Mit friedlichen Protestmärschen will Dr. Martin Luther King 1965 in Selma, Alabama, für das allgemeine Wahlrecht kämpfen. Denn dort ist die Diskriminierung der Afroamerikaner besonders deutlich. Und dort eskaliert die Situation in auch von King ungeahnter Weise. Ein Diakon wird von Weißen erschlagen. Auf der Edmund Pettus Bridge werden die friedlich Demonstrierenden mit Tränengas und nackter Gewalt zurückgedrängt. Die Bilder wurden im Fernsehen ausgestrahlt. An dem Abend schlagen Klu-Klux-Klan-Mitglieder drei weiße Geistliche zusammen. Einer stirbt an den Verletzungen.
Der dritte Versuch, friedlich von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, zu marschieren wird dann zwischen dem 21. und 25. März 1965 zu einem Triumphzug für die Bürgerrechtsbewegung.
Das grandiose und wichtige Drama/Biopic „Selma“ setzt King und seinen Mitkämpfern ein würdiges Denkmal. DuVernays Film wurde von der Kritik abgefeiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
mit David Oyelowo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Cuba Gooding Jr., Alessandro Nivola, Carmen Ejogo, Lorraine Toussaint, Ophrah Winfrey, Tessa Thompson, Giovanni Ribisi, Common, Dylan Baker, Wendell Pierce, Stan Houston
Knives out – Mord ist Familiensache (Knives out, USA 2019)
Regie: Rian Johnson
Drehbuch: Rian Johnson
Privatdetektiv Benoit Blanc soll herausfinden, wer den vermögenden Krimiautor Harlan Thrombey an seinem 85. Geburtstag ermordete. Blanc vermutet, dass der Mörder ein Familienmitglied ist.
TV-Premiere. Gelungenes, sehr unterhaltsames, witziges und stilbewusstes Update des klassischen Rätselkrimis.
Inzwischen ist der zweite Benoit-Blanc-Fall, „Glass Onion: A Knives Out Mystery“, abgedreht. Wieder inszeniert von Rian Johnson, wieder mit Daniel Craig als Benoit Blanc, wieder mit einigen bekannten Schauspielern als Verdächtige. Ob und wie lange Netflix den Film im Kino zeigt, ist unklar.
mit Daniel Craig, Chris Evans, Jamie Lee Curtis, Toni Collette, Don Johnson, Michael Shannon, Ana de Armas, Katherine Langford, LaKeith Stanfield, Jaeden Martell, Christopher Plummer, Riki Lindhome, Edi Patterson, Frank Oz, K Callan, Noah Segan, M. Emmet Walsh
Forscher haben das Mittel gefunden, um die Klimakatastrophe abzuwenden: sie verkleinern einfach die Menschen. Denn so ein zwölf Zentimeter großer Mensch verbraucht fast keine Idee mehr. Der von seinem Leben gefrustete Paul lässt sich verkleinern. Seine Frau macht in letzter Sekunde einen Rückzieher und Paul muss die Miniwelt allein erkunden und neue Freunde finden.
Vor dem Hintergrund der äußerst detailliert ausgemalten Welt der Winzlinge erzählt Alexander Payne eine liebevoll erzählte Liebesgeschichte voller liebenswerter Menschen. Ein herzerwärmender Film.
Fans von Elvis Presley kommen in Baz Luhrmanns Biopic „Elvis“ auf ihre Kosten. Es gibt viel Elvis Presley, viel Musik und, bei seinen Liveauftritten, eine schweißtreibende animalische Entfesselung, die uns Spätgeborenen zeigt, warum in den Fünfzigern Eltern ihre Kinder vor diesem Mann beschützen wollten; – auch wenn Luhrmann hier wahrscheinlich schamlos übertreibt. Auch die Besetzung ist nicht ohne. Austin Butler (Tex Watson in „Once upon a time…in Hollywood“) spielt Elvis Presley. Tom Hanks spielt Colonel Tom Parker, den äußerst geschäftstüchtigen und skrupellosen Manager von Elvis Presley. Bevor er Presleys Entdecker, Förderer und Manager wurde, war er Schausteller auf Jahrmärkten. Mit Wanderzirkussen tingelte er durch die US-Provinz. Von Musik hatte er keine Ahnung. Von einem guten Geschäft schon und das sah er in Presley. Er ist der unzuverlässige Erzähler von Luhrmanns Biopic und damit ist von der ersten Minute an klar, dass im Zweifel eine gute Geschichte über die Fakten triumphiert. Soweit sie überhaupt bekannt sind.
Der Anfang und, ungefähr die erste Stunde des gut dreistündigen Films, ist furios. Danach scheint alle kreative Energie aufgebraucht zu sein. Damit ähnelt „Elvis“ dem Leben von Elvis Presley. Er wird am 8. Januar 1935 in East Tupelo, Mississippi, als Sohn eines Landarbeiters geboren. 1953 nimmt er seinen ersten Song für Sun Records auf. Schnell begeistert er die Massen und wird zum „King of Rock ’n’ Roll“. Er macht Blues, Gospel und Soul, also Schwarze Musik, mit einer Prise Country, für den weißen Musikhörer goutierbar.
