Neu im Kino/Filmkritik: „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ gibt es nur im Kino

April 2, 2023

Lange, sehr lange, ungefähr seit 2013 war ein Reboot von „Dungeons & Dragons“ im Gespräch. Davor war das erfolgreiche Pen-&-Paper-Rollenspiel bereits die Vorlage für drei zwischen 2000 und 2012 entstandene und inzwischen vergessene Spielfilme. Danach wanderte das Projekt durch zahlreiche Hände, bis Jonathan Goldstein und John Francis Daley, die vorher „Vacation – Wir sind die Griswolds“ (Vacation, USA 2015) und „Game Night“ (Game Night, USA 2018) inszenierten, den Zuschlag erhielten. Gedreht wurde „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ von April bis August 2021 in Island und Nordirland. Der angekündigte Starttermin wurde mehrmals verschoben.

Entsprechend groß ist natürlich die Skepsis. Mehrmalige Startterminverschiebungen deuten oft auf Probleme hin. Und dann gibt es noch die Fans des Spiels, die sich schaudernd an die vielen misslungenen Spieleverfilmungen erinner. Auch Filmfans, die das zugrunde liegende Spiel nicht kennen, können mühelos etliche Spieleverfilmungen aufzählen, die einfach schlechte Filme sind. Wie, um ein halbwegs aktuelles Beispiel zu nennen, Justin Kurzel hochkarätig besetztes Desaster „Assassin’s Creed“ (Assassin’s Creed, USA 2016).

Glücklicherweise ist „Dungeons & Dragons“: Ehre unter Dieben“ ein ganz okayer, unterhaltsamer und sich nicht allzu ernst nehmender Film. Ob es eine gute Verfilmung des Spiels ist, kann ich nicht sagen, weil ich das Spiel nicht kenne. Aber bis jetzt gibt es noch kein Wutgeheul von den Fans des Spiels.

Die Helden des Films sind Edgin (Christ Pine), ein Barde und ehemaliges Mitglied einer Geheimorganisation von Friedenshütern, und seine Kampfgefährtin Holga (Michelle Rodriguez), eine kampferprobte und kampffreudige Barbarin. Nach einem gescheiterten Einbruch sitzen sie in einem mittelalterlichen Hochsicherheitsgefängnis – äh, „Dungeons & Dragons“ spielt in einer dieser Fantasy-Welten, in denen alles nach Mittelalter aussieht, es aber einige moderne Dinge und viel Zauberei gibt.

Ihnen gelingt die Flucht aus dem Gefängnis. Von ihrem alten Kumpel Forge (Hugh Grant) wollen sie nun den ihnen zustehenden Teil der Beute haben. Er will ihn ihnen nicht geben. Außerdem konnte er in den vergangenen zwei Jahren Edgins Tochter Kira (Chloe Coleman) überzeugen, dass er ein netter fürsorglicher Onkel und Edgin ein egoistischer, seine Frau und Tochter verachtender Dieb ist. Deshalb möchte Kira bei Forge bleiben. Außerdem ist der Schlawiner Forge inzwischen der Lord von Niewinter.

In wenigen Tagen will Forge ein großes Fest feiern, zu dem auch viele andere Lords kommen. Dieses High Sun Fest mit seinen Kämpfen und Attraktionen in der Arena und der Stadt wollen Edgin und seine Freunde benutzen, um Forges bestens gesichertem Safe auszuräumen. Um ihn öffnen zu können, müssen sie sich zuerst an anderen Orten einige Dinge besorgen, die schwer zu besorgen sind.

Und los geht die Reise durch Fantasy-Land. Edgin und Holga erleben viele Abenteuer beim Zusammensuchen der für ihren Diebstahl wichtigen Utensilien, sie treffen alte Bekannte und lernen neue Kampfgefährten kennen. Dazu gehören Doric (Sophia Lillis), eine Druidin, die mühelos ihre Gestalt verändern kann und auch als Eulenbär kämpft (frag nicht, akzeptier einfach, dass es riesige Mischwesen aus Eule und Bär gibt), der halbtalentierte Magier Simon (Justice Smith) und der erheblich talentiertere Paladin Xenk (Regé-Jean Page).

Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ erzählt eine sattsam bekannte Abenteuergeschichte durchaus vergnüglich und selbstironisch, aber auch ziemlich holprig. Jede Figur und jeder Charakterzug ist bekannt. Dass Michelle Rodriguez eine kampfstarke Barbarin spielt, ist nur auf den ersten Blick eine Neuerung. Letztendlich spielt sie den treuen, gutgelaunten, für die Witze zuständigen, bulligen Freund des Helden, der sich ohne mit der Wimper zu zucken, in die nächste Schlacht wirft und für den eine zünftige Kneipenschlägerei immer eine willkommene Abwechslung vom Saufen und Fressen ist. Ob Mann, ob Frau ist egal.

Das gleich gilt aüf die anderen Figuren.

Die Story folgt ebenfalls den vertrauten Pfaden, in denen an verschiedenen Orten verschiedene Dinge besorgt werden müssen und die Figuren auf ihrer Reise viele Abenteuer erleben. Sie folgt auch der Dramaturgie eines Spiels, bei dem hinter jeder Karte eine neue Überraschung wartet.

Die in „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ erzählte Geschichte selbst ist dann schlechte Fantasy. Regeln werden immer so benutzt, wie sie gerade passen. Da ist ein Portal zur Hand, wenn es gerade benötigt wird. Da hilft mal ein Zauberspruch, mal hilft er nicht. Und wenn alle Stricke reißen, fällt einer Figur spontan ein neuer Zauberspruch ein. Figuren können sich immer dann unsichtbar machen, wenn der Drehbuchautor es so will. Gesetze und Regeln werden bei Bedarf einfach ignoriert.

Es gibt, natürlich, viel CGI. Vor allem das Finale ist eine einzige CGI-Schlacht. Auch davor gibt es überreichlich im Computer hergestellte Effekte.

Immerhin wurden Teile vor Ort gedreht. Diese Landschaftsaufnahmen verpassen dem Film eine nötige Portion Realismus. Auch dass die spielfreudigen Schauspieler öfter gemeinsam im Bild sind, führt zu Interaktionen, die in Superheldenfilmen, in denen jeder Schauspieler seinen Text ohne die anderen Schauspieler aufsagt, fehlen.

Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben (Dungeons & Dragons: Honor Among Thieves, USA 2023)

Regie: Jonathan Goldstein, John Francis Daley

Drehbuch: Jonathan Goldstein, John Francis Daley, Michael Gilio (nach einer Geschichte von Chris McKay und Michael Gilio, basierend auf Hasbros Dungeons & Dragons)

mit Chris Pine, Michelle Rodriguez, Regé-Jean Page, Justice Smith, Sophia Lillis, Chloe Coleman, Daisy Head, Hugh Grant

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“

Metacritic über „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“

Rotten Tomatoes über „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“

Wikipedia über „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jonathan Goldstein/John Francis Daleys „Vacation – Wir sind die Griswolds“ (Vacation, USA 2015)

Meine Besprechung von Jonathan Goldstein/John Francis Daleys „Game Night“ (Game Night, USA 2018)


TV-Tipp für den 2. April: Free Guy

April 1, 2023

Schwierige Entscheidung zwischen den TV-Premieren „Mulan“ (RTL, 20.15), „Free Guy“ (Pro 7, 20.15 Uhr), „Proxima – Die Astronautin“ (Servus TV, 20.15), dem selten gezeigten Klassiker „Wem die Stunde schlägt“ (Arte, 20.15) und dem „Tatort“ (ARD, 20.15). Also nehmen wir das Programm mit den meisten Osterhasen

Pro 7, 20.15

Free Guy (Free Guy, USA 2021)

Regie: Shawn Levy

Drehbuch: Matt Lieberman, Zak Penn (nach einer Geschichte von Matt Lieberman)

Guy führt ein glückliches und zufriedenes Leben als kleiner Bankangestellter in Free City. Als er sich in Molotovgirl verliebt und eine Brille aufsetzt, die er nicht aufsetzen sollte, erfährt er, dass er in einem Online-Multiplayer-Game lebt. Sein im Spiel nicht vorgesehenes erwachendes Bewusstsein gefährdet sein weiteres Leben und die Weiterexistenz des Spiels. Er und alle seine Freunde könnten den Pixeltod sterben.

