Neu im Kino/Filmkritik: Über Hirokazu Kore-edas „Broker – Familie gesucht“

März 17, 2023

In Südkorea nehmen Sang-hyun und Dong-soo in einer Kirche die Babys aus einer Babyklappe, legen sie in ein Bett und registrieren sie. Anschließend kommen sie in ein Waisenhaus. Einige der von ihren Müttern in der Babyklappe abgegebenen Babys pflegen sie nicht ein. Sie nehmen sie mit und verkaufen sie an Wohlhabende, die zu ihrem Glück noch ein Baby brauchen, aber aus verschiedenen Gründen keine Kinder adoptieren dürfen. Es ist ein illegales Geschäftsmodell, das allerdings niemand wirklich schädigt und von den Tätern rührig unbeholfen ausgeführt wird. Es gerät in Gefahr, als So-young, die in einer regnerischen Nacht ihr Baby in die Babyklappe legte, wider alle Erwartungen zurückkehrt und ihr Baby wieder haben will. Sang-hyun, der Kopf des Unternehmens und Betreiber einer kleinen Wäscherei, erklärt ihr, dass sie die besten Eltern für Woo-sung finden wollen. Nach kurzem Zögern will sie Sang-hyun und Dong-soo in ihrem klapprigen Mini-Van begleiten und ein Wort bei der Adoption mitreden. Die beiden Kindervermittler, die sich mit diesen Geschäften und anderen Arbeiten ein bescheidenes Einkommen erzielen, sind einverstanden. Sie haben auch keine andere Wahl.

Gemeinsam fahren sie los und je länger Hirokazu Kore-eda in seinem neuen Film „Broker – Familie gesucht“ sie bei ihren Versuchen, eine Familie für Dong-soo zu finden, verfolgt, umso mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass Sang-hyun und Dong-soo die untauglichsten Männer für den Job sind, weil sie die besten Ersatzväter sind, die es gibt.

Auf ihrer Odyssee durch das Land werden sie unerbittlich von Su-jin und ihrer jüngeren Kollegin Lee verfolgt. Sun-jin ist eine ständig schlecht gelaunte, ihren Arbeitsplatz Auto mit Essen zumüllende Polizistin, die aus dem Klischeebuch des Hardboiled-Detektivs stammen könnte. Sie treibt die Ermittlungen voran, weil sie San-hyun und Dong-soo für wichtige Mitglieder einer großen Menschenhändlerbande hält.

Broker – Familie gesucht“ ist kein Hardboiled-Krimi und kein anklagendes Sozialdrama, sondern eine sehr warmherzige Komödie, die von einem sanftem Humor und einer großen Liebe zu den Figuren geprägt ist. Wie sich Sang-hyun, Dong-soo und So-young während des Films näher kommen erzählt Hirokazu Kore-eda gewohnt zurückhaltend und mit einem genauen Blick auf kleine Nuancen. Sein neuester Film ist ein Wohlfühlfilm, der nichts mit den Filmen zu tun hat, die normalerweiser als Wohlfühlfilme gelabelt werden und die vor allem verlogener Kitsch sind.

Wer frühere Filme von Hirokazu Kore-eda, wie „Like Father, like Son“ (Japan 2013), „Unsere kleine Schwester“ (Japan 2015) und „Shoplifters – Familienbande“ (Manbiki Kazoku, Japan 2018) kennt, wird in seinem neuen Film viele vertraute Themen und Motive erkennen. Wieder geht es um Familien, echte und falsche, und die Frage, was eine Familie ausmacht. Es geht um Glück an Orten, an denen man es nicht erwartet.

Dieses Mal erzählt er davon in der Form eines entspannt-humorvollen Roadmovie-Märchen mit einer kleinen Noir-Krimibeigabe. Denn jedes gute Märchen hat eine böse Hexe.