Sein Manager, Colonel Tom Parker, ein, wie gesagt, äußerst halbseidener Charakter, sorgt dafür, dass sie viel Geld verdienen. Da sind Presleys Monate als Soldat von 1958 bis 1960 in Deutschland nur eine kurze Unterbrechung von den Live-Auftritten, die mit Schallplatten überbrückt werden.
Danach tritt Presley in über dreißig Hollywood-Filmen auf, die bis auf Don Siegels „Flammender Stern“ (Flaming Star), vergessenswerte Fließband-Musicals sind. Ab 1969 gastiert er in Las Vegas. Aus finanzieller Sicht ist das eine ertragreiche Zeit. Künstlerisch nicht.
Am 16. August 1977 stirbt er in seiner Villa Graceland in Memphis, Tennessee.
Luhrmann („Moulin Rouge“, „Der große Gatsby“) erzählt Presleys Leben chronologisch nach. Das ist bis zu seinem Aufenthalt in Deutschland als Soldat atemberaubend dicht erzählt. Wenig subtil, aber mitreisend, erzählt Luhrmann von Presleys Faszination für die Schwarze Musik. Zuerst hört er als Kind in einer Spelunke, die nur von Schwarzen besucht wird, den Blues. Dann hört er auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem Gottesdienst den Gospel und er ist…, nach den Filmbildern, ekstatisch besessen. Luhrmann springt in der Zeit hin und her, verdichtet und arbeitet auch mit Texteinblendungen. Das ist überbordend, maßlos und gerade deshalb mitreißend und voller Energie.
Danach handelt Luhrmann die weiteren Stationen und Jahre in Presleys Leben in gepflegter Biopic-Manier ab. Zunehmend redundant folgt ein Auftritt auf das nächste Gespräch, in dem Presley wieder sagt, er möchte eine Welttournee machen, ehe er wieder in Las Vegas auftritt und seine größten Hits präsentiert. Nichts bewegt sich in dieser Wiederholungsschleife. Unangenehmes, wie Presleys gesundheitliche Probleme, sein Drogenkonsum, seine Paranoia und sein zunehmend irrationales Verhalten, wird angesprochen weil es unbedingt angesprochen werden muss. Seine Waffensammlung wird mal gezeigt. Mit seiner dann Ex-Frau Priscilla trifft er sich am Flughafen. Aber diese Bilder hängen ohne einen Zusammenhang und ohne eine Auswirkung auf die Geschichte in der Luft.
In dem Moment löst Luhrmann sich immer mehr von seiner Prämisse nach der die Geschichte von Elvis Presley aus der Perspektive von Colonel Parker erzählt wird. Parker verschwindet aus dem Film. Stattdessen gibt es immer mehr Szenen, in denen Dinge passieren, von denen Parker nichts weiß und auch niemals erfährt. In dem Moment wird auch die Möglichkeit, das Leben von Elvis Presley aus einer radikal subjektiven und damit mit Fakten locker umgehenden Sicht zu schildern, zugunsten eines konventionellen Biopics aufgegeben, das dann ähnlich locker mit Fakten umgeht, aber implizit behauptet, die Wahrheit zu schildern. Alle negativen Aspekte von Presleys Persönlichkeit werden konsequent herunterspielt.
Das ist insofern verständlich, weil „Elvis“ kein kleiner Independent-Film ist (wie „Elvis & Nixon“), sondern mit einem offiziellem Budget von 85 Millionen US-Dollar ein Film ist, der ein breites Mainstream-Publikum und die Elvis-Fans erreichen will. Das darf dann nicht übermäßig kritisch sein. Stattdessen muss das Biopic die bekannten Hits und Konzertausschnitte präsentieren. Deshalb werden so viele Auftritte von Presley in Las Vegas gezeigt. Für den Elvis-Kult sind sie wichtig. Die echte, innovative Rockmusik fand an anderen Orten statt und wurde von anderen Musikern gespielt.
Mit gut drei Stunden ist „Elvis“ ein viel zu lang geratenes Biopic, das an seiner Länge, seinem Drang, das ganze Leben einer Figur zu schildern, und einer letztendlich unklaren Haltung zu ebendieser Figur krankt.
Wer allerdings den Saal verlässt, wenn Elvis Presley deutschen Boden betritt, sieht einen guten Film.
Elvis (Elvis, USA 2022)
Regie: Baz Luhrmann
Drehbuch: Baz Luhrmann, Sam Bromell, Craig Pearce, Jeremy Doner (nach einer Geschichte von Baz Luhrmann und Jeremy Doner)
mit Austin Butler, Tom Hanks, Olivia DeJonge, Helen Thomson, Richard Roxburgh, Kelvin Harrison Jr., David Wenham, Kodi Smit-McPhee, Luke Bracey, Gary Clark Jr., Yola
Cop Billy Costigan ist Undercover-Agent in der Organisation des Mafiapaten Frank Costello. Gangster Colin Sullivan ist bei der Polizei der Top-Maulwurf für Costello. Beide steigen in den feindlichen Organisationen stetig auf. Da erhalten Costigan und Sullivan von ihrem Boss den Auftrag, den Verräter in den eigenen Reihen zu finden.
