Ein Webcam-Girl wird ermordet und Franz Eberhofer hat einen neuen Fall. Wenn er sich nicht gerade mit den Bauplänen von seinem Bruder und seiner Ehefrau herumärgern muss. Die wollen nämlich für beide Familien ein wunderschönes Haus bauen.
TV-Premiere, wenige Tage nach dem Kinostart von Franz-Eberhofers neuem Abenteuer „Guglhupfgeschwader“. Gewohnt vergnügliche Provinzkrimi-Kost, dieses Mal fast ohne Kriminalfall, aber mit gewohnt unterhaltsamen und respektlosen Streitigkeiten im Kreis der Familie und Freunde.
mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Enzi Fuchs, Eisi Gulp, Gerhard Wittmann, Daniel Christensen, Stephan Zinner, Max Schmidt, Sigi Zimmerschied, Nora Waldstätten, Michael Ostrowski, Thomas Kügel, Maria Hofstätter, Matthias Egersdörfer, Rüdiger Klink, Thomas Mraz, Ferdinand Hofer, Mai Le, Theresa Walter, Marek Fis, Christine Neubauer, Willy Astor, Olivia Pascal, Sarah Viktoria Frick
Die Träumer (The Dreamers, Großbritannien/Italien/Frankreich 2002)
Regie: Bernardo Bertolucci
Drehbuch: Gilbert Adair
LV: Gilbert Adair: The holy innocents – A Romance, 1988 (später überarbeitet zu „The Dreamers“ und dann auf Deutsch als „Träumer“ erschienen)
Paris, Frühling 1968: Die Cinémathèque Francaise wird geschlossen. Drei Studenten, Matthew und die Zwillinge Isabelle und Theo, ziehen sich in die riesige Wohnung der Zwillinge zurück und spielen anfangs Filme nach. Später wird es immer mehr zu einem Spiel sexueller Obsessionen.
Bertoluccis Liebeserklärung an das Kino und sein bester Film seit langem. Adair meinte, so sein Agent in einem Gespräch, Bertolucci habe in dem Film das gesagt, was er in seinem Roman habe sagen wollen. Ein schöneres Kompliment hat wahrscheinlich noch kein Regisseur gehört.
Mit Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel, Anna Chancellor, Robin Renucci, Jean-Pierre Kalfon, Jean-Pierre Léaud
LA-Cop John Berlin (Andy Garcia) wird in die Provinz versetzt. Dort stößt er sofort auf eine Mordserie. Ein Killer hat bis jetzt acht blinde Frauen umgebracht. Sein nächstes Opfer könnte die blinde Cellistin Helena Robertson (Uma Thurman) sein.
Okayer Serienkillerthriller, in dem der Cop der Magnet für alle möglichen und unmöglichen Probleme ist.
mit Andy Garcia, Uma Thurman, John Malkovich, Lance Henriksen, Kathy Baker, Graham Beckel
Der erste „Predator“-Film, inszeniert von John McTiernan und mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle, ist heute ein SF-Horrorfilmklassiker. Die danach entstandenen Filme mit dem Monster nicht. Der absolute Tiefpunkt war 2018 mit „Predator – Upgrade“ (The Predator) erreicht. Shane Black, der in „Predator“ mitspielt, aber bekannter für seine Drehbücher zu den „Lethal Weapon“-Filmen ist, schrieb das Drehbuch und übernahm die Regie. Da konnte man, auch weil seine vorherigen Filme „Kiss Kiss, Bang Bang“, „Iron Man 3“ und „The Nice Guys“ überaus gelungen sind, einen besonderen Film erwarten. Es wurde ein atemberaubend schlechter Film.
Vor diesem Hintergrund wirkte die Ankündigung, dass es einen neuen „Predator“-Film geben wird, der die Geschichte der ersten Begegnung zwischen dem Predator und den Menschen erzählen wird, wie eine Drohung.
„10 Cloverfield Lane“-Regisseur Dan Trachtenberg verlegt diese Begegnung in die Northern Great Plains in das Siedlungsgebiet der Comanchen. Die Geschichte spielt im September 1719, und damit noch vor der Gründung der USA.
Die junge Naru entdeckt im Wald die Spuren eines Tieres, das nach ihrer Ansicht kein Bär, sondern etwas anderes ist. Weil die gleichaltrigen Männer des Stammes sie zu dieser gefährlichen Jagd nicht mitnehmen wollen, macht sie sich allein auf den Weg und begegnet dem aus dem Weltall kommenden, meist unsichtbaren und anscheinend unbesiegbarem Predator.
Trachtenberg erzählt diese Geschichte gradlinig als ein gnadenloses Duell zwischen Mensch und, hm, Tier. Es gibt keine überflüssigen Nebengeschichten, keine länglichen Psychologisierungen und kein Gerede über die Predator-Mythologie. Der Predator ist hier einfach nur ein intelligentes Raubtier, das seine Beute jagt. Und Naru eine Kriegerin die dem Feind ins (unsichtbare) Auge starrt und ihn besiegen will. Danach wäre sie eine richtige Kriegerin.
Für die Fans gibt es einige wenige Zitate aus dem ersten „Predator“-Film. Mehr Fanservice gibt es nicht in diesem Western.
Neben der spannend erzählten Geschichte punktet „Prey“ mit einen Blick für die unberührte Landschaft und einem großen Respekt für die Kultur der Native Americans. In der Originalfassung wird, ohne Untertitel (was nicht weiter stört), comanche, englisch und französisch gesprochen. Französisch sprechen die fiesen Einwanderer, denen Naru begegnet und die den Tod durch den Predator verdient haben. Die Comanchen sprechen eine Mischung aus ihrer Sprache und, damit wir sie verstehen, englisch. Es gibt außerdem eine Fassung, in der die Comanchen nur ihre Sprache sprechen. Gespielt werden die Comanchen von Native Americans und First Nations. Und es gab Berater für die Lebensweise der Comanchen.