TV-Premiere. Überaus unterhaltsame in zwei Welten spielende Actionkomödie.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jodie Comer, Ryan Reynolds, Taika Waititi, Camille Kostek, Aaron W Reed, Channing Tatum, Utkarsh Ambudkar, Joe Keery, Kimberly Howe, Matty Cardarople, Lil Rel Howery, Alex Trebek

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Free Guy“

Metacritic über „Free Guy“

Rotten Tomatoes über „Free Guy“

Wikipedia über „Free Guy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Shawn Levys „Real Steel“ (Real Steel, USA 2011)

Meine Besprechung von Shawn Levys „Prakti.com“ (The Internship, USA 2013)

Meine Besprechung von Shawn Levys „Sieben verdammt lange Tage“ (This is where I leave you, USA 2014)

Meine Besprechung von Shawn Levys „Free Guy“ (Free Guy, USA 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: Frauke Finsterwalder, „Sisi & Ich“

April 1, 2023

Zehn Jahre nach ihrem Spielfilmdebüt „Finsterworld“, einer schwarzen Komödie über Deutschland, seziert Frauke Finsterwalder jetzt das Leben von Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, bekannter als Sisi (bzw. seit den Romy-Schneider-Filmen Sissi). Das Drehbuch schrieb sie wieder mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Christian Kracht. Aber während „Finsterworld“ ein Ensemble- und Episodenfilm war, konzentriert sie sich in ihrem neuen Film, wie der Titel „Sisi & Ich“ schon verrät, auf zwei Personen: die Kaiserin Elizabeth (Susanne Wolff) und Irma, Gräfin von Sztáray (Sandra Hüller), ihre neue Hofdame. Irma ist eine mit 42 Jahren schon ältere, immer noch nicht verheiratete Frau, die unter der strengen Fuchtel ihrer Mutter steht und von ihr in diese Anstellung gedrängt wird. Sisis vorherige Hofdame begutachtet sie wie ein Stück Vieh, stellt sie ein und schickt sie sofort nach Korfu. Dort hält sich die Kaiserin mit ihrem Hofstaat auf.

Als Irma nach einer qualvollen Reise auf der Insel ankommt, entdeckt sie eine Welt, die nichts mit dem strengen Hofprotokoll zu tun hat. Graf Berzeviczy ist der einzige Mann auf der Insel. Er ist ein der Kaiserin treu ergebener, am Rand stehender, für flüssige Abläufe sorgender Diener. Das Leben der Frauen auf Korfu ähnelt dem Leben in einer freien, dauerbekifften Frauenkommune mit einem Oberhaupt, das sich wie ein von allen abgöttisch verehrter Popstar verhält. Sisi leidet an Stimmungsschwankungen, benimmt sich wie ein kleines Kind, will immer ihren Spaß haben, vergibt spontan ihre Gunst und entzieht sie genauso schnell. Jetzt schenkt sie ihre Gunst ihrer neuen Hofdame Irma. Und diese erwidert sie. Schnell entsteht eine Freundschaft, in der das Machtgefälle zwischen den beiden Frauen immer präsent ist.

Wie „Corsage“, Marie Kreutzers Sisi-Interpration, die letztes Jahr im Kino lief, interpretiert Frauke Finsterwalder Sisi und den Sisi-Mythos frei für die Gegenwart. Beide Filme konzentrieren sich auf die zweite Hälfte von Sisis Leben und enden mit ihrem Tod. Beide Filme entfernen sich immer wieder von den historisch verbürgten Fakten; wozu auch Sisis Tod gehört. In beiden Filmen gibt es bewusste Brüche. In „Corsage“ sind das moderne Gegenstände und eine auf einer Abendgesellschaft präsentierte Neuinterpretation von „As Time goes by“.

In „Sisi & Ich“ erfolgt die Modernisierung des historischen Stoffes überzeugender, gelungener und weniger störend vor allem über die Haltung der Figuren, das Spiel der Schauspieler, satirische Zuspitzungen und die Musik. Es gibt nämlich achtzehn von Frauen gespielte und gesungene Lieder, die ein gutes Mixtape ergeben. Es sind vor allem in der breitest möglichen Definition Rocksongs, die Frauke Finsterwalder nicht nach ihrer Popularität bei der breiten Masse, sondern nach ihrem Geschmack und der Stimmigkeit für den Film auswählte.

(Einschub: Es beginnt mit „Wandering Star“ von Portishead. Es folgen „Deceptacon“ von Le Tigre, „Meantime“ von Beaumont, „Things That We Do“ von Rose Melberg, „Lady with the Braid“ von Dory Previn, „Life after youth“ von Tess Parks, „Waiting“ von Alice Boman, „Sinks of Gandy“ von The Other Years, „Death a la carte“ von Would-Be-Goods, „Baby alive“ von Nina Hynes, „Angel“ von Seagull Screaming Kiss Her Kiss Her, „Festival of Kings“ von The Mark Wirtz Orchestra and Chorus, „Girlie Pop“ von Pop Tarts, „Shchedryk (Carol of the Bells)“ von Bel Canto Choir Vilnius, „Afraid“ von Nico, „Shining“ von Peace Orchestra, „Cosmic Dancer“ von Sandra Hüller [ursprünglich ein „T. Rex“-Song, aber es sollten nur Frauen singen] und, etwas Klassik muss sein, „Clara Schumann: Piano Sonata G-Minor II Adagio“ von Yoshiko Iwai.)

Nach der auf Korfu spielenden ersten Hälfte der Komödie, begibt Sisi sich auf eine Reise durch ihr Königreich, halb Europa und nach Ägypten. Dabei zeigt sie immer wieder ihr schon von Korfu bekanntes sprunghaftes, triebgesteuertes, mit den Konventionen des Hofprotokolls haderndes manisch-depressives Verhalten. Immer wieder bricht sie kurzzeitig aus dem goldenen Käfig aus. Und kehrt wieder zurück. Das ergibt eine schnell redundant werdende Aneinanderreihung des Immergleichen. Denn zwischen den zweiten und dem zehnten Ausbruchversuch aus dem Hofprotokoll ergeben sich keine neuen Erkenntnisse.

Damit reiht „Sisi & Ich“ sich in die Reihe aktueller Filme ein, die eine sehr gelungene, in sich geschlossene erste Hälfte, in der eigentlich alles gesagt wird, und eine zerfasernde, zunehmend uninteressantester werdende zweite Hälfte haben.

Sisi & Ich (Deutschland/Schweiz/Österreich 2023)

Regie: Frauke Finsterwalder

Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht

mit Sandra Hüller, Susanne Wolff, Stefan Kurt, Georg Friedrich, Sophie Hutter, Maresi Riegner, Johanna Wokalek, Sibylle Canonica, Angela Winkler, Markus Schleinzer, Anne Müller, Anthony Calf, Tom Rhys Harries, Annette Badland

Länge: 132 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Sisi & Ich“

Moviepilot über „Sisi & Ich“

Rotten Tomatoes über „Sisi & Ich“

Wikipedia über „Sisi & Ich“ (deutsch, englisch)

Berlinale über das Werk

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Finsterworld“ (Deutschland 2013)


TV-Tipp für den 1. April: Oblivion

März 31, 2023

Vox, 20.15

Oblivion (Oblivion, USA 2013)

Regie: Joseph Kosinski

Drehbuch: Karl Gajdusek, Michael deBruyn (basierend auf der Graphic-Novel-Originalstory von Joseph Kosinski)

Nach dem Krieg gegen die Aliens verließen die Menschen die Erde. Nur einige Männer, wie Jack, sind als Reparaturtrupp für Alien-jagende Drohnen zurückgeblieben. Da stürzt ein Raumschiff mit einer Frau an Bord ab – und Jacks Leben gerät aus dem Ruder.