„Departed – Unter Feinden“ ist, wie Genre-Junkies wissen, das grandiose US-Remake des ebenso grandiosen Hongkong-Thrillers „Infernal Affairs“ (von Andrew Lau und Alan Mak). Monahan verlegte die Geschichte nach Boston, orientierte sich bei dem Mafiapaten an dem legendären Whitey Bulger und zeichnete ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Die schwächsten Szenen des Remakes sind die weinigen, direkten Übernahmen von Szenen aus dem Original.
Beide Filme sind stilistisch überzeugende Werke über Freundschaft, Loyalität und Verrat.
Monahans Drehbuch erhielt einen Edgar, einen Oscar, den Preis der Writers Guild of America und war für den Golden Globe nominiert (um nur einige zu nennen). Der Film wurde für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch den Oscar für den besten Film des Jahres
Die nächste Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio war die allseits abgefeierte Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ (mir gefällt das Buch besser). Danach kam “The Wolf of Wall Street”.
Und William Monahans lieferte danach sein gelungenes Regiedebüt, die Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (mit Colin Farrell, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan und Keira Knightley), ab.
Mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Alec Baldwin
Wiederholung: Samstag, 25. Juni, 03.15 Uhr (Taggenau! – Dann sicher auch ungekürzt. Denn der Film ist ‚frei ab 16 Jahre‘)
Beginnen wir mit einer Warnung und einem Fazit: Scott Derricksons neuer Horrorfilm „The Black Phone“ ist ein sehenswerter Horrorthriller, der ohne das ganze Geister-Jumpscare-Gedöns auskommt. Es gibt auch keine jungfräulichen Teenager, die kreischend durch dunkle Flure laufen um sich fotogen aufschlitzen lassen. Und jetzt zur Warnung: diese Besprechung enthält Spoiler.
So!
North Denver, 1978: In der Gegend hat ein Unbekannter bereits mehrere Kinder entführt. Die Polizei hat keine Spur von ihm. Das neueste Opfer des Entführers, der nur „Der Greifer“ (The Grabber) genannt wird, ist der dreizehnjährige Finney Shaw. Finney ist ein schüchterner Junge, der von den Halbstarken in seiner Schule regelmäßig schikaniert und geschlagen wird. Zu Hause geht der Terror weiter. Sein alleinerziehender Vater ist ein depressiver, zu Gewaltausbrüchen neigender Alkoholiker. Er liebt seine beiden Kinder, ist aber hoffnungslos überfordert.
Der Entführer hält Finney in einem Keller, in dem er sich frei bewegen kann, gefangen. Er will noch irgendetwas von Finney, bevor er ihn umbringt. Was es ist, weiß Finney nicht.
In dem Raum hängt an der Wand das titelgebende schwarze Telefon. Warum es dort hängt und welchen Grund es jemals gegeben haben könnte, es dort zu installieren, bleibt unklar. Als Finney in den Raum gesperrt wird, ist das Telefon ein nicht funktionierender Kasten. Trotzdem klingelt es und der Anrufer gibt Finney Hinweise zu seinem Überleben.
Scott Derricksons Film basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Joe Hill, die er für den Film selbstverständlich ausbaute. So erfahren wir deutlich mehr über Finneys Leben. In einem Subplot wird von den Ermittlungen der Polizei erzählt. An einigen Punkten veränderten Derrickson und sein Co-Autor C. Robert Cargill, die bereits bei „Sinister“, „Doctor Strange“ und dem Kurzfilm „Shadowprowler“ zusammen arbeiteten, auch Gewichtungen. Vor allem stärkte er die übernatürlichen Elemente. In der Kurzgeschichte hat Finneys Schwester Gwen manchmal Visionen. Im Film sind sie eine von ihrem Vater und Bruder akzeptierte Fähigkeit. Mit ihrer übernatürlichen Begabung findet sie Hinweise auf Finneys Versteck. Im Film gibt es deutliche Hinweise darauf, dass auch ihr Bruder über diese Begabung verfügt. In der Kurzgeschichte sagt der Anrufer ihm nur Dinge, die er weiß oder ahnt. Damit ist der Anrufer letztendlich ein imaginärer Freund, der es ihm ermöglicht, nicht den Verstand zu verlieren. In dem Film verraten die Anrufer ihm allerdings Dinge, die er nicht weiß. Er wird eindeutig angerufen von den Geistern der Jungen, die vor ihm von dem Greifer entführt wurden. In den Momenten wird deutlich, dass Finney übernatürlich begabt ist. Nur ist unklar, wie sehr ihm diese Begabung beim Kampf gegen den Greifer nützen wird.
In jedem Fall tragen die Anrufer dazu bei, Finney beim Erwachsenwerden zu helfen. Sie geben ihm nicht nur Tipps, wie er sich aus dem Keller befreien kann, sondern sie geben ihm auch Tipps, wie er gegen den Greifer kämpfen und ihn besiegen kann. Im Kern ist „The Black Box“ eine Coming-of-Age-Geschichte im Gewand eines Horrorthrillers. Es ist die dunkle Version von „Stand by me“, diesem Horrorfilmklassiker, der auf einer Kurzgeschichte von Joe Hills Vater Stephen King basiert.