„Prey“ ist der Film, auf den „Predator“-Fans schon lange nicht mehr zu hoffen wagten. Western-Fans dürfen sich über einen überaus gelungenen Western/SF-Hybrid freuen. Für alle anderen ist „Prey“ ein spannendes Western/Horror/Science-Fiction-B-Picture, das schnörkellos seine Geschichte erzählt.
Am Ende des Thrillers bleibt eigentlich nur eine Frage: Warum läuft der Film nicht im Kino?
Prey (Prey, USA 2022)
Regie: Dan Trachtenberg
Drehbuch: Patrick Aison (nach einer Geschichte von Patrick Aison und Dan Trachtenberg, basierend auf Figuren von Jim Thomas und John Thomas)
mit Amber Midthunder, Dakota Beavers, Stormee Kipp, Michelle Thrush, Julian Black Antelope
Henri Charrière, genannt Papillon, wird 1931 zu lebenslanger Strafarbeit in der Strafkolonie Bagno auf der Teufelsinsel Cayenne in Französisch-Guayana verurteilt. Er soll einen Zuhälter ermordet haben. Kaum angekommen, denkt Papillon nur an eine scheinbar unmögliche Flucht.
Tolle Verfilmung der beeindruckenden und höchst erfolgreichen Autobiographie von Charrière. Das Nachfolgewerk „Banco“, in dem er von seinem weiteren Leben erzählt, war dann episodischer.
Mit Steve McQueen, Dustin Hoffman, Victor Jory, Woodrow Parfrey, Robert Deman, Anthony Zerbe, Don Gordon, William Smithers, Val Avery, Dalton Trumbo
„Warten auf Bojangles“ beginnt 1958 an der Riviera. Auf High-Society-Partys blendet Georges (Romain Duris) mit seinen Erzählungen die anwesenden, meist älteren Gäste. Er erfindet Berufe und Abenteuer. Er ist charmant. Für ihn ist das Leben ein einziger Urlaub. Auf einer dieser Gesellschaften, die der Hochstapler selbstverständlich ohne eine Einladung besucht, sieht er die wunderschöne Camille (Virginie Efira). Die beiden Geistesverwandten verlieben sich sofort, heiraten und haben einige Monate später einen Sohn.
Neun Jahre später leben sie in Paris in einer riesigen Altbauwohnung. Für sie ist das Leben immer noch eine einzige rauschende Party. Sorgen sind etwas für die anderen Menschen.
Aber das Leben ist nicht so.
Deshalb wird „Warten auf Bojangles“ in der zweiten Hälfte immer düsterer. Camille hat eine immer sichtbarer werdende bipolare Störung. Als ihr Mann Georges und ihr Sohn Gary (Solan Machado-Graner) das nicht mehr leugnen können, weisen sie Camille notgedrungen in eine Psychiatrie ein. Trotzdem versucht Georges den Schein zu wahren.
Régis Roinsard („Mademoiselle Populaire“) begibt sich in seinem neuen Film auf eine Gratwanderung, deren Gelingen zu einem großen Teil vom Wohlwollen des Publikums abhängt. Denn an der Inszenierung gibt es nichts auszusetzen. In der ersten Hälfte erschafft Roinsard ein poppiges Fünfziger-Jahre-Frankreich, das die in damaligen eskapistischen Unterhaltungsfilmen gezeigte Welt auf eine neue Ebene hebt. Alles ist noch bunter und lebensbejahender als wir es aus Filmen kennen. Auch in der zweiten Hälfte, wenn Georges und Camille in ihrer Pariser Wohnung mondäne Parties feiern, ist alles größer und bunter als die Realität jemals wahr. Garys Erlebnisse in der Schule sind „Der kleine Nick“-XXL. Nur dass Gary in der Schule keine Freunde hat. Ein Junge, der von täglichen rauschenden Festen mit hunderten Gästen, unzähligen niemals geöffneten Briefen und einem Kranich als Haustier redet, muss ein Lügner und Spinner sein. Und mit so einem Jungen will ein anständiger Junge nichts zu tun haben. Fortan wird Gary von seinen Eltern zu Hause unterrichtet. Dieser Unterricht macht sowieso mehr Spaß als der dröge Schulunterricht.
Wenn Camilles psychische Probleme immer offentsichtlicher werden, bleibten Georges und Roinsard bei ihrer Haltung, dass es kein Problem gibt, das nicht wegfantasiert werden kann. Diese zunächst durchaus sympathische Haltung wird immer mehr zu einem Problem. Dann irgendwann wird die Grenze von Optimismus zur irrationalen Verkennung der Realität überschritten.
Wegfantasiert wird in der zweiten Hälfte des Films auch der problematische Lebensstil und die problematische Lebenseinstellung von Camille und Georges. Sie nutzen letztendlich, sehr offensichtlich und ohne eine Spur von schlechtem Gewissen und Scham, andere Menschen aus. Sie leben, ohne irgendeine eigene Leistung, auf deren Kosten. Sie sind Parasiten. Auch wenn der Film sie immer noch rundum positiv zeigt.
In der zweiten Stunde wird mit einer atemberaubenden Konsequenz aus einem Feelgood-Film ein Feelbad-Film, der trotzdem weiterhin eine sorglose Komödie sein will und dann, etwas ziellos, zwischen Drama und Komödie pendelt. Das führt zu einer zunehmenden Distanz zu den Hauptfiguren, mit denen wir uns während des Films immer weniger identifizieren wollen.