Ich wollte auf keinen Fall, dass mein Film den Kindern am Ende suggeriert, es sei schlecht, geboren zu werden. Oder, dass ihre Mutter die Geburt bereut hätte. Ich wollte, dass der Film ganz klar sagt: ‚Es ist gut, geboren zu werden‘. In dieser Hinsicht ist ‚Broker‘ ein Film über das Leben.“

Hirokazu Kore-eda über seinen Film

Broker – Familie gesucht (Beurokeo, Südkorea 2022)

Regie: Hirokazu Kore-eda (alternative Schreibweise Hirokazu Koreeda)

Drehbuch: Hirokazu Kore-eda

mit Song Kang-ho, Gang Dong-won, Bae Doona, Lee Ji-eun, Lee Joo-young, Im Seung-soo, Park Ji-yong

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Broker – Familie gesucht“

Metacritic über „Broker – Familie gesucht“

Rotten Tomatoes über „Broker – Familie gesucht“

Wikipedia über „Broker – Familie gesucht“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Like Father, like Son“ (Soshite chichi ni naru, Japan 2013)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Unsere kleine Schwester“ (Umimachi Diary, Japan 2015)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „Shoplifters – Familienbande“ (Manbiki Kazoku, Japan 2018)

Meine Besprechung von Hirokazu Kore-edas „La Vérité – Leben und lügen lassen“ (La Vérité, Frankreich 2019)


TV-Tipp für den 17. März: Jack

März 16, 2023

Bevor er für „Im Westen nichts Neues“ einige Oscars erhielt, inszenierte Edward Berger

Arte, 20.15

Jack (Deutschland 2014)

Regie: Edward Berger

Drehbuch: Edward Berger, Nele Mueller-Stöfen

Als der zehnjährige Jack nicht von seiner Mutter aus dem Heim abgeholt wird, haut er ab. In Berlin wartet allerdings niemand auf ihn. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder beginnt Jack seine, mal wieder, spurlos verschwundene Mutter zu suchen.

Mitreisendes, mehrfach ausgezeichnetes Sozial- und Jugenddrama, das immer auf Jacks Augenhöhe bleibt, während er durch die große Stadt läuft.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ivo Pietzcker, Georg Arms, Luise Heyer, Nele Mueller-Stöfen, Vincent Redetzki, Jacob Matschenz

Hinweise

Moviepilot über „Jack“

Wikipedia über „Jack“

Berlinale über „Jack“

Meine Besprechung von Edward Bergers „Jack“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Edward Bergers „All my loving“ (Deutschland 2019)

Meine Besprechung von Edward Bergers Erich-Maria-Remarque-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“ (Deutschland 2022) (das Making-of)


Die Nominierungen für den ITW Thriller Award 2023

März 16, 2023

Die International Thriller Writers (ITW) haben vor wenigen Minuten die Finalisten für ihren diesjährigen Thriller Awards veröffentlicht:

BEST HARDCOVER NOVEL

Delilah S. Dawson – THE VIOLENCE (Del Rey)

Jennifer Hillier – THINGS WE DO IN THE DARK (Minotaur)

Alma Katsu – THE FERVOR (Penguin/Putnam)

Jennifer McMahon – THE CHILDREN ON THE HILL (Simon & Schuster)

Chris Pavone – TWO NIGHTS IN LISBON (MCD)

Catriona Ward – SUNDIAL (Macmillan)

BEST AUDIOBOOK

Kimberly Belle, Fargo Layne, Cate Holahan, Vanessa Lillie – YOUNG RICH WIDOWS (Audible) – Narrated by Dina Pearlman, Karissa Vacker, Helen Laser, Ariel Blake

Julie Clark – THE LIES I TELL (Audible) – Narrated by Anna Caputo, Amanda Dolan

J. L. Delozier – THE PHOTO THIEF (CamCat Publishing) – Narrated by Rachel L. Jacobs, Jeffrey Kafer

Jennifer Hillier – THINGS WE DO IN THE DARK (Macmillan Audio) – Narrated by Carla Vega