Gespielt wird der Bösewicht von Ethan Hawke, dessen Gesicht wahrscheinlich keine Minute im Film zu sehen ist. Normalerweise trägt er eine sein Gesicht verdeckende Grinse-Maske, die aus einem Alptraum zu kommen scheint und von Tom Savini (u. a. „Freitag, der 13.“, „Zombie 2 – Das letzte Kapitel“, „Maniac“) entworfen wurden. Hawke spielt den Bösewicht, der selbst Probleme mit seinem Bruder hat und als Clown Geld verdient, mit spürbarer Lust als einen Dämon, der den schlimmsten Alpträumen eines Teenagers entstammen kann.
The Black Phone (The Black Phone, USA 2022)
Regie: Scott Derrickson
Drehbuch: Scott Derrickson, C. Robert Cargill
LV: Joe Hill: The Black Phone, 2004 (Kurzgeschichte, ursprünglich erschienen in „The Third Alternative no. 39“, später in dem Sammelband „20th Century Ghosts“ [2005, deutsche Ausgabe: Black Box])
mit Mason Thames, Madeleine McGraw, Ethan Hawke, Miguel Cazarez Mora, Jeremy Davies, James Ransone
Dass die Musik im Mittelpunkt steht, stimmt noch nicht einmal bei vielen Konzertmitschnitten. Zu oft drängeln sich die Kamera und der Schnitt penetrant in den Vordergrund und lenken von der Band und ihrer Performance ab.
In „Shiver – Die Kunst der Taika Trommel“ ist das nicht der Fall. Hier steht wirklich die Musik im Mittelpunkt und nichts lenkt vom Spiel der Musiker ab. Toshiaki Toyoda nahm in präzise komponierten langen Sequenzen, in denen sich die Kamera nicht oder kaum bewegt und in denen es keine oder nur wenige Schnitte gibt, das Taika Performing Arts Ensemble Kodō beim Spielen mehrerer Stücke von Koshiro Hino auf. Teils in ihrem Proberaum, teils auf der Insel Sado in der freien Natur.
Das Trommelensemble Kodō hatte seinen ersten Auftritt 1981 bei den Berliner Festspielen. Seitdem gaben die Trommler über 6500 Konzerte in 52 Ländern. Auf Sado gehört der Gruppe ein dicht bewaldetes, weitläufiges Grundstück, auf dem auch ein Schulungszentrum und weitere Gebäude stehen, in denen sie leben und trainieren. Denn die Musik wird von einem rigorosen Fitnessprogramm begleitet. Auf Sado findet auch seit 1988 das von ihnen organisierte jährliche Earth Celebration International Arts Festival statt.
Koshiro Hino, bzw. YPY, ist Musiker und Komponist, der in verschiedenen Bands und Zusammenhängen arbeitet und, immer wieder, elektronische mit natürlichen Klängen und Performance-Elementen verschmilzt.
Bei ihrer Zusammenarbeit ging es darum, wie aus Geräuschen, Klängen und Rhythmen Melodien entstehen.
Toshiaki Toyodas zurückhaltende Inszenierung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Musik und wie sie entsteht. Nichts lenkt davon ab. Gleichzeitig zwingt nichts einen dazu, den Blick ständig aufmerksam auf die Leinwand zu richten. Sie ist das filmische Äquivalent zu einer Konzertbühne, auf der schwarz gekleidete Menschen vor einem dunklen Hintergrund stehen. Deshalb ist es in diesem Film vollkommen okay, die Augen durch den dunklen Saal wandern zu lassen oder auch sie zu schließen und sich so ganz dem Klang der Trommeln hinzugeben.
Shiver – Die Kunst der Taika Trommel(Senritsu seshimeyo, Japan 2021)
LV: Emma Braslavsky: Ich bin dein Mensch, 2019 (Kurzgeschichte, in „2029 – Geschichten von Morgen“)
Die Wissenschaflerin Alma soll über mehrere Wochen mit einem humanoiden Roboter zusammenleben und anschließend einen Forschungsbericht über die gemeinsame Zeit verfassen. Es geht um die Frage, ob humanoide Roboter Menschenrechte bekommen sollen.
„Ich bin dein Mensch“ ist ein feiner, auf der Berlinale abgefeierter, zum Nachdenken anregender Science-Fiction-Film und einer der besten deutschen Filme des Jahres. Er erhielt, unter anderem, vier deutsche Filmpreise als bester Film, für die beste Regie, das beste Drehbuch und die beste Hauptrolle.
mit Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Hans Löw, Wolfgang Hübsch, Annika Meier, Falilou Seck, Jürgen Tarrach, Henriette Richter-Röhl, Monika Oschek
In Reykjavik, der Hauptstadt von Island, begeht eine Bande Banküberfälle, bei denen sie nichts klaut, aber die Polizei wie eine Bande Trottel aussehen lässt. Deshalb sollen die beiden Superpolizisten Bússi und Hörður herausfinden, was die Bankräuber vorhaben und sie zur Strecke bringen. An eine Verhaftung denkt ihre Vorgesetzte dabei nicht. Denn die beiden Polizisten sind zwar ihre besten Männer, aber an Regeln halten sie sich nicht. Auch sonst entsprechen sie den seit Jahrzehnten gut gepflegten Tough-Cop-Klischees. Als Alpha-Männer verbindet sie selbstverständlich eine herzliche Abneigung. Und weil so ein Film auch immer eine Buddy-Comedy ist, sind die beiden Polizisten zwei vollkommen gegensätzliche Figuren. Dieses Mal ist einer Polizist ist ein literweise Schnaps trinkender Prolet; der andere ist ein feinsinniger Weintrinker. Das muss als Charakterisierung genügen.