Wer das akzeptiert und akzeptiert, dass die Filmgeschichte von einem zuckersüßem Anfang auf ein deprimierendes Ende zusteuert, kann sich an den Schauspielern – Virginie Efira und Romain Duris sind gewohnt überzeugend und sympathisch – und der gelungenen Inszenierung erfreuen. Sie spielt mit den Erwartungen des Zuschauers und bietet einen Blick in eine Fantasiewelt, die schon in der ersten Filmminute eindeutig eine Traumwelt ist, die nicht ewig existieren kann.
Warten auf Bojangles (En attendant Bojangles, Frankreich 2021)
Regie: Régis Roinsard
Drehbuch: Romain Compingt, Régis Roinsard
LV: Olivier Bourdeaut: En attendant Bojangles, 2016 (Warten auf Bojangles)
mit Virginie Efira, Romain Duris, Gregory Gadebois, Solan Machado-Graner
In Niederkaltenkirchen ist mal wieder die Hölle los. Einmal auf dem Eberhofer-Hof. Schließlich fremdelt Franz Eberhofer immer noch mit seiner Vaterrolle und mit seinem Bruder will er auch nicht in das neu zu bauende Haus ziehen. Eigentlich würde er am liebsten einfach weiter in seinem Jugendzimmer weiterwohnen. Seine Frau, die Susi, sieht das natürlich anders.
Einmal im Dorf. Weniger wegen dem Trubel um einen Lottoschein, der das Los zum großen Glück ist, und dem zehnjährigem Dienstjubiläum von Franz Eberhofer, sondern weil auf den örtlichen Lottoladen tagsüber zuerst ein Schuss abgefeuert und dann, nach Einbruch der Dunkelheit, ein Brandanschlag verübt wird, bei dem die Besitzerin stirbt. Anschließend taucht ihr Sohn, der depperte Lotto-Otto, unter. Er hat sich bei den falschen Leuten verschuldet und diese gehören zu der Sorte Verbrecher, die über Leichen gehen.
Zusammen mit seinem Freund und bewährtem Co-Ermittler/Privatdetektiv Rudi Birkenberger sucht Eberhofer auch im benachbarten Tschechien die für den Brandschlag verantwortlichen Mafiosi. Dabei muss er sich auch mit Birkenbergers neuer Freundin auseinandesetzen.
Inzwischen – der neueste Eberhofer-Krimi „Guglhupfgeschwader“ ist der achte Eberhofer-Krimi – haben die Eberhofer-Krimikomödien eine schöne Verläßlichkeit etabliert. Das weitgehend gleiche Team vor und hinter der Kamera liefert zuverlässig jedes Jahr eine Krimikomödie ab, die sich kaum von den vorherigen Fällen unterscheidet. Sicher, es gibt jedes Mal andere Gaststars und auch der Mordfall unterscheidet sich. Aber das Stammensemble mit ihren liebevoll gepflegten Schrullen ist immer dabei. Das Zusammenspiel funktioniert prächtig und alle fühlen sich sauwohl in ihren Rollen. Je nach persönlichem Geschmack hat dann jeder Eberhofer-Fan seinen Lieblingsfall.
Das „Guglhupfgeschwader“ markiert eine willkommene Rückkehr zum Kriminalfilm. Im vorherigen Film, dem „Kaiserschmarrndrama“ war der Fall nur noch die Nebensache der Nebensache. Das Ensemble war zufrieden mit selbstbezüglichen Gags. Die gibt es jetzt auch. Aber dieses Mal nimmt der nicht sonderlich komplexe Kriminalfall wieder mehr Raum ein. Eberhofer muss ermitteln. Und das ist gut so. Schließlich sind die Filme ja Kriminalkomödien.
Wahrscheinlich gewinnt der achte Eberhofer-Film keine neuen Fans, aber die vielen alten Fans werden gut bedient. Denn die Eberhofer-Filme sind Publikumserfolge. Die ersten Filme liefen nur in Bayern im Kino und gehörten, mit jeweils deutlich über einer halben Million Zuschauer, trotzdem zu den erfolgreichsten deutschen Filmen des Kalenderjahres. Die letzten Eberhofer-Filme liefen dann in ganz Deutschland erfolgreich in den Kinos. Die letzten beiden Eberhofer-Filme – „Leberkäsjunkie“ und „Kaiserschmarrndrama“ – hatten jeweils um die 1,2 Millionen Zuschauer. Damit war das „Kaiserscharrndrama“ letztes Jahr der siebterfolgreichste Film des Jahres und der zweiterfolgreichste deutsche Film, hinter dem Kinderfilm „Die Schule der magischen Tiere“. Er war auch – Zahlen sind ja so verführerisch und sagen letztendlich so wenig über die Qualität eines Films aus – erfolgreicher als die Superheldenfilme „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“, „Eternals“ und „Black Widow“.
Bei diesem Publikumszuspruch ist der neunte Fall für den lässigen Dorfpolizist, der nur in Ruhe sein Bier trinken will, schon in Arbeit. Es handelt sich um die Verfilmung von „Rehragout-Rendezvous“, dem elften Eberhofer-Roman.
Währenddessen schreibt Eberhofer-Erfinderin Rita Falk den zwölften Eberhofer-Provinzkrimi und fragt sich öffentlich, ob das ihr letzter Roman mit dem Dorfpolizisten wird.
Für weitere Eberhofer-Filme wäre das kein Hinderniss. Schließlich gibt es, um nur ein Beispiel zu nennen, inzwischen deutlich mehr Wilsberg-TV-Krimis als Wilsberg-Romane von seinem Erfinder Jürgen Kehrer.