Optisch überzeugender SF-Film, bei dem man sein Gehirn nicht komplett abschalten sollte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Cruise, Morgan Freeman, Olga Kurylenko, Andrea Riseborough, Nikolaj Coster-Waldau, Melissa Leo

Hinweise

Metacritic über „Oblivion“

Rotten Tomatoes über „Oblivion“

Wikipedia über „Oblivion“ (deutsch, englisch)

Collider: Interview mit Joseph Kosinski über „Oblivion“ (30. Dezember 2012)

Collider: Interview mit Joseph Kosinski über „Oblivion“ (2. April 2013)

Meine Besprechung von Joseph Kosinskis „Oblivion“ (Oblivion, USA 2013)

Meine Besprechung von Joseph Kosinskis „No Way Out – Gegen die Flammen“ (Only the Brave, USA 2017)

Meine Besprechung von Joseph Kosinkis „Top Gun: Maverick“ (Top Gun: Maverick, USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Ordinaries“, eine Genreperle aus Deutschland

März 31, 2023

Der 16-jährigen Paula Feinmann könnte der Aufstieg von einer Nebenfigur zur Hauptfigur gelingen. Jedenfalls ist ihr Lehrer an der Hauptfigurenschule von ihr überzeugt. Aber ein, zwei Fähigkeiten fehlen ihr noch. Ihr verstorbener Vater, der eine Hauptfigur war, könnte ihr dabei helfen. Als sie nach Informationen über ihn sucht, entdeckt sie einige Geheimnisse, die ihr Leben verändern. Und sie begegnet den am Rand der Gesellschaft lebenden Outtakes.

Das liest sich jetzt vielleicht etwas rätselhaft, aber die Verwirrung kann schnell aufgeklärt werden. Die Gesellschaft, die Sophie Linnenbaum in ihrem Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF entwirft, ist eine klassische Dystopie. Zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten gibt es starre Grenzen. Es gibt eine Oberschicht (die Hauptfiguren), eine Unterschicht (die Nebenfiguren) und die von der Gesellschaft Ausgestossenen (die Outtakes). Die Heldin gehört zur Unterschicht. Sie hat Fähigkeiten, die sie nicht haben sollte und die dazu führen, dass sie das System herausfordert. In neueren Geschichten, wie den Young-Adult-Dystopien „Die Tribute von Panem“ und „Maze Runner“, führt das dann zu einer das System zerstörenden Revolution. Früher, zum Beispiel in George Orwells „1984“, nicht. Aber die Struktur der Gesellschaft und die Erzählmuster sind bekannt. Die Bilder auch. Nur die Namen für die verschiedenen Klassen ändern sich. Bei Linnenbaum kommen diese Namen aus der Welt des Films – und das ist die geniale Idee von „The Ordinaries“: sie wendet die Filmtheorie einfach auf die Erzählmuster von Dystopien an. Diese Idee führt sie dann konsequent aus. Während die Hauptfiguren über eine breite Palette an Ausdrucksmöglichkeiten verfügen, haben die Nebenfiguren weniger Ausdrucksmöglichkeiten. Teilweise sagen sie in Dauerschleifen immer wieder die gleichen Sätze auf. Mehr benötigen sie nicht für ihr Leben. Die Outtakes sind die Figuren und Teile, die aus Filmen herausgeschnitten wurden. Sie sind Filmfehler. Sie können teilweise nur halbe Sätze sagen oder sich nur sprunghaft bewegen. Sie sind der Teil des Films vor und nach der großen Actionszene oder dem Dialog. Sie sind unwichtig.

Diese drei Welten malt Linnenbaum liebevoll und überaus detailreich aus. Dazu gehören selbstverständlich auch unzählige Anspielungen auf andere Filme. Eine immer wieder singende und tanzende Hauptfiguren-Familie erinnert natürlich an französische Komödien und bringt mehr als einen Hauch von Amélie in den Film. Die Gebäude und Wohnungen, in denen die Nebenfiguren leben, strahlen die freudlose Ostblock-Tristesse des Kalten Krieges aus. Und irgendwann sitzt ein Forrest Gump auf einer Bank.

Bei all dem Spaß am Filmzitat regt „The Ordinaries“ auch zum Nachdenken über unsere Gesellschaft an.

Dazu trägt auch die von Linnenbaum und ihrem Co-Drehbuchautor Michael Fetter Nathansky, der ebenfalls an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF studierte, Geschichte von Paulas Suche nach dem Vermächtnis ihres Vaters, den anscheinend niemand kennt und der keine Spuren hinterlassen hat, und ihrem Kampf um den Aufstieg in die Kaste der Hauptdarsteller bei.

Wie Natalia Sinelnikova mit ihrer vor einigen Monaten im Kino gelaufenen, ebenfalls sehenswerten Dystopie „Wir könnten genauso gut tot sein“ über das aus dem Ruder laufende Leben in einer Gated Community, setzt sich Sophie Linnenbaum mit ihrem Abschlussfilm „The Ordinaries“ erfreulich von dem den unzähligen Abschlussfilmen ab, die sich in einer Selbstbespiegelung über die eigene Jugend in der Provinz und desaströsen Liebeserfahrungen erschöpfen. „Wir könnten genauso gut tot sein“ und „The Ordinaries“, die beide von Regiestudentinnen der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF als Abschlussfilm inszeniert wurden, erzählen spannende Genregeschichten. Beide Filme erzählen Science-Fiction-Geschichten, die sehr gut mit ihrem überschaubarem Budget umgehen und neugierig auf ihre nächsten Arbeiten machen.

The Ordinaries (Deutschland 2022)

Regie: Sophie Linnenbaum

Drehbuch: Sophie Linnenbaum, Michael Fetter Nathansky

mit Fine Sendel, Jule Böwe, Henning Peker, Noah Tinwa, Sira-Anna Faal, Denise M’Baye, Pasquale Aleardi, Noah Bailey, Christian Steyer, Birgit Berthold

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „The Ordinaries“

Moviepilot über „The Ordinaries“

Rotten Tomatoes über „The Ordinaries“

Wikipedia über „The Ordinaries“


TV-Tipp für den 31. März: Ewige Jugend

März 30, 2023

Bayern, 00.45

Ewige Jugend (Youth, Italien/Frankreich/Schweiz/Großbritannien 2015)

Regie: Paolo Sorrentino

Drehbuch: Paolo Sorrentino

Der Komponist Fred Ballinger und sein Freund, der Drehbuchautor Mick Boyle, verbringen den Sommer in der Schweiz in einem edlen Wellness-Tempel. Die beiden alten Herren genießen die Ereignislosigkeit. Sie blicken wehmütig auf ihre früheren Jahre zurück und beobachten, milde desinteressiert, die anderen Hotelgäste. Ab und an wird Ballinger, – weil es doch nicht vollkommen ohne Story geht -, von einem Gesandten der Queen gefragt wird, ob er sein bekanntestes Stück für eine Feier dirigieren möchte. Ballinger lehnt diese Unterbrechung seines Ruhestandes zunächst ab.