Die Bösewichter sind ähnlich rudimentär skizziert. Vor allem der Oberbösewicht Rikki ist abgrundtief böse. Munter erschießt er vor den Überfällen seine eigenen Männer, weil in solchen Filmen der ‚geniale‘ Bösewicht das immer macht.
Seine Weltpremiere hatte „Cop Secret“ 2021 im Wettbewerb von Locarno. In Island war die Actionkomödie der erfolgreichste Kinostart aller Zeiten. Das kann auch daran liegen, dass Regisseur Hannes Þór Halldórsson Torhüter der isländischen Fußballnationalmannschaft ist. Die Regieerfahrung für sein Spielfilmdebüt sammelte er in über hundert Musikvideos und Werbespots.
Der Film selbst ist eine humorlose, hektisch geschnittene Aneinanderreihung der bekannten Klischees, der vorhersehbarsten Dialogsätze und bestenfalls durchwachsener Actionszenen. Die wenigen Neuerungen (Bússi und Hörður sind schwul, Hörður passt auf seinen behinderten Bruder auf, das Finale findet in einem voll besetztem Stadion während einem Spiel der isländischen Frauennationalmannschaft statt) ändern daran nichts. „Cop Secret“ ist ein Desaster, das sogar die ersten Folgen von „Alarm für Cobra 11“ (und die sind wirklich schlecht) in einem anderen Licht erscheinen lässt.
Cop Secret(Leynilögga, Island 2021)
Regie: Hannes Þór Halldórsson
Drehbuch: Nína Petersen, Hannes Þór Halldórsson, Sverrir Þór Sverrisson (nach einer Geschichte von Auðunn Blöndal, Egill Einarsson und Hannes Þór Halldórsson)
mit Auðunn Blöndal, Egill Einarsson, Björn Hlynur Haraldsson, Sverrir Þór Sverrisson, Rúrik Gíslason
Berlin: Auf einer Vortragsreise hat der US-Wissenschaftler Martin Harris einen Autounfall. Als er danach mit seiner Frau reden will, behauptet sie, dass sie ihn nicht kennt und irgendwelche Dunkelmänner wollen ihn umbringen. Harris will die Wahrheit herausfinden.
Für die Verfilmung wurde die Handlung von Didier van Cauwelaerts spannendem Pulp-Thriller, dank der hiesigen Filmförderung, von Paris nach Berlin verlegt; die Prämisse, einige Charaktere und die Erklärung für Martin Harris’ Amnesie wurden übernommen. Allerdings ist das Ende im Film wesentlich explosiver und der gesamte Film mit zahlreichen Morden, Schlägereien und Verfolgungsjagden zu Fuß und im Auto viel actionlastiger. Das ist zwar nicht besonders logisch und glaubwürdig (eigentlich sogar noch unglaubwürdiger als der Roman), aber ziemlich unterhaltsam. Und die Berlin-Bilder, inclusive einem Zusammenstoß mit einer Tram und einer Explosion im Hotel Adlon, erfreuen das lokalpatriotische Herz.
mit Liam Neeson, Diane Kruger, January Jones, Aidan Quinn, Bruno Ganz, Sebastian Koch, Frank Langella, Stipe Erceg
LV: Ferenc Molnár: Egy, kettó, három, 1929 (Theaterstück)
Der Berlin-Berlin-Film: Westberlin, August 1961: Mr. MacNamara, der Leiter der örtlichen Coca-Cola-Filiale, muss die heimliche Heirat zwischen der Tochter seines Chefs und einem Ostberliner Über-Proletarier rückgängig machen. Bevor der garstige Chef ankommt.
Billy Wilders turbulente und respektlose Komödie kam wenige Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer in die Kinos und floppte. 1985, bei seiner Wiederaufführung, kam er deutlich besser an. Seitdem ist der Film ein Klassiker.
mit James Cagney, Horst Buchholz, Liselotte Pulver, Pamela Tiffin, Arlene Francis, Hanns Lothar, Karl Lieffen, Howard St. John, Ralf Wolter, Hubert von Meyerinck
Official Secrets (Official Secrets, Großbritannien/USA 2019)
Regie: Gavin Hood
Drehbuch: Gregory Bernstein, Sara Bernstein, Gavin Hood
LV: Marcia Mitchell, Thomas Mitchell: The Spy who tried to stop a War: Katharine Gun and the secret plot to sanction the Iraq Invasion, 2008
TV-Premiere eines spannenden, auf wahren Begebenheiten beruhenden Polit-Thrillers: Katharine Gun, Übersetzerin beim britischen Nachrichtendienst GCHQ, wird 2003 von ihrem Arbeitgeber angeklagt, gegen den Official Secrets Act verstoßen zu haben. Sie gab, über Umwege, eine Mail des US-amerikanischen Geheimdienstes weiter, in der sie aufgefordert werden, fünf Mitgliedstaaten des UN-Sicherheitsrats auszuspionieren. Die Staaten sollen erpresst werden, der US-Invasion in den Irak zuzustimmen.
