes zu tun, geht. Auch wenn es sich um zwei Rentner handelt, die auf einer Wanderung vor ihren Problemen (Katz), dem Rentnerblues und den Beerdigungen (Bryson) fliehen wollen.
So ist Ken Kwapis Film eine lockere, episodische, vor sich hin plätschernde Angelegenheit, in der die witzigen Episoden absehbare Pointen haben und es einige Lebensweisheiten gibt. Vor allem bietet die Landschaft den beiden Hauptdarstellern eine große Bühne und wir fragen uns immer, ob Nick Nolte den nächsten Schritt schafft oder tot umfällt.

Picknick mit Bären - Plakat

Picknick mit Bären (A Walk in the Woods, USA 2015)
Regie: Ken Kwapis
Drehbuch: Rick Kerb, Bill Holderman
LV: Bill Bryson: A Walk in the Woods: Rediscovering America on the Appalachian Trail, 1998 (Picknick mit Bären)
mit Robert Redford, Nick Nolte, Emma Thompson, Mary Steenburgen, Nick Offerman, Kristen Schaal, R. Keith Harris
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
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Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Picknick mit Bären“
Moviepilot über „Picknick mit Bären“
Metacritic über „Picknick mit Bären“
Rotten Tomatoes über „Picknick mit Bären“
Wikipedia über „Picknick mit Bären“
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Und was sagt Bill Bryson über diese Casting-Entscheidung?


TV-Tipp für den 16. Oktober: Nebraska Jim

Oktober 16, 2015

Servus TV, 22.25
Nebraska Jim (Spanien/Italien 1965, Regie: Anthony Roman, Mario Bava [ungenannt])
Drehbuch: Jesus Navarro, Anthony Roman
Im Wilden Westen räumt ein Revolvermann für einen Rancher unter einer Verbrecherbande, die ehrliche Leute umbringt, auf.
Selten gezeigter Italo-Western. Horrorfilmer Mario Bava („Die Stunde, wenn Dracula kommt“) wird zwar nicht als Regisseur genannt, aber er drehte fast den ganzen Film.
„Durchschnittlicher Italowestern.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Ken Clark, Yvnne Bastien, Peter Carter, Red Ross
Wiederholung: Samstag, 17. Oktober, 02.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Wikipedia über „Nebraska Jim“

MannbeisstFilm über „Nebraska Jim“

Nightmare Horrormovies über „Nebraska Jim“

Splash Movies über „Nebraska Jim“


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Black Mass“ – ein Sachbuch und ein Film über Bostons Gangsterboss Whitey Bulger