In „Ewige Jugend“ gibt es noch nicht einmal die Scheinaktivitäten von Sorrentinos früheren Filmen. Handlungstechnisch passiert nichts. Visuell passiert nichts. Das hat, gerade wegen der Altersweisheit der Charaktere, durchaus seinen kontemplativ entspannenden Reiz. Wenn man in der richtigen Stimmung ist.

mit Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Paul Dano, Jane Fonda, Mark Kozelek, Robert Seethaler, Alex Macqueen

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ewige Jugend“

Wikipedia über „Ewige Jugend“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „Cheyenne – This must be the Place“ (This must be the Place, Italien/Frankreich/Irland 2011)

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „La grande Bellezza – Die große Schönheit“ (La grande Bellezza, Italien/Frankreich 2013)

Meine Besprechung von „Paolo Sorrentino – Director’s Collection“

Meine Besprechung von Paolo Sorrentinos „Loro – Die Verführten“ (Loro, Italien/Frankreich 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Wer hat darauf gewartet? „Manta, Manta – Zwoter Teil“

März 30, 2023

Damals, 1991, war „Manta, Manta“ mit deutlich über einer Million Besucher ein Kinohit. Für Til Schweiger war die Komödie über eine Gruppe Manta-Fahrer seine erste Kinorolle und gleich der Durchbruch. Mit „Der bewegte Mann“ wurde er zum Star. „Männerpension“ und „Knockin’ on Heaven’s Door“ und Angebote aus Hollywood folgten.

Heute ist „Manta, Manta“ vor allem und nur als Zeitdokument interessant. Regisseur Wolfgang Büld („Gib Gas – Ich will Spaß“, „Der Formel Eins Film“) gelang es in neunzig Minuten ein überraschend präzises Porträt einer Zeit, eines Orts und einer Subkultur zu zeichnen. Die Häuser, die Einrichtungen, die Kleider, die Frisuren, die Sprüche und die Musik verorten den Film eindeutig in den späten achtziger, frühen neunziger Jahren. Und einige der am Film beteiligten Schauspieler, die damals am Anfang ihrer Karriere standen, sind heute immer noch bekannt. Neben Til Schweiger ist hier vor allem Michael Kessler zu nennen. Er spielt wieder den gutmütigen Trottel Klausi.

Aber niemand, der mehr als eine halbe Gehirnzelle hat, würde „Manta, Manta“ einen guten oder sehenswerten Film nennen. Und, auch wenn schon seit Jahren über eine Fortsetzung gesprochen wurde, hat wahrscheinlich niemand ernsthaft auf eine Fortsetzung gewartet.

Aber jetzt ist sie da. Und sie ist ein wahrlich bizarres Werk. Es ist kein fertiger Film, sondern eher eine erste Skizze, ein hastiges Einsprechen der Texte, teils Blindtexte, die einen Eindruck von der Länge des geplanten Dialogs geben sollen, und Visualisierungen, die ebenfalls vor allem einen Hinweis auf die zu sehenden Bildern geben sollen. Anschlussfehler und logische Brüche sind da egal. Deshalb stehen gelungene Szenen neben erbarmungwürdig schlechten Szenen. Da wird kopflos chargiert. Da ist der erste Auftritt von Moritz Bleibtreu ein Fremdschäm-Moment, in dem nichts zusammen passt. In seinen nächsten beiden Auftritten überzeugt er dann als aasiger Ersatzvater. Wotan Wilke Möhring vergeigt seinen Auftritt als Bankbeamter hundertfünfzigprozentig.

Da gibt es alle paar Minuten, ohne Sinn und Verstand, eine Zeitlupe. Mal passt sie, meistens nicht. Im Abspann werden dann geschnittene Szenen präsentiert, die oft witziger sind als die im Film enthaltenen Szenen. Außerdem werden einige bekannte Gesichter gezeigt, die nicht im Filmauftauchen. Da passt nichts zusammen.

Das gilt auch für die Story, die Til Schweiger erfand und mit sich in der Hauptrolle verfilmte.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht dieses Mal eindeutig Bertie Katzbach (Til Schweiger). Inzwischen ist er geschieden, hat seine Rennfahrerkarriere schon vor Jahren aufgegeben und betreibt seitdem eine Autowerkstatt, die auch ein Gebrauchtwagenhandel ist (ist am Anfang mal wichtig) und eine für die Filmgeschichte vollkommen unwichtige Kart-Bahn hat. Alle Geschäfte in Berties Werkstatt laufen so schlecht, dass seine Hausbank alles zwangsversteigern will. Da hat Bertie eine Idee: wenn er das Classic-Cars-Rennen am Bilster Berg fährt und gewinnt, wäre er schuldenfrei. Er könnte weiter in seiner Werkstatt leben und mit seinen Freunden, die schon seit Monaten unentgeltlich für ihn arbeiten, abhängen.

In dem Moment bittet seine große Liebe und jetzt Ex-Frau Uschi (Tina Ruland) ihn, sich um ihren gemeinsamen Sohn Daniel (Tim Oliver Schultz) zu kümmern. Der steht kurz vor seinem Abi an einer Abendschule. Als Möchtegern-Influencer, der seine reichen Freunde mit der Kreditkarte von seinem Stiefvater beeindrucken will, beschäftigt er sich lieber mit anderen Dingen und er hasst Bertie.

Diese Prämisse könnte, wie in „Manta, Manta“, der auch keine erinnerungswürdige Story hatte, mit anderen Dingen wettgemacht werden. Aber da ist in „Manta, Manta – Zwoter Teil“ nichts.

Wer Mantas und Autorennen sehen will, wird enttäuscht werden. Es gibt nur einen Manta und den auch erst am Ende. Autorennen gibt es mehr als eines, aber lieber beschäftigen sich alle mit anderen Dingen, wie einer Schlägerei in einer Strandbar oder dem amateurhaft durchgeführtem Diebstahl eines Motors von einem Schrottplatz. Das große Classic-Cars-Rennen am Filmende ist dann so konfus geschnitten, dass der Rennverlauf höchstens rudimentär erahnbar ist. Die Regeln erinnern an eine durchgeknallte Version von „Rollerball“ oder „Death Race“. Mit dem kleinen Unterschied, dass hier niemand stirbt, sondern nur ältere und alte Autos fotogen geschrottet werden.

Lokalkolorit ist auch nicht vorhanden. „Manta, Manta – Zwoter Teil“ spielt irgendwo im Nirgendwo.

Die Fortsetzung ist, im Gegensatz zu „Manta, Manta“, der eine Clique porträtierte, kein Ensemblefilm, sondern eine Til-Schweiger-Show, die ständig betont, wie cool sie sei.

Das Endergebnis ist, in einem Wort, ein Totalschaden, bei dem unklar ist, warum Til Schweiger ihn so ins Kino brachte.

Manta, Manta – Zwoter Teil (Deutschland 2023)

Regie: Til Schweiger

Drehbuch: Til Schweiger, Michael David Pate, Miguel Angelo Pate, Carsten Vauth, Peter Grandl, Murmel Clausen, Reto Slimbeni

mit Til Schweiger, Tina Ruland, Michael Kessler, Tim Oliver Schultz, Luna Schweiger, Tamer Trasoglu, Ronis Goliath, Nilam Farooq, Justus Johanssen, Emma Drogunova, Martin Armknecht, Moritz Bleibtreu, Wotan Wilke Möhring, Axel Stein, Lukas Podolski, JP Kraemer, Frank Buschmann

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

alternative Schreibweise: Manta Manta – Zwoter Teil

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Manta, Manta – Zwoter Teil“

Moviepilot über „Manta, Manta – Zwoter Teil“

Wikipedia über „Manta, Manta – Zwoter Teil“


Neu im Kino/Filmkritik: „Maigret“ und der Mord an der jungen Unbekannten

März 30, 2023

In den Fünfzigern wird in Paris in einer verregneten Nacht eine junge Frau erstochen. Niemand scheint sie zu kennen oder zu vermissen. Kurz vor ihrem Tod wurde sie auf der Hochzeitsfeier eines wohlhabenden Paares gesehen.

Kommissar Maigret taucht in den Fall ein, aber noch mehr taucht Regisseur Patrice Leconte in Maigret ein.