LV: Becky Albertalli: Simon vs. the Homo Sapiens Agenda, 2015 (Nur drei Worte; Love, Simon)
Simon ist ein gutaussehender, allgemein beliebter, in der US-Provinz lebender Teenager. Er könnte an der Schule jedes Mädchen haben. Dummerweise ist er homosexuell. An der Schule weiß nur ein Mitschüler davon, den Simon nur unter seinem Chatnamen „Blue“ kennt.
„Love, Simon“ ist eine sehr stimmige, feinfühlige und gelungene Coming-of-Age-Geschichte, die erstmals (!) in einer Mainstream-Highschool-Komödie eine schwule Coming-of-Age-Geschichte erzählt. Diese kleine Änderung macht die Suche nach dem Märchenprinz zu einem erfrischend anderem Film.
mit Nick Robinson, Katherine Langford, Alexandra Shipp, Jorge Lendeborg Jr., Logan Miller, Miles Heizer, Kerynan Lonsdale, Josh Duhamel, Jennifer Garner, Tony Hale, Natasha Rothwell
LV: Philip K. Dick: Do Androids dream of Electric Sheep?; Blade Runner, 1968 (Träumen Roboter von elektrischen Schafen; Blade Runner)
LA, 2019: Rick Deckard soll vier Replikanten finden.
Damals kam er bei der Kritik solala an und im Kino lief er auch nicht so toll. Aber seitdem entwickelte „Blade Runner“ sich zu einem der stilbildenden Science-Fiction-Filme und Lieblingsobjekte von Wissenschaftlern für Interpretationen.
„Der Final Cut“ ist die von Ridley Scott ursprünglich geplante Version, die sich nur in Details von früheren Versionen (Off-Sprecher, Ende, einige Effekte und minimal andere Schnittfolgen) unterscheidet.
Eine zeitgenössische Kritik: „’Blade Runner’ ist ein Film des Dekors (…) Technische Phantasie und die Story, soweit sie erkennbar wird, liegen weit über dem Standard heutiger Science-fiction-Filme. Dennoch ist auch ‘Blade Runner’ ein eher unerfreulicher Film: Er kokettiert nicht nur mit der Gewalt, er schlachtet sie genussvoll aus, menschliche Werte behauptet er nur zu retten, tatsächlich aber versenkt er sie in einem Meer von Zynismus.“ (Fischer Film Almanach 1983)
Ähnlich Ronald M. Hahn/Volker Jansen in „Lexikon des Science Fiction Films“ (1983): „Mehr jedoch als die zum großen Teil unbekannten Schauspieler sind die Trickspezialisten die wahren Stars dieses Films.“
Schon vor Jahren hat sich diese Einschätzung geändert: „Der Film, der auf der Handlungsebene einem eher einfachen und klar strukturierten Muster folgt (…), eröffnet bei genauerer Betrachtung vielschichtige Bedeutungsebenen, die vor allem zahlreiche Reflexionen über die neuzeitliche Realitätsauffassung und den damit verbundenen Humanitätsbegriff zulassen.“ (Fabienne Will in Thomas Koebner, Hrsg.: Filmgenres Science Fiction, 2003)
„Twenty-five years after its first release Blade Runner is still the benchmark film in tech noir or future noir – a bleak fusion of sci-fi and noir.“ (Alexander Ballinger, Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)
Mit Harrison Ford, Rutger Hauer, Sean Young, Edward James Olmos, M. Emmet Walsh, Daryl Hannah, Joanna Cassidy
Antoine hört schlechter als noch vor einigen Jahren. Aber anstatt zum Ohrenarzt zu gehen und sich, wenn nötig, ein Hörgerät verschreiben zu lassen, stellt der Geschichtslehrer einfach seine Stereoanlage lauter und beschwert sich, wenn sich die Nachbarn bei ihm beschweren. Schließlich steht in seiner Berufsbezeichnung als Lehrer, dass er alles besser weiß und immer Recht hat.
Das führt zunächst zu verbalem Streit mit seiner neuen Nachbarin Claire, der in den folgenden knapp neunzig Minuten in den erwartbaren Bahnen gelöst wird.
Vor allem nachdem Antoine beginnt, sich um Claires Tochter Violette zu kümmern. Seit dem Tod ihres Vaters spricht sie nicht mehr. Nachts schreit sie, aber das stört Antoine nicht. Er hört es ja nicht. Noch nicht.
„Schmetterlinge im Ohr“ ist Pascal Elbés dritte Regiearbeit. In Frankreich ist er vor allem als Schauspieler bekannt. In diesem Film verarbeitet er seine eigene Schwerhörigkeit.
Entstanden ist eine nette romantische Komödie. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Kleiner Tipp: wer auf der gleichen Anlage seine Lieblingsmusik und -filme ständig lauter stellen muss, sollte wirklich mal zum Hörtest gehen.
Oder die Musik auflegen, die die Nachbarn hören wollen.