Minka Kent – THE SILENT WOMAN (Blackstone Publishing) – Narrated by Christine Lakin, Kate Rudd

BEST FIRST NOVEL

Lauren Nossett – THE RESEMBLANCE (Flatiron Books)

Sascha Rothchild – BLOOD SUGAR (Penguin/Putnam)

Hayley Scrivenor – DIRT TOWN (Pan Macmillan)

Stacy Willingham – A FLICKER IN THE DARK (Minotaur)

Erin Young – THE FIELDS (Flatiron Books)

BEST PAPERBACK ORIGINAL NOVEL

Mary Burton – THE LIES I TOLD (Montlake Romance)

Mark Edwards – NO PLACE TO RUN (Thomas & Mercer)

Minka Kent – UNMISSING (Thomas & Mercer)

Freida McFadden – THE HOUSEMAID (Grand Central Publishing)

Wanda Morris – ANYWHERE YOU RUN (William Morrow)

Holly Wainwright – THE COUPLE UPSTAIRS (Pan Macmillan)

Loreth Anne White – THE PATIENT’S SECRET (Montlake Romance)

BEST SHORT STORY

Dominique Bibeau – RUSSIAN FOR BEGINNERS (Ellery Queen Mystery Magazine)

Barb Goffman – THE GIFT (Down & Out Books)

Smita Harish Jain – PUBLISH OR PERISH (Ellery Queen Mystery Magazine)

Joyce Carol Oates – 33 CLUES INTO THE DISAPPEARANCE OF MY SISTER (Ellery Queen Mystery Magazine)

Anna Scotti – SCHRÖDINGER, CAT (Ellery Queen Mystery Magazine)

Catherine Steadman – STOCKHOLM (Amazon Original Stories)

BEST YOUNG ADULT NOVEL

Melissa Albert – OUR CROOKED HEARTS (Flatiron Books)

Gillian French – SUGARING OFF (Algonquin Young Readers)

Kate McLaughlin – DAUGHTER (Wednesday Books)

Francesca Padilla – WHAT’S COMING TO ME (Soho Teen)

Courtney Summers – I’M THE GIRL (Wednesday Books)

BEST E-BOOK ORIGINAL NOVEL

Bill Byrnes – EVASIVE SPECIES (Self-published)

Diane Jeffrey – THE COUPLE AT CAUSEWAY COTTAGE (HarperCollins)

Grant McKenzie – THE SEVEN TRUTHS OF HANNAH BAXTER (Self-published)

Rick Mofina – THE HOLLOW PLACE (Self-published)

Carrie Rubin – FATAL ROUNDS (Self-published)

Die Preisverleihung ist während des ThrillerFest XVIII am Samstag, den 3. Juni, im Sheraton New York Times Square Hotel, New York City.


Neu im Kino/Filmkritik: Der Big-Budget-Superheldenfilm der Woche: „Shazam! Fury of the Gods“

März 16, 2023

Unter all den Superhelden, die im Kino gegen Bösewichter kämpfen, ist Billy Batson (Asher Angel/Zachary Levi) der kleine Junge von nebenan. Am liebsten hängt er mit seinen Freunden, die auch seine Familie sind, in ihrer Höhle ab und übt Manöverkritik an ihrer letzten Aktion. Billy ist kein König eines afrikanischen Staates, kein Millionär, kein Chef eines riesigen Unternehmens, kein Erfinder, kein von einem frenden Planeten kommender und auch kein in eine Schulkameradin verliebter Spinnenmann. Der Kindskopf ist ein Junge, der in einer Pflegefamilie lebt. Wie seine fünf Geschwister, die ebenfalls von Rosa und Victor Vasquez adoptiert wurden. Es ist eine wirkliche Multikulti-Familie. Sie leben in einem kleinen Reihenhaus, das viel zu klein für sie ist. Sie verstehen sich glänzend und helfen sich gegenseitig. Vielleicht deshalb hat Billy am Ende von „Shazam!“ (2019) seine Superkräfte mit ihnen geteilt. Jetzt werden alle seine Brüder und Schwester, wenn sie „Shazam!“ rufen, zu deutlich älter aussehenden Superhelden. Doch letztendlich sind sie immer noch Kinder.