Oktober 15, 2015

Was für ein Stoff! Die Geschichte eines Gangsterbosses, der auch jahrelang FBI-Informant war. Sein FBI-Führungsoffizier ist auch aus South Boston und kennt ihn seit Kindertagen. Sein Bruder, ein Demokrat, ist ein geachteter und einflussreicher Politiker, der von 1978 bis 1996 der Präsident des Repräsentantenhaus von Massachusetts war und damit immer noch der Politiker ist, der das Amt am längsten inne hatte. Entsprechend einflussreich und beliebt war er bei der Bevölkerung. Und dann ist das keine Hollywood-Fiktion, sondern Wahrheit. Der irischstämmige James ‚Whitey‘ Bulger war auf dem Höhepunkt seiner Karriere der unantastbare Gangsterboss von Boston. 1975 wurde der 1929 geborene Verbrecher FBI-Informant. Ende 1994 tauchte er unter, weil seine Tätigkeit für das FBI kurz vor der Enthüllung stand und er Anklagen für seine vielen Verbrechen befürchten musste.
Im Film, der mit der öffentlichen Enthüllung von Bulgers jahrzehntelanger Informantentätigkeit endet, wird Bulger von Johnny Depp gespielt und Depp lässt seine in den letzten Jahren gepflegten Komödien-Manierismen links liegen. Neben ihm sind Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Rory Cochrane und Corey Stoll dabei. Das Drehbuch ist von Mark Mallouk (sein erstes verfilmtes Drehbuch, aber als Produzent war er involviert in „Rush“, „Ruhet in Frieden“ und „Everest“) und Jez Butterworth (u. a. „Fair Game – Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit“, „Edge of Tomorrow“, „Get on up“ und „Spectre“, der neue Bond), also Jungs, die eine wahre, spannende und auch komplexe Geschichte erzählen können.
Die Regie übernahm Scott Cooper, dessen Debüt „Crazy Heart“ von der Kritik abgefeiert wurde und dessen zweiter Film „Auge um Auge – Out of the Furnace“ ein etwas schleppend erzähltes düsteres Drama ist.
Das klingt doch vielversprechend.
Und doch ist „Black Mass“ eine große Enttäuschung. Es ist ein Gangsterfilm, der so eifrig bemüht ist, alles zu ignorieren, was einen Gangsterfilm ausmacht, was natürlich ein etwas unsinniges Unterfangen ist (als würde man ein Musical ohne Gesangsnummern inszenieren), aber gelingen könnte, wenn die Macher gewusst hätten, was sie erzählen wollen. Geht es um den Aufstieg und Abstieg von Bulger? Geht es um seine Beziehung zu dem FBI-Agenten John Connolly? Geht es um Vertrauen, Verrat und Verhaltensregeln? Den Ehrenkodex des Gangsters?
Wahrscheinlich geht es darum. Immerhin beginnt der Film mit einem Verhör bei der Polizei; wobei der Vernehmungsbeamte für den Film egal ist. Der Gangster, der betont, dass er aussagen werde, aber kein Verräter sei, gehört zwar zur Bande von Whitey Bulger, aber der Film wird nicht aus seiner Perspektive erzählt. Denn wir sehen hier und nach den folgenden Verhörszenen immer wieder Szenen, in denen Dinge gezeigt werden, die die Verhörten nicht wissen können. Sowieso sind die eher willkürlich eingestreuten Verhörszenen mit verschiedenen Bandenmitglieder nur ein Gimmick, der die sprunghafte Handlung nur mühsam kaschiert. Denn mit jedem neuen Verhör wird einfach ein weiteres Kapitel aufgeschlagen und manchmal auch ein längerer Zeitraum überbrückt. Wer dann von Bulger und seinen Jungs umgebracht wird, ist uns egal, weil wir zu dem Opfer keine emotioale Verbindung aufbauen konnten. Sowieso scheinen die Opfer vor allem Mitglieder aus Bulgers Bande zu sein, was zu einem weiteren Problem führt. In einem Gangsterfilm kämpfen Gangster gegeneinander und gegen die Polizei. In „Black Mass“ nicht. Immerhin schützt das FBI Bulger. Über seinen Aufstieg vom das Viertel beherrschenden zum die Stadt beherrschenden Gangster erfahren wir nichts, außer dass einmal gesagt wird, dass er dank des Schutzes des FBIs vom Southie-Kleingangster zum Paten von Boston aufsteigen konnte. Dass es auch andere Gangsterbanden in Boston gibt, vor allem natürlich die italienische Mafia, gegen die das FBI in den Siebzigern einen Feldzug führte, bleibt daher letztendlich eine Behauptung, die wir dem FBI glauben müssen.
Und warum Bulger irgendwann mit der IRA Geschäfte macht, können wir uns aus unserem, sofern vorhandenem, historischen Wissen über die IRA und ihre Unterstützer in den USA zusammenreimen. Aus dem Film erfahren wir es nicht. Dort ist es nur eine Episode, in der plötzlich ein Schiff beladen wird.
Entspechend eindimensional bleiben alle Charaktere. Sie sind Stichwortgeber für eine nicht vorhandene Geschichte. Vor allem Bulger bleibt blass. Er ist immer ein etwas älterer Mann mit schütteren Haaren und schlechten Kleidern. Er sieht immer aus, wie ein älterer Arbeiter aus der nächsten Eckkneipe. Dass er kaltblütig mehrere Menschen erdrosselt und erschießt, erscheint da fast wie eine seltsame Marotte. Aber besonders furchterregend wird er dadurch nicht. In den Momenten versprüht er bestenfalls die Aura eines Mafia-Handlangers, der in der nächsten Filmszene stirbt.
Auch alle anderen Charaktere agieren wie in einem Korsett. Leblos und steif hängen die Staatsdiener in ihren Anzügen. Natürlich immer in unauffällig zeitlos-seriösen Farben, mit Schlips und Weste, wie es sich schon damals seit Jahrzehnten für den gut gekleideten Mann gehörte. Die Gangster pflegen dagegen die ebenso zeitlos funktionale Hafenarbeiterkluft, die sich schon damals seit Jahrzehnten nicht änderte. So verstärkt die Kleidung das Gefühl, dass in „Black Mass“ alles, aber auch wirklich alles, seit Jahrzehnten schon fest zementiert ist. Und niemand es ändern will.
Dass die Filmgeschichte sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, erfahren wir nicht über die Bilder. Egal ob 1975, das Jahr in dem „Black Mass“ beginnt, oder die achtziger Jahre oder die frühen neunziger Jahre bis, Mitte der Neunziger, als Bulger als FBI-Spitzel enttarnt wird, immer sehen wir die gleichen abgeranzten Sechziger-Jahre-Arme-Leute-Küchen, South-Boston-Hinterhöfe, Hafenansichten, FBI-Büros (die nie durch Hippnes glänzten) und, selten, gehobene Restaurants, in denen ohne Schlips und Anzug niemand hineingelassen wird. Es sind Orte, an denen jede Modernisierung vorbei ging.
Die Dialoge stehen zwar in der George-V.-Higgins- und Elmore-Leonard-Schule, aber in „Black Mass“ bleiben sie nur folgenloses Gebabbel. Das ist in den ersten Minuten, wegen der vermeintlichen Authenzität noch toll, aber es wird zunehmend zu einem Problem. Denn die Dialoge drehen sich mehr im Kreis, als dass sie die Handlung vorantreiben. Die ist sowieso nur locker an Bulgers verschiedenen Morden aufgehängt. Morde, die für die Handlung keine erkennbare Bedeutung haben.
So wird der gesamte Film ziemlich schnell zu einer reinen Geduldsprobe, die gefühlt mindestens doppelt so lange ist wie der zweistündige Film.
Wieviel besser und kurzweiliger ist dagegen David O. Russells 138-minütiger „American Hustle“, der die gleichen Themen behandelte und ebenfalls auf einer wahren Geschichte basiert.
Und was hätte Martin Scorsese nur aus dieser Geschichte gemacht?
Uh, ähem, hat er schon. Vor neun Jahren. „Departed – Unter Feinden“ heißt der Film, Jack Nicholson spielt den Gangsterboss, der im Film Frank Costello heißt und der von Whitey Bulger inspiriert ist. Ein grandioser Film, der Scott Coopers Scheitern umso schmerzhafter zeigt.