Schmetterlinge im Bauch (On est fait pour s’entendre, Frankreich 2021)
Regie: Pascal Elbé
Drehbuch: Pascal Elbé
mit Pascal Elbé, Sadrine Kiberlain, Valérie Donzelli, François Berléand, Emmanuelle Devos, Manon Lemoine
Zeugin der Anklage(The Witness for the Prosecution, Großbritannien 2016)
Regie: Julian Jarrold
Drehbuch: Sarah Phelps
LV: Agatha Christie: The Witness for the Prosecution, 1925 (Kurzgeschichte, erschien ursprünglich als „Traitor’s Hands“ in Flynn’s, 31. Januar 1925, später unter dem heute bekannten Titel in der Kurzgeschichtensammlung „The Hound of Death and Other Stories, 1933; deutscher Titel: Zeugin der Anklage)
London, in den Zwanzigern: Kriegsheimkehrer Leonard Vole soll die vermögende Witwe Emily French ermordet haben. Er beteuert seine Unschuld. Trotzdem droht ihm die Todesstrafe. Vor allem nachdem seine Frau zur ‚Zeugin der Anklage‘ wird.
Die Geschichte kennen wir. Entweder haben wir die Kurzgeschichte gelesen (Falls nicht: Lesebefehl!) oder das Theaterstück gesehen oder Billy Wilders Klassiker „Zeugin der Anklage“ (Witnes for the Prosecution, USA 1957, mit Tyrone Power, Marlene Dietrich und Charles Laughton) gesehen. Das war, neben „Mord im Orient-Express“ (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974), die einzige Verfilmung eines ihrer Werke, die Agatha Christie mochte
Heute gibt es die hochgelobte und formidabel besetzte BBC-Neuverfilmung von 2016.
mit Billy Howle, Kim Cattrall, Monica Dolan, Andrea Riseborough, Toby Jones, Robert East, David Haig
CIA-Agentin Vivian ist begeistert und sprachlos. Auf dem Provinzflughafen in Mallorca läuft ihr großes Idol Nicolas Cage an ihr vorbei. Er ist auf dem Weg zu Javier ‚Javi‘ Gutierrez, einem Millardär und Über-Nicolas-Cage-Fan, der jetzt unglaublich viel Geld ausgibt, damit sein Idol einige Tage mit verbringt. Als Stargast seiner Geburtstagsparty.
Javi ist – und das erklärt die Anwesenheit des amerikanischen Geheimdienstes – auch ein internationaler Waffenhändler der besonders sprupellosen Sorte.
Und dieser Nicolas Cage wird von Nicolas Cage gespielt, der im Film allerdings immer wieder zu Nick und nicht Nic abgekürzt wird. Das soll als Hinweis darauf genügen, dass der Film-Cage nichts mit dem realen Cage zu tun hat. Aber, und gerade das macht „Massive Talent“ (so der sinnfrei gekürzte deutsche Titel von „The unbearable weight of massive talent“) zu etwas besonderem und einem großen Spaß für Cage-Fan, der Film quillt vor Anspielungen auf die Filmographie (eine Zusammenstellung gibt es auf der IMDb) und die öffentliche Wahrnahme von Cage. Er begann als Charakterdarsteller, war damals schon etwas extremer als seine Kollegen, wurde zum Actionstar mit „The Rock“ und „Con Air“ und zuletzt zum Direct-to-Video-Schauspieler. Aufgrund von finanziellen und Steuerproblemen nahm Cage seit über zehn Jahren unzählige Rollen an, um seine Schulden zu bezahlen. Die Filme waren nicht unbedingt gut, aber – und das hatte ich in Gesprächen immer wieder gesagt – bei jedem dieser Filme entdeckte ich einen Grund, warum Cage zugesagt hatte (und es war nicht das Geld) und er engagierte sich immer schauspielerisch in dem Film. Einige nennen es ständiges Overacting, das manchmal wahnsinnig nervt. Aber er schlurfte nie mit einem Wo-ist-der-Gehaltsscheck-Blick durch das Bild.
So gibt es neben den unumstrittenen Cage-Klassikern der achtziger und neunziger Jahre auch zahlreiche neue Filme, auf die Tom Gormican in seinem Film anspielen kann.
Vom Plot her ist „Massive Talent“ eine Actionkomödie, in der ein Mann plötzlich Dinge tun muss, für die er nicht ausgebildet ist. Er gerät in zahlreiche Situationen, aus denen er sich herauslavieren muss. Es gibt, wenn Gangster und Geheimagenten aufeinandertreffen, ordentlich Action. Und selbstverständlich Humor.
Das erinnert an die eskapistischen Agentenfilme aus den sechziger Jahren, als im Fahrwasser der erfolgreichen James-Bond-Filme, unter südlicher Sonne in Operettenrepubliken Agenten und Nicht-so-richtige-Agenten („Ihr Auftritt, Al Mundy“), gefährliche Abenteuer erlebten. Das war (und ist) bunt, eskapistisch, fantastisch und, in seiner Grundstimmung, absolut fröhlich und lebensbejahend. Schließlich verfolgen wir die Abenteuer von großen Jungs, die sich lustvoll in kindische Abenteuer stürzen und ihren Spaß haben.
In diesem Rahmen wird der Film dann, sicher auch dank Nicolas Cage und Pedro Pascal (der den Millardär und Waffenhändler spielt), zu einer erstaunlich tiefgründigen Betrachtung über Freundschaft und das Leben. Diese Momente tragen dazu bei, dass die Metakomödie deutlich ruhiger und besser ist, als der klamaukige Trailer verspricht.