Dummerweise, wie bei allen klassischen Ermittlern, ist das der uninteressanteste Teil bei ihren Fällen. Sherlock Holmes, Hercule Poirot, Miss Marple, Mike Hammer, James Bond undsoweiter sind spärlich gezeichnete Figuren. Eine Familie haben sie meistens nicht. Über ihre Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Auch bei Maigret erschöpfen sich seine Vergangenheit und sein Privatleben darin, dass er verheiratet ist und seine Frau ihm das Essen kocht. Der Fall steht an erster Stelle und der Ermittler ist primär ein von dem Fall nicht betroffener Führer durch den Fall. Ihre Fälle können daher in jeder beliebigen Reihenfolge gelesen werden und sie altern nicht. Auch Maigret ist in den späteren Geschichten nicht wesentlich älter als in den ersten Geschichten. Sein Erfinder Georges Simenon veränderte nach Belieben Maigrets Biographie und ließ tote Figuren wieder auferstehen. Einfach weil er, wie er sagte, vergessen hatte, dass sie gestorben waren. Niemand hat das ernsthaft gestört.

Zwischen 1931 und 1972 schrieb Simenon 75 Romane und 28 Erzählungen mit dem Ermittler. Etliche Maigret Romane wurden für das Kino und das Fernsehen, in mehreren, teils langlebigen Serien, verfilmt. Pierre Renoir, Jean Gabin, Jean Richard, Bruno Cremer, Charles Laughton, Rupert Davies, Michael Gambon, Rowan Atkinson und Heinz Rühmann spielten Maigret. Und jetzt Gérard Depardieu, der ihm eine imposante Körperlichkeit verleiht. Es ist eine Körperlichkeit der Bewegungslosigkeit. Depardieus Maigret bewegt sich kaum und wenn, dann nur sehr langsam. Der passionierte Esser und Raucher ist schon von der kleinsten Bewegung erschöpft.

Der insgesamt dreimal für das Fernsehen verfilmte Roman „Maigret und die junge Tote“ zählt zu den besseren unter den vielen gelungenen Maigret-Romanen. Für die Fans gibt es eh nur Meisterwerke, die alle gelesen werden sollten. Daher ist die Antwort auf die Frage, mit welchem Maigret-Roman man seine Maigret-Lektüre beginnen soll: „Egal.“ In „Maigret und die junge Tote“ zeigt Simenon schön Maigrets Ermittlungsmethode. Er hört den Freunden und Bekannten der Toten zu. Er fühlt sich in deren Leben ein und findet so den Täter. Die Ermordete wird im Buch so lebendig, dass Ulrike Leonhardt in „Mord ist ihr Beruf – Die Geschichte des Kriminalromans“ (1990) schreibt, dass man sie nicht vergesse, auch wenn man den Mörder schon vergessen habe.

Eben das kann von der Verfilmung nicht gesagt werden. Hier hat man den Täter, das Opfer und das Motiv schnell vergessen. Nur ein alles erdrückender Maigret bleibt im Gedächtnis.

Maigret“ ist bleiern, monoton, monothematisch, fast farblos und fühlt sich länger als die knapp neunzig Minuten an, die der Kriminalfilm dauert. Es ist ein Kriminalfilm, der sich wenig für das Aufklären des durchaus durchschaubaren Verbrechens, als für das Zeigen eines Stillstands interessiert.

Maigret (Maigret, Frankreich/Belgien 2022)

Regie: Patrice Leconte

Drehbuch: Jérôme Tonnerre, Patrice Leconte

LV: Georges Simenon: Maigret et la jeune morte, 1954 (Maigret und die Unbekannte; Maigret und die junge Tote)

mit Gérard Depardieu, Jade Labeste, Mélanie Bernier, Aurore Clément, André Wilms, Hervé Pierre, Clara Antoons, Pierre Moure, Bertrand Poncet, Anne Loiret, Elizabeth Bourgine

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Maigret“

AlloCiné über „Maigret“

Rotten Tomatoes über „Maigret“

Wikipedia über „Maigret“ (englisch, französisch)


TV-Tipp für den 30. März: Kiss Kiss Bang Bang

März 29, 2023

Tele 5, 22.00

Kiss Kiss Bang Bang (Kiss Kiss Bang Bang, USA 2005)

Regie: Shane Black

Drehbuch: Shane Black

LV: Brett Halliday: Bodies are where you find them, 1941

Zuerst stolpert Einbrecher Harry Lockhart auf seiner Flucht vor der Polizei in einen Vorsprechtermin und erhält prompt eine Filmrolle. Als er über eine Hollywood-Party stolpert, trifft er seine Jugendliebe Harmony Faith Lane und, als er zwecks Rollenstudium, mit einem knallharten PI Gay Perry (schwul) durch die Straßen Hollywoods schlendert, stolpern sie alle in einen undurchsichtigen Komplott, der direkt aus einem Film der Schwarzen Serie stammen könnte.

Köstliche Liebeserklärung an die Pulps, die natürlich nur lose auf dem Mike-Shayne-Roman basiert, aber dafür ausführlich Chandler zitiert (Zwischentitel, Voice-Over,…).

“first significant neo-noir of the twenty-first century” (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)

mit Robert Downey Jr., Val Kilmer, Michelle Monaghan, Corbin Bernsen, Rockmond Dunbar

Wiederholung: Freitag, 31. März, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Kiss Kiss Bang Bang“

Wikipedia über „Kiss Kiss Bang Bang“ (deutsch, englisch)

Spike: Interview mit Shane Black (17. Oktober 2005)

Drehbuch „Kiss, Kiss, Bang, Bang“ von Shane Black (Fassung vom 21. November 2003)

Meine Besprechung von Shane Blacks „Iron Man 3“ (Iron Man 3, USA 2013)

Meine Besprechung von Shane Blacks „The Nice Guys“ (The Nice Guys, USA 2016) und der Blu-ray

Meine Besprechung von Shane Blacks „Predator – Upgrade“ (The Predator, USA 2018)

Wikipedia über Brett Halliday

Kirjasto über Brett Halliday

Mordlust über Brett Halliday

Thrilling Detective über Michael Shayne


„Schiebung“? Vic Warshawski ist ‚Rundum sorglos‘

März 29, 2023

Die am härtesten arbeitende Privatdetektivin ist zurück. Im Gegensatz zu Mike Hammer, der gerne nach einem Kneipenbesuch im nächtlichen New York in dunklen Gassen über seine Fälle stolpert, oder Spenser, der sich schlagend, blödelnd und philosophierend durch seine Fälle kämpft, hetzt Vic Warshawski durch Chicago von einem Kunden zum nächsten und sitzt um Büro, um Berichte und Rechnungen zu schreiben. Daneben hat sie noch Zeit, sich, wie Hammer und Spenser, um richtig spannende und gefährliche Fälle zu kümmern.

In „Schiebung“, dem neuesten auf Deutsch erschienenem Warshawski-Krimi, kümmert sie sich um zwei Fälle aus ihrem privaten Umfeld. So ist ihre Nichte Reno Seale spurlos verschwunden. Sie arbeitete bei der Kreditfirma „Rundum sorglos“, die legal arme Schuldner in den Ruin treibt. Kurz vor ihrem Verschwinden war Reno von ihren Chefs zu einer großen Firmenfeier nach St. Matthieu eingeladen worden. Dort geschah etwas, das sie nachhaltig verstörte.

In Vics zweitem Fall wird bei einer in der Nähe von Chicago in einem Wald gefundenen, unbekannten Leiche die Handy-Nummer von Felix Herschel gefunden. Er ist ein Verwandter von Vics Freundin Lotty Herschel. Der junge Kanadier studiert am Illinois Institute of Technology Ingenieurwissenschaft und ist seit kurzem Mitglied der aktivistischen Gruppe „Ingenieure für eine freie Welt“, die bereits Ärger mit der Einwanderungs- und Zollbehörde hatte. Als Felix von der Polizei zur Leiche geführt wird, erkennt er den Toten nicht.