Black Mass - Plakat

Black Mass (Black Mass, USA 2015)
Regie: Scott Cooper
Drehbuch: Mark Mallouk, Jez Butterworth
LV: Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal, PublicAffairs, 2000 (Black Mass – Der Pate von Boston)
mit Johnny Depp, Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Dakota Johnson, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Jesse Plemons, Rory Cochrane, David Harbour, Adam Scott, Corey Stoll, Juno Temple, Julianne Nicholson
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage: ein Lesebefehl für den True-Crime-Fan

Lehr - O Neill - Black Mass - 4

Pünktlich zum Filmstart erschien das von den „Boston Globe“-Journalisten geschriebene und mit dem Edgar ausgezeichnete Sachbuch „Black Mass“, das als Vorlage für den Film diente und schon auf den ersten Seiten fragte ich mich, wie es den Filmmachern gelang, all die auf dem Präsentierteller liegenden erzählerischen Goldstücke zu ignorieren. Vieles wird zwar im Film auch angesprochen oder angedeutet, aber erst beim Lesen des Buches versteht man die Hintergründe und damit auch die Handlungen der Beteiligten. Deshalb ist das Buch eine so ungemein spannende Lektüre, die einem so viel von der US-Kriminalitätsgeschichte erzählt und, im Gegensatz zum Film, den Wunsch weckt, South Boston zu besuchen.
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Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass – Der Pate von Boston
(übersetzt von Joachim Körber)
Goldmann, 2015
512 Seiten
9,99 Euro
–
Originalausgabe
Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal
PublicAffairs, 2000
–
Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Black Mass“
Moviepilot über „Black Mass“
Metacritic über „Black Mass“
Rotten Tomatoes über „Black Mass“
Wikipedia über „Black Mass“ (deutsch, englisch) und Whitey Bulger (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über die wahren Hintergründe von „Black Mass“