Guglhupfgeschwader(Deutschland 2022)
Regie: Ed Herzog
Drehbuch: Stefan Betz, Ed Herzog
LV: Rita Falk: Guglhupfgeschwader, 2019
mit Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Eisi Gulp, Enzi Fuchs, Gerhard Wittmann, Daniel Christensen, Stephan Zinner, Max Schmidt, Sigi Zimmerschied, Thomas Kügel, Ferdinand Hofer, Johannes Berzl, Stefan Betz, Frederic Linkemann, Stefanie Reinsperger, Michael A. Grimm
Ladybug (Brad Pitt) soll nur eine Koffer aus einem Zug klauen. Der ‚Marienkäfer‘ steigt in Tokio ein in den nach Kyoto fahrenden Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen. An der nächsten Station will er, mit dem Koffer, aussteigen. Aber Ladybug ist ein vom Pech verfolgter Auftragskiller. Deshalb weiß er, dass das kein einfacher Auftrag ist und alles, was schiefgehen kann, schiefgehen wird. Mit dieser, auf Erfahrung beruhender, Einstellung hat er einen Vorteil gegenüber den anderen Killer, die ebenfalls im Zug sitzen, die er teils von früher kennt und die er in den kommenden beiden Filmstunden kennen lernen wird. Ladybug ist daran gewöhnt zu improvisieren.
Die anderen Killer haben dagegen die irrwitzige Hoffnung, dass sie ihre Pläne mühelos verwirklichen können. In dem Moment sind im Shinkansen, so wird uns gesagt, das Killerduo Tangerine (Aaron Taylor-Johnson) und Lemon (Brian Tyree Henry), der Prince und Kimura (Andrew Koji). Kimura will in dem Zug den Prince umbringen. Wegen ihm liegt sein sechsjähriger Sohn im Koma im Krankenhaus. Der Prince ist, im Gegensatz zu unseren Erwartungen und im Gegensatz zum Roman, eine Schülerin im Pubertätsalter (Joey King).
Tangerine und Lemon sind mit dem Sohn des Gangsterbosses White Death im Zug. Sie haben ihn gerade aus den Händen einer Entführerbande gerettet, indem sie sie töteten. Das Lösegeld haben sie ebenfalls bei sich. Es ist in dem Koffer, den Ladybug stehlen soll.
Zu diesen Killern gesellen sich im Lauf des Films, mit jedem Halt, weitere Killer dazu, die teils nur kurze Auftritte haben. Im Rahmen von „Bullet Train“ bedeutet das, dass sie schnell tot sind.
David Leitch (zuletzt „Fast & Furious Presents: Hobbs & Shaw“) harte Actionkomödie „Bullet Train“ basiert auf dem gleichnamigem Thriller von Kotaro Isaka. Für den Film wurde die Prämisse und etliche Handlungselemente übernommen, aber auch vieles dazuerfunden und verändert. Unter anderem wurde aus den im Roman rein japanischen Killern eine Multikulti-Besetzung. Manchmal wurde auch das Geschlecht des Killers geändert. Gangsterboss Minegishi wird im Film zu White Death und er erhält eine andere Biographie. Drehbuchautor Zak Olkewicz verändert auch gleich die Motive des Mannes, der für die Killerversammlung im Zug verantwortlich ist. Denn es ist kein Zufall, dass ein gutes Dutzend Killer gerade diesen Zug benutzen.
Leitch erzählt dies angenehm flott über alle Absurditäten und Unwahrscheinlichkeiten hinweg. Die im knalligen Post-Tarantino/Guy-Ritchie-Stil erzählte Killerballade kümmert sich wenig um Plausibilität und Realismus. Dafür gibt es popkulturelle Anspielungen (so liest der Prince Trevanians Profikillerode „Shibumi“), lange Monologe (dank Lemon erfahren wir, wie im Buch, alles über Thomas, die kleine Lokomotive und seine Freunde), visuelle Spielereien, erklärende Rückblenden, viel ultrabrutale und in ihrer Übertreibung komische Gewalt und einige Witze. Wobei es im Film, außer man findet absurde Mordmethoden und unangemessenes Verhalten witzig, wenige genuine Lacher gibt. Dafür ist der gesamte Grundton des sich nicht ernst nehmenden Films humoristisch, vor allem von der lakonisch schwarzhumorigen Sorte.
„Bullet Train“ ist eine kurzweilige, ultrabrutale Actionkomödie, die einfach nur ein rabiater Sommerspaß sein will. So als kurzweilige Überbrückung bis zum nächsten „Deadpool“- oder Guy-Ritchie-Film.
JAMES BOND: Der Hauch des Todes (The Living Daylights, Großbritannien 1987)
Regie: John Glen
Drehbuch: Richard Maibaum, Michael G. Wilson
LV: Ian Fleming: The living daylights, 1962 (Duell mit doppeltem Einsatz/Der Hauch des Todes, Kurzgeschichte)
Bond soll einem russischen Agenten zur Flucht verhelfen. Aber dieser treibt ein doppeltes Spiel.
Der erste Bond mit Timothy Dalton ist ein rundum unterhaltsamer Agentenfilm für die ganze Familie. Es gibt etwas Action (jugendfrei), schöne Frauen (dito), Pferde, Exotik (na, so à la Karl May). Tja, man gab sich Mühe zum 25-jährigen Leinwandjubiläum.
Sogar einige Elemente der Fleming-Story wurden in „Der Hauch des Todes“ verwandt.