Vic beginnt sich in beiden Fällen umzuhören und dabei möglichst viele Leute, unter anderem ihren Ex-Mann, einen gut verdienenden Anwalt mit entsprechend zweifelhaften Geschäftspartnern und Mandanten, zu nerven. Sie wird, wie es sich für einen guten literarischen Privatdetektiv gehört, mehrmals zusammen geschlagen, wehrt sich, muss sich mit der Polizei herumärgern und sie trifft den überaus netten Archäologen und Institutsleiter Peter Sansen. Er beschäftigte, wie Vic vor der Polizei herausfindet, in seinem Institut Leroy Fausson, den unbekannten Toten aus dem Wald. Er war Doktorand und vor Jahren bei Ausgrabungen in Syrien dabei.

Wer vor oder während der Lektüre einen Blick ins Glossar wirft, hat auch eine gute Ahnung von der Lösung. Es geht um den Raub von Artefakten (mehr), Blackwater (weniger), halb- und illegale Finanzgeschäfte und die aktuelle US-Politik gegenüber Immigranten, die den der dafür zuständigen Behörde ICE gnaden- und auch maßlos durchgesetzt wird.

Wie üblich verpackt Sara Paretsky diese aktuellen Themen gekonnt in eine spannende Geschichte.

Sara Paretsky: Schiebung

(übersetzt von Else Laudan)

Ariadne/Argument Verlag, 2022

512 Seiten

25 Euro

Originalausgabe

Shell Game

William Morrow/HarperCollins, 2018

Bonushinweis

Jetzt als Taschenbuch erhältlich: ein etwas älterer, ebenfalls lesenswerter Fall von Vic Warshawski:

Sara Paretsky: Kritische Masse

(übersetzt von Laudan & Szelinski)

Ariadne, 2023

544 Seiten

18 Euro

Gebundene Ausgabe

Ariadne/Argument Verlag, 2018

Originalausgabe

Critical Mass

G. P. Putnam’s Sons, 2013

Hinweise

Homepage von Sara Paretsky

Wikipedia über Sara Paretsky (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Vic Warshawski

Meine Besprechung von Sara Paretskys „Kritische Masse“ (Critical Mass, 2013)

Meine Besprechung von Sara Paretskys „Altlasten“ (Fallout, 2017)


TV-Tipp für den 29. März: Verhandlungssache

März 28, 2023

Kabel Eins, 20.15

Verhandlungssache (The Negotiator, USA 1999)

Regie: F. Gary Gray

Drehbuch: James DeMonaco, Kevin Fox

Lieutenant Danny Roman (Samuel L. Jackson) ist Verhandlungsspezialist der Polizei von Chicago. Jetzt wird er verdächtigt, seinen besten Freund ermordet zu haben. In einem Hochhaus wird er zum Geiselnehmer. Er fordert seinen Kollegen Chris Sabian (Kevin Spacey) als Verhandlungsführer an. Sabian soll seine Unschuld beweisen und dabei einige korrupte Polizisten überführen. Diese wollen das natürlich verhindern.

Spannender Polizeithriller und ein grandioses Schauspielerduell zwischen Samuel L. Jackson und Kevin Spacey.

Drehbuchautor James DeMonaco ist auch für das „The Purge“-Franchise veranwortlich.

mit Samuel L. Jackson, Kevin Spacey, David Morse, Ron Rifkin, John Spencer, J. T. Walsh, Paul Giamatti, Siobhan Fallon, Dean Norris, Tom Bower, Paul Guilfoyle, Robert David Hall

Wiederholung: Donnerstag, 30. März, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Verhandlungssache“

Wikipedia über „Verhandlungssache“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von F. Gary Grays „Straight Outta Compton“ (Straight Outta Compton, USA 2015)

Meine Besprechung von F. Gary Grays „Fast & Furious 8“ (The Fate of the Furious, USA 2017)


Cover der Woche

März 28, 2023


TV-Tipp für den 28. März: Pulp Fiction

März 27, 2023

Kabel 1, 22.25

Pulp Fiction (Pulp Fiction, USA 1994)

Regie: Quentin Tarantino

Drehbuch: Quentin Tarantino (nach einer Geschichte von Quentin Tarantino und Roger Avary)

Tausendmal gesehen, tausendmal hat’s Spaß gemacht.

„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)

Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.

Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.

Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.

Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Pulp Fiction”

Wikipedia über “Pulp Fiction” (deutsch, englisch)

Pulp Fiction (deutsche Fanseite zum Film)

Drehbuch “Pulp Fiction” von Quentin Tarantino und Roger Avary

The Quentin Tarantino Archives (Fanseite)

Everthing Tarantino (dito)

Q-Tarantino.de (noch eine Fanseite)

Meine Besprechung von Georg Seeßlens „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über ‘Inglourious Basterds’“ (Kleine Schriften zum Film: 1, 2009)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos “Django Unchained” (Django Unchained, USA 2012)

Kriminalakte über Quentin Tarantino und „Django Unchained“ (Bilder, Pressekonferenz, Comic)

Meine Bespechung von Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ (The Hateful Eight, USA 2015)

Meine Besprechung von Quentin Tarantinos „Once upon a Time in…Hollywood“ (Once upon a Time in…Hollywood, USA 2019)


TV-Tipp für den 27. März: Die Bestechlichen

März 26, 2023

Arte, 20.15

Die Bestechlichen (Les Ripoux, Frankreich 1984)

Regie: Claude Zidi

Drehbuch: Claude Zidi, Didier Kaminka (Dialoge), Simon Michaël (Adaptation)

Inspektor René Boirond (Philippe Noiret) kennt sich aus in einem Multikulti-Revier in Paris. Er ist die Verkörperung eines Korrumpels. Er nimmt gerne kleine Gefälligkeiten von den örtlichen Händlern an, ahndet nicht jeden Gesetzesverstoss und beklaut Verbrecher. Sein neuer Partner François Lesbuche (Thierry Lhermitte) ist das Gegenteil. Der gerade von der Polizeschule kommende Lesbuche ist anscheinend durch nicht zu korrumpieren. Boirond will das ändern.

Köstliche, ziemlich zynische Krimi-Komödie, die damals in Frankreich ein Kassenhit war und einen César als bester Film des Jahres erhielt.

mit Philippe Noiret, Thierry Lhermitte, Régine, Grace De Capitani, Claude Brosset, Albert Simono, Julien Guiomar, Henri Attal

Wiederholung: Montag, 3. April, 14.20 Uhr

Hinweise

Arte über den Film (bis zum 31. Juli 2023 in der Mediathek)

AlloCiné über „Die Bestechlichen“

Rotten Tomatoes über „Die Bestechlichen“

Wikipedia über „Die Bestechlichen“ (deutsch, englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über die Komödie „Sick of myself“

März 26, 2023

Auch wenn die ersten Bilder nicht so wirken, sind Signe (Kristine Kujath Thorp) und Thomas (Eirik Sæther) ein Paar aus der Hölle. Weil Signe Geburtstag hat, dinieren sie in einem noblen Restaurant. Er tut alles, um die Aufmerksamkeit des gesamten Lokals auf Signe zu lenken. Jeder soll von ihrem Geburtstag erfahren. Ihr ist das sichtlich peinlich. Bevor sie die Rechnung bezahlen, hauen sie ab. Mit der teuren Weinflasche unterm Arm. Dieser harmlose Spaß ist eine Atempause in der Liebesbeziehung der beiden Extrem-Narzissten, die konstant versuchen, sich zu überbieten und dem anderen die Schau zu stehlen. Und ihn gleichzeitig subtil zu demütigen. Er stiehlt die Stühle für eine Vernissage aus Möbelhäusern zusammen und stapelt sie zu Kunstwerken. Sie erzählt bei seiner Ausstellungseröffnung, nachdem sich die Aufmerksamkeit auf Thomas konzentriert, von ihren erfundenen, aber schrecklichen Krankheiten.