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Die „Black Mass“-Pressekonferenz beim Filmfest in Venedig

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Nachtrag (20. Oktober 2015)

„French Connection“ William Friedkin unterhält sich mit Scott Cooper über den Film

 

 


TV-Tipp für den 15. Oktober: The Texas Chain Saw Massacre – Blutgericht in Texas

Oktober 15, 2015

Kabel 1, 23.55
The Texas Chainsaw Massacre – Blutgericht in Texas (The Texas Chainsaw Massacre, USA 1974)
Regie: Tobe Hooper
Drehbuch: Kim Henkel, Tobe Hooper
Bei einem Ausflug treffen fünf junge Leute auf eine Familie mit seltsamen Angewohnheiten. Ein Mitglied der Familie ist „Leatherface“. Eine Kettensäge ist sein bevorzugtes Arbeitsgerät und aus dem Sommerausflug wird ein tödlicher Horrortrip.
Wer hätte das vor einigen Jahren, als der Film bei uns noch verboten war, gedacht: das „Blutgericht in Texas“ läuft ungeschnitten im Fernsehen.
Ein auch heute noch zutiefst beunruhigender Film, dessen Einfluss auf das Horrorfilmgenre gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
mit Marilyn Burns, Allen Danziger, Paul A. Partain, William Vail, Teri McMinn, Edwin Neal, Jim Siedow, Gunnar Hansen
auch bekannt als „Blutgericht in Texas“
Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Texas Chainsaw Massacre“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte: Vergleich FSK-16 – ungeprüft; Vergleich VPS Tape – L. P. (mit einigen historischen Texten und Covers); Vergleich SPIO/JK VHS – Österreichische DVD (ebenfalls mit vielen Covers und Plakaten)

Photobucket: umfangreiche Bildersammlung zu “The Texas Chainsaw Massacre”

Heise: Stefan Höltgen: Schwere Erwachsenengefährung (zum Verbot von TCM in Deutschland, 3. Juli 2010)

Berliner Zeitung: Thomas Klein über den verstaubten Umgang der deutschen Zensur mit Gewaltdarstellungen im Film (13. März 2004)

Das „Texas Chainsaw Massacre“ in der Kriminalakte (eigentlich immer mit Clips): DVD/BluRay-Kritik, das Verbot, eine Veranstaltung und die Aufhebung des Verbots

Meine Besprechung von Tobe Hoopers „Invasion vom Mars“ (Invaders from Mars, USA 1986)


TV-Tipp für den 14. Oktober: Apocalypse Now Redux

Oktober 14, 2015

EinsPlus, 22.15

Apocalypse Now Redux (USA 1979, Regie: Francis Ford Coppola)

Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola

LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)

Während des Vietnamkrieges soll Captain Willard (Martin Sheen) Colonel Kurtz (Marlon Brando), der im Dschungel sein Reich errichtete, suchen und töten.

Klassiker, heute in der längeren und besseren Redux-Fassung.

mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham

Wiederholung: Donnerstag, 15. Oktober, 01.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Apocalypse Now Redux”

Wikipedia über „Apocalypse Now“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte: Vergleich der Kino- mit der „Redux“-Fassung

Awesome Film: Drehbuch “Apocalypse Now” von John Milius (Fassung vom 3. Dezember 1975)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” (Apocalypse Now, USA 1979 – die “Full Disclosure”-Blu-ray)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Twixt – Virginias Geheimnis“ (Twixt, USA 2011)

Francis Ford Coppola in der Kriminalakte