Massive Talent (The Unbearable Weight of Massive Talent, USA 2022)
Regie: Tom Gormican
Drehbuch: Tom Gormican, Kevin Etten
mit Nicolas Cage, Pedro Pascal, Ike Barinholtz, Neil Patrick Harris, Tiffany Haddish, Alessandra Mastronardi, Jacob Scipio, Lily Sheen, Sharon Horgan, David Gordon Green, Demi Moore
Je länger ich über „Eine deutsche Partei“ nachdenke, umso ärgerlicher finde ich den Film. Simon Brückner war über mehrere Jahre als stiller Beobachter bei AfD-Treffen. Er begleitete während der vergangenen Legislaturperiode, genaugenommen zwischen 2019 und 2021, vor allem AfD-Politiker aus dem Berliner Abgeordnetenhaus. Dazu kommen noch zwei Vertreter aus den Bezirksverordnetenversammlungen von Neukölln und Reinickendorf und Bundestagsabgeordnete.
Diese Aufnahmen von Sitzungen und öffentlichen Auftritten fügte er jetzt zu einem Film zusammen. Er unterteilt ihn in sechs Kapitel. Die Funktion dieser Kapitel ist rätselhaft. Eigentlich erspart sie im dunklen Kinosaal nur den Blick auf die Uhr. Denn Brückner erzählt chronologisch. Auf einen Kommentar verzichtet er. Schließlich handelt es sich um eine dieser stillen Beobachtungen, in denen dem Publikum ein Blick auf die Ereignisse gewährt wird, ohne dass der Regisseur sich mit seiner Meinung oder seiner Person einmischt. Durch die Auswahl des Materials und den Schnitt tut er es doch. Außerdem führt die Anwesenheit einer Kamera normalerweise zu einem verändertem Verhalten; wobei dieser Punkt heute sicher weniger zutreffend ist. Früher, vor allem zu den Anfängen des Direct Cinema, waren Kameras größer, unhandlicher und seltener als heute. Heute nimmt jeder mit seinem Smartphone in oft beeindruckender Qualität alles auf und fast niemand stört sich daran. Auch die porträtierten AfD-Mitglieder stören sich nicht erkennbar an dem zwischen ihnen sitzendem Dokumentarfilmer.
Brückner verzichtet auch auf alle Textinserts. So wird, wenn man die AfD-Politiker nicht kennt, „Eine deutsche Partei“ einfach nur eine zweistündige Abfolge von sprechenden Köpfen, über die man nichts weiß und auch nichts erfährt. Denn wer die Sprecher (es sind eigentlich nur meist etwas ältere Männer) nicht kennt und keine Ahnung von der Berliner Lokalpolitik hat, wird sich öfter fragen, um was es denn da geht. Das Gesagte kann er, weil jegliches Vorwissen darüber fehlt, auch nicht beurteilen.
Damit ist der Film kein Beitrag zur politischen Aufklärung. Dafür brächte es Hintergrundinformationen und Einordnungen des Gesagten, die im Film erfolgen sollten. Entweder durch Nachfragen, durch einen Off-Kommentar oder durch andere Interviewpartner. Auf alles das wurde verzichtet zugunsten eines Direct-Cinema-Porträts einer Partei, das als intimes Porträt, in dem sich die Partei demaskiert, verkauft wird.
Diese „Demaskierung“ funktioniert nicht. AfD-Gegner werden ihr Bild bestätigt bekommen. AfD-Fans ihres. Und alle, die einfach nur politisch interessiert sind und mehr über die AfD erfahren wollen, bleiben hilflos zurück. Es fehlen einfach alle Informationen, mit denen irgendetwas eingeordnet werden kann. Teils, weil in Codes gesprochen wird. Teils weil der Zusammenhang, in dem etwas gesagt wird, unklar ist. Es gibt keinen Faktencheck. Es gibt auch nie eine Position dazu außerhalb der Partei-Blase.
Damit ist „Eine deutsche Partei“ einfach nur eine zweistündige Abfolge von zufällig aufgeschnappten O-Tönen ohne irgendeinen Erkenntniswert und eine gigantische Verschwendung von Zeit.
(Hinweis: Grundlage für diese Besprechung ist die auf der Berlinale präsentierte Version. Etwaige spätere Änderungen sind nicht berücksichtigt.)
Drehbuch: Jamie Linden, Alan DiFiore, Jim Kouf (nach einer Geschichte von Alan DiFiore und Jim Kouf)
Kyle Budwell will wissen, warum der ihm von Lee Gates im TV als todsicher versprochenen Aktie ein desaströser Flop sind. In Gates‘ Live-TV-Sendung nimmt der einfache Arbeiter den aalglatten Moderator als Geisel. Kyle will Antworten und sein mühsam zusammengespartes Geld zurück.
Spannender, viel zu unbekannter, schwarzhumoriger Echtzeit-Thriller, der einige wichtige Fragen anspricht und auch zum Nachdenken anregen kann.
mit George Clooney, Julia Roberts, Jack O’Connell, Dominic West, Caitriona Balfe, Giancarlo Esposito, Christopher Denham, Lenny Venito, Chris Bauer, Dennis Boutsikaris, Emily Meade, Condola Rashad