Als Signe im Netz in Russland hergestellte Tabletten entdeckt, die schwere Nebenwirkungen haben sollen, ist sie begeistert. Was kann es besseres geben, als mit den Nebenwirkungen, wie Hautausschlag, Haarausfall und möglicherweise Schlimmerem, die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen? Sie bestellt sie und wirft sich gleich nach dem Erhalt eine massive Überdosis ein. Kurz darauf hat sie einen beängstigenden Ausschlag, den sie auch medial verarbeitet. Natürlich ohne die Pillen zu erwähnen. Endlich steht sie, die wahrlich ‚der schlimmste Mensch der Welt‘ ist, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses.

Sick of myself“ ist eine schwarze Komödie und Gesellschaftssatire, die allerdings in der zweiten Hälfte zwischen Wahn und Wirklichkeit, Zeitsprüngen und alternativen Realitäten ihren Fokus verliert.

Sick of myself (Syk Pke, Norwegen 2022)

Regie: Kristoffer Borgli

Drehbuch: Kristoffer Borgli

mit Kristine Kujath Thorp, Eirik Sæther, Fanny Vaager, Fredrik Stenberg Ditlev-Simonsen, Sarah Francesca Brænne, Ingrid Vollan

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (Uhuh, aber „ Eine negative Vorbildwirkung lässt sich ausschließen.“)

Hinweise

Moviepilot über „Sick of myself“

Metacritic über „Sick of myself“

Rotten Tomatoes über „Sick of myself“

Wikipedia über „Sick of myself“


TV-Tipp für den 26. März: Der schmale Grat

März 25, 2023

Arte, 21.55

Der scmale Grat (The Thin Red Line, USA 1998)

Regie: Terrence Malick

Drehbuch: Terrence Malick

LV: James Jones: The Thin Red Line, 1962 (Insel der Verdammten)

Als der Film seine Premiere hatte, waren die Kritiker begeistert und er erhielt auf der Berlinale den Goldenen Bären. Nach zwanzig Jahren präsentierte Terrence Malick seinen dritten Spielfilm: ein meditatives Drama über den Kampf um die Pazifikinsel Guadalcanal, das souverän alle Erfordernisse des Kriegsfilms und Starkinos unterläuft und wahrscheinlich genau deswegen ein äußerst präzises Bild vom Krieg liefert.

Es war auch, obwohl ich verstehen kann, wenn Menschen „Der schmale Grat“ nicht mögen (nachdem wir den Film im Unikino gezeigt hatten, meinten einige, das sei der schlechteste Film, den sie jemals gesehen hatten), Malicks letzter wirklich guter Film.

Nachdem er in dreißig Jahren drei Klassiker drehte – „Badlands – Zerschossene Träume“ (Badlands, 1973), „In der Glut des Südens“ (Days of Heaven, 1978) und „Der schmale Grat“ (The Thin Red Line, 1998) -, ruinierte er in wenigen Jahren seinen legendären Ruf gründlich. „The New World“ (USA 2005) hatte noch etwas, aber mit „The Tree of Life“ (USA 2011) und „To the Wonder“ (USA 2012) verabschiedete er sich endgültig von jeder erzählerischen Fessel zugunsten eines freien Assoziieren für eine überzeugte Gemeinschaft. Die Folgewerke „Knight of Cups“ (2015) und „Song to Song“ (2017) waren nur für seine Fanboys erträglich. Erst mit seinem bislang letztem Film „Ein verborgenes Leben“ (A hidden life, 2019) kehrte er ansatzweise zum Erzählkino zurück.

mit Sean Penn, Adrien Brody, Jim Caviezel, Ben Chaplin, George Clooney, John Cusack, Woody Harrelson, Elias Koteas, Jared Leto, Nick Nolte, John Savage, John Travolta, Nick Stahl, Miranda Otto

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der schmale Grat“

Wikipedia über „Der schmale Grat“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „To the Wonder“ (To the Wonder, USA 2012)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „Knight of Cups“ (Knight of Cups, USA 2015)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „Song to Song“ (Song to Song, USA 2017)

Meine Besprechung von Terrence Malicks „Ein verborgenes Leben“ (A hidden life, Deutschland/USA 2019)

Meine Besprechung von Dominik Kamalzadeh/Michael Peklers „Terrence Malick“ (2013)

Terrence Malick in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 25. März: Green Zone

März 24, 2023

Tele 5, 22.25

Green Zone (Green Zone, USA 2010)

Regie: Paul Greengrass

Drehbuch: Brian Helgeland

LV: Rajiv Chandrasekaran: Imperial Life In The Emerald City, 2006

Bagdad, April 2003: Nach der Invasion suchen US-Offizier Roy Miller und sein Team die Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein, die ja damals der offizielle Kriegsgrund waren.

Gelungener Mix aus Polit-Thriller und Kriegsfilm von Paul Greengrass und Matt Damon, die auch für die „Bourne“-Filme verantwortlich sind.

mit Matt Damon, Jason Isaacs, Amy Ryan, Greg Kinnear, Brendan Gleeson

Wiederholung: Sonntag, 26. März, 02.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Green Zone“

Wikipedia über „Green Zone“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Greengrass’ “Captain Phillips” (Captain Phillips, USA 2013)

Meine Besprechung von Paul Greengrass‘ „Jason Bourne“ (Jason Bourne, USA 2016)


Lola, hier sind die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2023

März 24, 2023

Heute wurden die Nominierungen für den diesjährigen Deutschen Filmpreis vorgestellt und, im Gegensatz zu früheren Jahren, sind fast alle nominierten Filme bereits jetzt im Kino gestartet. Die Ausnahmen sind „Sisi & Ich“ und „The Ordinaries“, die beide am 30. März anlaufen, und „Das Lehrerzimmer“, der am 4. Mai anläuft. Das ist noch vor der vom ZDF übertragenen Prreisverleihung am Freitag, den 12. Mai.

Nominiert sind:

Bester Spielfilm

Holy Spider (Sol Bondy, Jacob Jarek)

Im Westen nichts Neues (Malte Grunert)

Das Lehrerzimmer (Ingo Fliess)

Rheingold (Fatih Akin, Nurhan Şekerci-Porst, Herman Weigel)

Sonne und Beton (Fabian Gasmia, David Wnendt)

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (Janine Jackowski, Jonas Dornbach, Maren Ade)

Bester Dokumentarfilm

Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen (Martina Haubrich, Claudia Wohlgenannt)

Kalle Kosmonaut (Tine Kugler, Günther Kurth)

Liebe, D-Mark und Tod – Aşk, Mark ve Ölüm (Claus Reichel, Mehmet Akif Büyükatalay, Florian Schewe, Stefan Kauertz)

Bester Kinderfilm

Mission Ulja Funk (Roshanak Behesht Nedjad)

Der Räuber Hotzenplotz (Jakob Claussen, Uli Putz)

Beste Regie

Holy Spider (Ali Abbasi)

Im Westen nichts Neues (Edward Berger)

Das Lehrerzimmer (Ilker Çatak)

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (Sonja Heiss)

Bestes Drehbuch

Das Lehrerzimmer (Johannes Duncker, Ilker Çatak)

Meinen Hass bekommt ihr nicht (Jan Braren, Marc Blöbaum, Kilian Riedhof)

Sonne und Beton (David Wnendt, Felix Lobrecht)

Beste weibliche Hauptrolle

Zar Amir Ebrahimi (Holy Spider)

Leonie Benesch (Das Lehrerzimmer)

Sandra Hüller (Sisi & Ich)

Beste männliche Hauptrolle

Mehdi Bajestani (Holy Spider)

Felix Kammerer (Im Westen nichts Neues)

Charly Hübner (Mittagsstunde)

Beste weibliche Nebenrolle

Ulrike Kriener (Einfach mal was Schönes)

Jördis Triebel (In einem Land, das es nicht mehr gibt)

Hildegard Schmahl (Mittagsstunde)

Beste männliche Nebenrolle

Albrecht Schuch (Im Westen nichts Neues)

Clemens Schick (Servus Papa, See you in Hell)