Kommenden Donnerstag zeigt Vox um 22.20 Uhr „Lizenz zum Töten“, Timothy Daltons zweiten und letzten Einsatz als James Bond.
Mit Timothy Dalton, Maryam d´Abo, Jeroen Krabbé, Joe Don Baker, John Rhys-Davies, Art Malik, Desmond Llewelyn, Robert Brown, Caroline Bliss, John Terry
Einige Seemeilen neben der fiktiven Karibikinsel Saint Marie, wo wechselnde aus England eingeflogene Ermittler „Death in Paradise“ aufklären, liegt Camoha, eine ebenso fiktive Insel, die als ebenso archetyische Karibikinsel beschrieben werden kann. Auf dieser Insel gibt es Touristen, christliche und andere Glaubensgemeinschaften, Revolten, Polizeigewalt und Korruption, viel Korruption.
Im Mai 1999 verlor Michael ‚Digger‘ Digson, der Ich-Erzähler in „Die Knochenleser“, bei dem Vergewaltigungsaufstand seine Mutter. Wahrscheinlich wurde sie ermordet. Als der sich Jahre später ziellos durch sein Leben treiben lassende hochintelligente Schulabbrecher Digson den Mord an einem Kind auf offener Straße beobachtet, trifft er Detective Superintendent Chilman. Der sieht in ihm Potential und bietet ihm eine Arbeit in einer noch zu gründenden Spezialeinheit der Polizei an. Schmackhaft macht er ihm die Arbeit unter anderem mit dem Hinweis, dass er in den Polizeiakten nach dem Mörder seiner Mutter suchen kann.
Neben diesen von Digson mehr oder weniger energisch vorangetriebenen Ermittlungen, erfahren wir auch, wie das Team ausgebildet und zu einem Team wird. Als Chilman in Pension geht (das ist auf Seite 88), hat er noch eine Aufgabe für sie. Sie sollen das schon länger zurückliegende Verschwinden von Nathan aufklären. Wahrscheinlich hat er nicht die Insel verlassen, sondern er wurde ermordet.
Bei diesem Fall soll ihnen Miss Stanislaus helfen. Sie ist zwar keine Polizistin, aber Chilman hat sie zu ihnen geschickt und der Polizeichef befiehlt ihnen, sie in ihre Einheit aufzunehmen.
„Die Knochenleser“ ist der erste „Kriminalroman“ von Jacob Ross. Der 1956 auf Grenada geborene Ross lebt seit 1984 im Vereinigten Königreich. Vor „Die Knochenleser“ veröffentlichte er bereits den Roman „Pynter Bender“ (ausgezeichnet als Bestes Debüt von der Society of Authors), Theaterstücke, Kurzgeschichten und Gedichte. „Die Knochenleser“ erhielt den damals neuen Jhalak Prize for Book of the Year by a Writer of Colour. Im darauffolgenden Jahr erhielt Reni Eddo-Lodge den Preis für „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ (Why I’m no longer talking to White People about Race). Ihr Essay ist unbedingt lesenswert.
Über „Die Knochenleser“ kann das nicht gesagt werden. Ross erzählt seine Geschichte chronologisch, was in diesem Fall dazu führt, dass der für den Roman zentrale Kriminalfall erst sehr spät beginnt. In der ersten Hälfte des Buches erzählt er alles über Digsons Anwerbung, seine Ausbildung, seine Arbeit als Polizist, der Suche nach dem Mörder seiner Mutter und einige Seiten über die Ermittlungen im Fall Nathan. In der zweiten Hälfte geht es eher um den Mord an Bello Hunt, Diakon der Spirituellen Baptistenkirche Kinder des Einhorns. Auch hier scheint Ross sich für alles außer dem reichlich nebulösem Kriminalfall zu interessieren. Der wird eher nebenbei, kaum nachvollziehbar und im Off weitergesponnen.
Das könnte natürlich ausgeglichen werden durch die Sprache, eine intensive Beschreibung des Insellebens und interessante Figuren. Sprachlich hat mich der Roman nicht angesprochen und die überflüssige Verwendung des Dialekts genervt. Die Figuren sind eher unsympathisch und in ihrem Verhalten oft nervig. Das korrupte Inselleben haben wir so ähnlich schon in anderen und besseren Romanen gelesen, die in Entwicklungsländern spielen. Spontan fallen mir die in Südamerika und Afrika spielenden Kriminalromane von Yasmina Khadra, Janis Otsiemi, Gary Victor und, auch wenn sie keine Polizeikrimis schreibt, Claudia Piñeiro ein.
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Jacob Ross: Die Knochenleser
(übersetzt von Karin Diemerling)
Suhrkamp, 2022
384 Seiten
15,95 Euro
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Originalausgabe
The Bone Readers
Peepal Tree Press, Leeds/UK, 2016
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Die Übersetzung folgt der Sphere-Neuausgabe von 2018.
Packender und extrem schonungsloser Kriegsfilm über die Erlebnisse einer Besatzung eines US-Panzers während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Deutschland.
mit Brad Pitt, Logan Lerman, Shia LaBeouf, Jon Bernthal, Michael Pena, Jim Parrak, Brad William Henke, Jason Isaacs, Kevin Vance, Alicia von Rittberg, Scott Eastwood
Wiederholung: Donnerstag, 4. August, 01.15 Uhr (Taggenau! – Dann läuft das FSK-16-Werk wahrscheinlich ungekürzt.)
The good Liar – Das alte Böse (The good Liar, USA 2019)
Regie: Bill Condon
Drehbuch: Jeffrey Hatcher
LV: Nicholas Searle: The good Liar, 2016 (Das alte Böse)
Heiratsschwindler Roy Courtnay (Ian McKellen) hat ein neues Opfer: die vermögende Witwe Betty McLeish (Helen Mirren). Die ist allerdings nicht so naiv, wie sie tut.
TV-Premiere. Der Thriller ist, und das meine ich lobend, betuliches Schauspielerkino, das sich vor allem auf Mirren und McKellen blind verlassen kann und verlässt.
Sein letzter Film war „Plan 9 from Outer Space“ (Plan 9 aus dem Weltall), ein Werk von Ed Wood, das nicht gut, eigentlich sogar ziemlich schlecht, aber nicht so schlecht ist, wie man nach seinem Ruf als schlechtester Film aller Zeiten annehmen könnte. Immerhin wurde das Werk nach seiner Worst-Picture-Auszeichnung zum Kultfilm.
Sein bekanntester Film ist „Dracula“. Tod Browning inszenierte ihn 1931 für Universal Studios. Der Horrorfilm war ein Kassenerfolg, der erste einer Reihe legendärer, kommerziell sehr erfolgreicher Horrorfilme und er zeigte Bela Lugosi in der Rolle seines Lebens. Er hatte Graf Dracula schon vorher im Theater gespielt. Neben vielen anderen Rollen. Aber nach „Dracula“ war er letztendlich bis zu seinem Tod Graf Dracula aus Transsylvanien.
Koren Shadmi erzählt in seinem Comic „Lugosi – Aufstieg und Fall von Hollywoods Dracula“ das Leben von Bela Lugosi. Geboren wurde Lugosi am 20. Oktober 1882 in Lugos (Königreich Ungarn, Österreich-Ungarn) als Béla Ferenc Dezsö Blaskó. Er beginnt seine Schauspielerkarriere am Theater in Shakespeare-Stücken. In Budapest gründet er eine Schauspielergewerkschaft. 1919, nach dem Sturz der Regierung, nimmt deswegen der Druck auf ihn zu. Er flüchtet mit seiner damaligen Frau nach Wien. Von 1919 bis 1921 lebt er – diese kurze und für sein Leben unwichtige Phase wird im Comic übersprungen – in Berlin, spielt in mehreren Stummfilmen mit und tritt erstmals als Bela Lugosi auf. Danach zieht er in die USA. Zuerst lebt er in New York. 1927 hat er am Broadway seine erste Hauptrolle als Graf Dracula. Mit dem Stück geht er auf Tournee durch die USA. Als er von einer geplanten Verfilmung der „Dracula“-Geschichte hört, will er mitspielen. Er erhält die Rolle und wird zum Star.
An den großen Erfolg von „Dracula“ kann er in den nächsten Jahren nicht anknüpfen. Das lag, wie Shadmi zeigt, teils am Studio, aber zu einem größeren Teil an Lugosis Persönlichkeit. Zuerst war er, nach dem Erfolg von „Dracula“, sehr wählerisch bei der Auswahl seiner Rollen; später, als seine finanziellen Probleme wuchsen, nahm er jede Rolle an. Er legte niemals seinen „Dracula“-Akzent ab. Dieser starke Akzent schränkte das Spektrum der Rollen, die ihm angeboten wurden, ein. Er gab immer mehr Geld aus als er hatte. Er war fordernd und egozentrisch. Er war fünfmal verheiratet. Die kürzeste Ehe hielt nur wenige Tage. Die längste, mit Lillian Arch, über zwanzig Jahre von 1933 bis 1953. Und er war drogensüchtig.
Bela Lugosi stirbt am 16. August 1956 in Los Angeles. Er wurde 73 Jahre alt.
Koren Shadmis „Lugosi“ ist eine rundum überzeugende Comic-Biographie. Er verdichtet Lugosis Leben auf entscheidende Stationen, liefert dabei immer den notwendigen historischen Hintergrund und zeigt auch die problematischen Seiten von Lugosi. Er entschied sich, Lugosis Leben als SW-Geschichte zu erzählen. So wie wir Lugosi aus den SW-Filmen und von Bildern kennen. So wie das Hollywood der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre, das wir aus SW-Filmen und von SW-Fotos kennen, für uns heute aussieht.
Koren Shadmi: Lugosi – Aufstieg und Fall von Hollywoods Dracula
Einer flog über das Kuckucksnest (One flew over the Cuckoo’s Nest, USA 1975)
Regie: Milos Forman
Drehbuch: Lawrence Hauben, Bo Goldman
LV: Ken Kesey: One flew over the Cuckoo’s Nest, 1962 (Einer flog über das Kuckucksnest)
Ganove Randle Patrick McMurphy (Jack Nicholson) hat keine Lust auf Gefängnisarbeit. Er spielt den Verrückten. Zur Überprüfung seines Geisteszustands wird er in eine Nervenklinik eingewiesen – und gerät unter die Fuchtel von Schwester Ratched (Louise Fletcher).
Klassiker, der natürlich mühelos als Parabel auf eine reglementierte und Individualität unterdrückende Gesellschaft interpretiert werden kann.
Keseys Roman und Formans Verfilmung waren Publikumserfolge. 1976 war die Verfilmung bei den Oscars mit Auszeichnungen für Bester Film, Beste Regie, Bestes (adaptierte) Drehbuch, Bester Hauptdarsteller und Beste Hauptdarstellerin der große Gewinner.
mit Jack Nicholson, Louise Fletcher, William Redfield, Brad Dourif, Will Sampson, Danny DeVito, Scatman Crothers, Christopher Lloyd
Hausfrau Thelma und ihre Freundin, die Kellnerin Louise, brechen zu einem Wochenende ohne Männer auf. In einer Bar wird ein Mann zudringlich. In Notwehr erschießt Louise ihn. Weil ihnen das aber niemand glaubt, fliehen Thelma und Louise nach Mexiko. Verfolgt von der Polizei.