Karl Markovics (Was man von hier aus sehen kann)

Beste Kamera / Bildgestaltung

Im Westen nichts Neues (James Friend)

Das Lehrerzimmer (Judith Kaufmann)

Sisi & Ich (Thomas W. Kiennast)

Bester Schnitt

Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen (Mechthild Barth)

Im Westen nichts Neues (Sven Budelmann)

Das Lehrerzimmer (Gesa Jäger)

Sonne und Beton (Andreas Wodraschke)

Beste Tongestaltung

Im Westen nichts Neues (Frank Kruse, Markus Stemler, Viktor Prášil, Lars Ginzel, Alexander Buck)

Sisi & Ich (Marco Teufen, Paul Rischer, Gregor Bonse)

Sonne und Beton (Paul Rischer, Jan Petzold)

Beste Filmmusik

Im Westen nichts Neues (Volker Bertelmann)

Das Lehrerzimmer (Marvin Miller)

Tausend Zeilen (Ralf Wengenmayr)

Wir sind dann wohl die Angehörigen (The Notwist)

Bestes Szenenbild

Im Westen nichts Neues (Christian M. Goldbeck)

The Ordinaries (Josefine Lindner, Max-Josef Schönborn)

Der vermessene Mensch (Sebastian Soukup)

Bestes Kostümbild

Im Westen nichts Neues (Lisy Christl)

In einem Land, das es nicht mehr gibt (Regina Tiedeken)

Sisi & Ich (Tanja Hausner)

Bestes Maskenbild

Im Westen nichts Neues (Heike Merker)

In einem Land, das es nicht mehr gibt (Annett Schulze, Dorit Jur, Ines Ransch)

Seneca (Julia Böhm, Friederike Schäfer)

Beste visuelle Effekte

Im Westen nichts Neues (Frank Petzold, Viktor Müller, Markus Frank)

Die Schule der magischen Tiere 2 (Dennis Rettkowski, Tomer Eshed, Markus Frank)

The Ordinaries (Johannes Blech)

Besucherstärkster Film

Die Schule der magischen Tiere 2

Ehrenpreis

Volker Schlöndorff


Neu im Kino/Filmkritik: Über Lars Kraumes „Der vermessene Mensch“

März 24, 2023

Die deutsche Kolonialgeschichte ist kurz, aber nicht weniger ausbeuterisch, blutig und menschenverachtend als die anderer Kolonialmächte. Und sie ist, abgesehen von aktuellen, primär in Fachkreisen geführten Restitutionsdebatten, ziemlich vergessen. Literarisch und filmisch erschöpft sich die Beschäftigung mit der deutschen Kolonialgeschichte in Uwe Timms Roman „Morenga“ (1978), Egon Günthers gleichnamiger TV-Verfilmung von 1985, Gerhard Seyfrieds Roman „Herero“ (2003) und jetzt Lars Kraumes „Der vermessene Mensch“.

Kraume erzählt, nach seinem Drehbuch, die Geschichte von Alexander Hoffmann (Leonard Scheicher). Als junger Ethnologe begegnet er während der Deutschen Kolonialausstellung in Berlin 1896 erstmals aus der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (dem heutigen Namibia) kommenden Herero und Nama. Im Rahmen der damals allgemein akzeptierten Rassenlehre, nach der es verschiedene Rassen gibt, die verschieden intelligent sind, beginnen er und seine Kollegen die Köpfe der Schwarzen zu vermessen. Sie wollen so wissenschaftlich beweisen, dass die in Häusern lebenden Weißen größere Köpfe haben und intelligenter als die im Busch lebenden Schwarzen sind.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen und seinem Chef, Professor von Waldstätten (Peter Simonischek), zweifelt Hoffmann an der Rassenlehre. Außerdem ist der Junggeselle beeindruckt von Kezia Kambazembi (Girley Charlene Jazama), der eloquenten Dolmetscherin der Besuchergruppe. Sie gefällt ihm viel besser als die Frauen, die ihm seine Mutter als künftige Ehefrauen vorstellt. Und Kambazembi scheint seine Gefühle zu erwidern.

Nach dem Ende der Berliner Kolonialausstellung fährt Kambazembi mit ihrer Reisegruppe zurück in die Kolonie.

Acht Jahre später kommt es in Deutsch-Südwestafrika zu Aufständen der Einheimischen gegenüber den Deutschen. Für Hoffmann ist das die Gelegenheit, als Forscher nach Deutsch-Südwestafrika zu fahren, Schädel und Artefakte für die Forschung zu sammeln und wieder Kambazembi zu treffen. Schnell wird er Zeuge eines gnadenlos und menschenverachtend geführten Vernichtungskrieges der Deutschen gegenüber den Hereros und Namas, die teils massakriert, teils zum Sterben in die Wüste getrieben werden. Diesen Beginn eines Völkermords inszeniert Kraume immer FSK-12-kompatibel und für den Einsatz in der Schule und Bildungsarbeit geeignet.

Hoffmann stolpert durch das Kriegsgeschehen. Er will Kambazembi finden und vor dem Tod retten. Falls er sie überhaupt findet.

Wer jetzt befürchtet, dass „Der vermessene Mensch“ zu einer dieser klebrig-verlogenen White-Savior-Geschichten wird, kann sich beruhigt zurücklehnen. Lars Kraume unterläuft diese Erwartung immer mehr, je länger der Film dauert. Hoffmann ist in Afrika kein Retter, sondern ein ungläubig das Morden beobachtende Wissenschaftler, der an seiner Arbeit zweifelt und Gutes tun möchte. Aber letztendlich ist er nur ein passiver Beobachter, der sich fragt, ob er in der Kolonie seine aussichtsreiche wissenschaftliche Karriere opfern soll.

Kraume erzählt das, ohne seine Figuren zu verurteilen, nah an den historischen Fakten und den damaligen, heute hoffnungslos veralteten und abgelehnten Ansichten entlang. Er fällt kein Urteil über sie. Das überlässt er dem Zuschauer.

Nach „Der Staat gegen Fritz Bauer“ und „Das schweigende Klassenzimmer“, zwei Spielfilme, die sich ebenfalls gelungen mit der deutschen Vergangenheit beschäftigten, hat Lars Kraume einen weiteren sehenswerten Film über einen Teil der deutschen Vergangenheit inszeniert. In dem hübsch doppeldeutig betiteltem Drama „Der vermessene Mensch“, das die Geschichte aus der Sicht der Täter schildert, bringt er ein vergessenes, unrühmliches Kapitel der deutschen Geschichte zurück ins breite gesellschaftliche Bewusstsein. Ob und zu welchen Diskussionen er führt, werden die nächsten Wochen zeigen.

Der vermessene Mensch (Deutschland 2023)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume

mit Leonard Scheicher, Girley Charlene Jazama, Peter Simonischek, Corinna Kirchhoff, Anton Paulus, Leo Meier, Sven Schelker, Max Koch, Ludger Bökelmann, Alexander Radszun, Michael Schenk, Tilo Werner

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der vermessene Mensch“

Moviepilot über „Der vermessene Mensch“

Rotten Tomatoes über „Der vermessene Mensch“ (aktuell noch keine Kritik)

Wikipedia über „Der vermessene Mensch“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Der vermessene Mensch“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015), mein Interview mit Lars Kraume zum Film und die DVD-Besprechung

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Familienfest“ (Deutschland 2015)

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Das schweigende Klassenzimmer“ (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 24. März: Keanu Reeves, der Rätselhafte

März 23, 2023

Arte, 22.10

Keanu Reeves, der Rätselhafte (Frankreich 2022)

Regie: Julien Dupuy

Drehbuch: Julien Dupuy

Brandneue, knapp einstündige Doku über den Mann, der John Wick ist.

Hinweise

Arte über die Doku (bis zum 21. Juni 2023 in der Mediathek)

Wikipedia über Keanu Reeves (deutsch, englisch)