Ein feministisches Roadmovie, ein Kassen- und Kritikererfolg und inzwischen ein Klassiker.
Callie Khouri erhielt für ihr Drehbuch unter anderem den Oscar, einen Golden Globe und den Preis der Writers Guild of America. In ihren späteren Werken konnte sie an diesen Erfolg nicht anknüpfen.
mit Susan Sarandon, Geena Davis, Harvey Keitel, Michael Madsen, Brad Pitt
Die schwerste Aufgabe für den Superhund Krypto ist, morgens sein Herrchen Superman aufzuwecken und zum Gassi gehen/fliegen durch Metropolis zu überreden. Das ist die Stadt, in der Superman, wie wir aus unzähligen Comics und Filmen wissen, lebt und die dort lebenden Menschen vor Bösewichtern wie Lex Luthor beschützt.
Dieser Lex Luthor plant jetzt wieder eine Schandtat, die Superman mit seinen Freunden von der Justice League verhindern wollen. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände landet etwas von dem besonderem Kryptonit, das Lex Luthor erfunden hat und das Superman kampfunfähig machen soll, in einem Tierheim.
Das dort in einem Käfig eingesperrte Meerschweinchen Lulu kostet von diesem Kryptonit, bekommt Superkräfte und als angehende Superbösewichtin plant sie sofort viele böse Taten.
Das will Krypto verhindern. Helfen sollen ihm dabei die anderen Tiere aus dem Tierheim, nämlich der Hund Ace, das Hängebauchschwein PB, die Schildkröte Merton und das Eichhörnchen Chip, die alle gerne neue menschliche Freunde hätten.
„DC League of Super Pets“ ist ein Trickfilm für Kinder. Nach einem charmantem Anfang wird schnell deutlich, dass die Regiseure Jared Stern (u. a. Co-Autor „The Lego Batman Movie“) und Sam J. Levine sich im wesentlichen damit zufrieden geben, eine altbekannte Story noch einmal zu erzählen. Nur dass jetzt Tiere weitgehend die Rollen der Superhelden und des Superbösewichts übernehmen. Es gibt einige Witze, etwas Action und für Erwachsene ziemlich viel Langeweile aufgrund geistiger Unterforderung.
Die Film-“League of Super Pets“ basiert teilweise auf Comic-Figuren, die als League of Super Pets ihren ersten Auftritt 1962 hatten. Davor traten sie bereits in Einzelcomics auf.
DC League of Super-Pets(DC League of Super-Pets, USA 2022)
Regie: Jared Stern, Sam J. Levine (Ko-Regie)
Drehbuch: Jared Stern, John Whittington
mit (im Original den Stimmen von) Dwayne Johnson, Kevin Hart, Kate McKinnon, John Krasinski, Vanessa Bayer, Natasha Lyonne, Diego Luna, Marc Maron, Keanu Reeves, Thomas Middleditch, Ben Schwartz, Olivia Wilde, Alfred Molina, Lena Headey
(in der deutschen Fassung den Stimmen von) Emilia Schüle, Tahnee, Enissa Amani, Torsten Sträter
Frankreich, frühe achtziger Jahre: in der Provinz betreiben die Brüder Jerôme und Philippe einen Piratensender. Jerôme ist der allgemein bewunderte Zampano. Philippe der stille Beobachter und Macher im Hintergrund. Das beginnt sich zu ändern, als sie sich in die gleiche Frau, die mit einer kleinen Tochter aus Paris zurückgekehrte Marianne, verlieben und Philippe als Soldat nach West-Berlin muss. Er kann beim britischen Militärsender, wo er den schillernden Moderator Dany trifft, arbeiten. Er überzeugt ihn mit einer spontanen Improvisation aus Tonbändern, die er live wild zusammenschneidet und mit allen Effekten, die das Studio hergibt, verfeinert. Dieser Moment, also das Zusammenschneiden eines Drei-Minuten-Stücks in drei Minuten, ist natürlich reinste Fantasy. So etwas hätte damals Tage, wenn nicht sogar Wochen, gedauert. Es ist trotzdem einer der schönsten Momente in diesem an schönen Momenten reichen Film.
In dem Sender überwindet Philippe seine Scheu vor dem Mikrofon, erkundet die pulsierende Berliner Musikszene und kehrt als anderer Mensch zurück in sein Dorf, wo die alten und neue Probleme auf ihn warten.
Beim Ansehen von Vincent Maël Cardonas „Die Magnetischen“ hat man das Gefühl, die kaum fiktionalisierten Jugenderinnerungen des Regisseurs zu sehen. So gut trifft Cardona das Gefühl vom gottverlassenen Leben in der Provinz, in der damals noch länger als in den Großstädten auf die neuesten Singles und Langspielplatten von angesagten Bands gewartet wurde. Liebevoll zusammengestellte Mixtapes wurden unter Freunden ausgetauscht und bis zum gehtnichtmehr gehört. Piratensender und, nennen wir es, ‚besondere‘ Radiosender spielten diese Singles von unbekannten Bands, die von radiohörenden Jugendlichen aufgenommen wurden (wenn sie nicht gerade darüber fluchten, dass der blöde Moderator mal wieder in den Song gequatscht hatte). Es war die Zeit nach Punk und vor dem Internet.
Dabei hat Cardona diese Zeit nicht erlebt. Er kam 1980 in der Bretagne auf die Welt und schrieb das Drehbuch zusammen mit den ungefähr gleichaltrigen Romain Compingt, Chloé Larouchi, Maël Le Garrec, Rose Philippon und Catherine Paillé. Sie wollten, so Cardona, „ermessen inwiefern die digitale Revolution die Welt verändert hat, in die wir hineingeboren wurden“. Und da sind die frühen achtziger Jahre wirklich ein Blick in eine andere, eine vordigitale Zeit, die inzwischen lang genug zurückliegt, um nostalgisch verklärt zu werden.
Es ist auch ein Blick, der sich ausschließlich auf die Liebesgeschichte und die Musik konzentriert. Politik wird nicht erwähnt. Angesichts der damaligen Proteste gegen die etablierte Politik, bei denen Jugendliche eine wichtige Rolle spielten, ist diese Lücke erstaunlich. Diese Lücke führt dazu, dass die vielfältigen, intensiven Verflechtungen zwischen Protest, Jugendprotest, Musik und Popkultur ignoriert werden. In „Die Magnetischen“ wird das Unbehagen an und der Protest gegen die Gesellschaft auf eine ästhetische Dimension, auf eine Frage der richtigen Musik, reduziert.
Die Story selbst ist vernachlässigbar in dieser Charaktestudie, die die Beschreibung eines Zustandes und eines mentalen Ortes ist. Entsprechend plötzlich kommt das Ende, das nicht von einer dramaturgischen Notwendigkeit oder Hollywood-Drehbuchkonventionen, sondern von der Laufzeit des Films diktiert wird. Das Ende, um im Duktus des Films zu bleiben, des Tonbands ist erreicht. Die Musikkassette ist voll.
Insofern ist „Die Magnetischen“ ein gelungenes Mixtape, das bei Älteren wohlige Erinnerungen heraufbeschwört und Jüngeren einen Einblick in eine noch gar nicht so lange zurück liegende, aber ganz andere Zeit gewährt.
Die Magnetischen (Les magnétiques, Frankreich/Deutschland 2021)
Regie: Vincent Maël Cardona
Drehbuch: Vincent Maël Cardona, Romain Compingt, Chloé Larouchi, Maël Le Garrec, Rose Philippon, Catherine Paillé
mit Thimotée Robart, Marie Colomb, Joseph Olivennes, Fabrice Adde, Louise Anselme, Younès Boucif, Maxence Tual, Judith Zins, Philippe Frécon
Indiekino über „Die Magnetischen“ (Zeitzeuge Tom Dorow über den Film und wie politisch es damals zwischen Hausbesetzung, Straßenprotest und Clubbesuch in Berlin war)
Andere Regisseure hätten aus dieser Geschichte wahrscheinlich eines dieser fiebrigen Melodramen gemacht, in denen die Kamera den Protagonisten atemlos in verwackelten, Authentizität suggerierenden Nahaufnahmen verfolgt.
C.B. Yi wählt in seinem Spielfilmdebüt einen anderen Weg. „Moneyboys“ ist ein sehr gut aussehendes Slow-Cinema-Drama. C.B. Yi erzählt die Geschichte von Fei, einem jungen Mann, der aus einem Dorf kommt und in einer chinesischen Großstadt sein Geld als Sexarbeiter verdient. Er hat Sex mit anderen Männern und ist auch selbst schwul. Mit diesem gesellschaftlich geächtetem und auch verbotenem Lebensstil kann er seine Familie unterstützen. Die nimmt das Geld, möchte aber nicht wissen, wo es herkommt.
Diese fragile Balance gerät, ziemlich spät im Film, aus dem Gleichgewicht, als Fei von einem Jugendfreund besucht wird, der in der gleichen Branche Geld verdienen möchte, und Fei, noch später, seine erste große Liebe, den Mann, der ihn in das Sexgeschäft einführte, wieder trifft. Er ist inzwischen verheiratet und hat mehrere Kinder.
C.B. Yi erzählt Feis Geschichte in langen, meist bewegungslosen Totalen. In diesem Bühnenbild bewegen die Schauspieler sich kaum. Es sind Bilder, die deswegen für die große Leinwand komponiert sind. Auf einem kleinen Bildschirm wirken sie wie Standbilder und der Film wie ein Hörspiel, in dem viel geschwiegen und wenig erklärt wird.
C.B. Yi kam als Dreizehnjähriger aus China nach Österreich zu seinen Eltern in die Provinz. Später studierte er in der Filmakademie Wien bei Michael Haneke.
Während eines Auslandsstudiums in Peking lernte er Mitstudierende kennen, die mit der Sexarbeit das Geld für ihr Studium verdienten, ihre Familie unterstützen und es verschweigen. C.B. Yi wollte darüber einen Dokumentarfilm machen. Nachdem er von seinem Lehrer Michael Haneke auf die möglichen Folgen für seine Interviewpartner hingewiesen wurde, entschloss er sich, einen Spielfilm darüber zu drehen. Das ermöglichte ihm beim Umgang mit dem Tabu-Thema größere Freiheiten. Die nutzte er dann nicht für eine besonders dramatische Geschichte über das chinesische Strichermilieu, ihre Probleme in der Gesellschaft und wie sie vom Staat verfolgt werden. Natürlich zeigt C.B. Yi die dunklen Seiten der Prostitution und die Zwänge der Arbeit, bei der die Jungs mehr oder weniger viel Zeit mit ihren Freiern verbringen. Er zeigt auch, unaufdringlich, wie die Modernisierung das Leben in China verändert.
Im Mittelpunkt von C.B. Yis universeller, in Taiwan gedrehter Geschichte steht Feis Gefühlsleben. Für Slow-Cinema-Fans ist der dieses Jahr mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnete Film ein Fest.