Diese Kinder bekommen in David F. Sandbergs zweitem „Shazam!“-Film Ärger mit Hespera (Helen Mirren), Kalypso (Lucy Liu) und Anthea (Rachel Zegler). Die drei Grazien sind Töchter des Atlas, ziemlich verärgert und gerade dabei, möglichst viele Menschen zu töten. Nur Billy kann in seinem Superhelden-Ich das verhindern. Das sagt ihm jedenfalls der Zauberer (Djimon Hounsou), der ihm die Superhelden-Fähigkeiten verlieh. Außerdem ist Shazam durch eine frühere Tat für die Rückkehr der drei Göttinnen verantwortlich.

Shazam! Fury of the Gods“ ist letztendlich ein grundsympathischer Kinderfilm, der sich eher an Zehnjährige und weniger an Menschen über 12 Jahre richtet. So sind Billy und seine Freunde Kinder, die eine neuere Version der „Fünf Freunde“, der „drei ???“ und anderer Gruppen junger Menschen, die in Büchern und Filmen jeden Sommer spannende Abenteuer erleben, sind. Anscheinend werden sie niemals älter. Sie haben keine Pubertätsprobleme, weil sie, wenn auch nicht unbedingt körperlich, im seeligen vorpubertären Alter sind. Sex und die Probleme des Erwachsenwerdens sind ihnen egal. Viel leber erleben sie spannende Abenteuer.

Ihre Gegnerinnen, die griechischen Göttinen Hespera, Kalypso und Anthea, sind zunächst einmal Böse, ohne jemals wirklich bedrohlich zu sein. Später fragen sie sich sogar, ob sie das richtige tun. Im Gegensatz zu anderen Superheldengeschichten, in denen die griechische Mythologie verdeckt thematisiert wird, wird sie in „Shazam! Fury of the Gods“ direkt in die Geschichte eingeflochten – und verschafft dem Publikum eine kleine Portion abendländischer Bildung. Bis neben den Göttinnen Dinosaurier und Einhörner auftauchen und sich munter durch Philadelphia kloppen, dabei die halbe Stadt zerstören und niemand umbringen oder ernsthaft verletzten.

Die Tricks sind teilweise atemberaubend schlecht. Aber im Gegensatz zu „Ant-Man and the Wasp: Quantumania“ (2023), in dem öfters der durchaus zutreffende Eindruck entstand, dass die Schauspieler ihre Parts allein in leeren Hallen aufgenommen haben, sind hier die Schauspieler öfters gemeinsam im Bild und sie interagieren miteinander. Wenn sie dann auf Dinosaurier durch die Luft reiten oder sich in der Großstadt verkloppen, sehen die CGI-Effekte wie uralte praktische Tricks irgendwo zwischen B-Picture, „Flash Gordon“ und Godzilla aus.

Das Finale ist dann eine episch lange, ermüdende CGI-Materialschlacht. Sie beginnt am helllichten Tag und endet, Stunden später, in der Nacht.

Wer danach noch nicht genug hat, für den gibt es im und nach dem Abspann jeweils eine Szene, die wahrscheinlich den nächsten Film antriggert.

Eigentlich ist in „Shazam! Fury of the Gods“ alles so wie in unzähligen anderen Superheldenfilmen. Nur dass es hier mehr in Richtung der kindisch-naiven Anfänge geht und alles wie ein Kindergeburtstag wirkt, in dem Kinder munter ihr Spielzeug durch das Zimmer werfen, herumtoben, ihre eigenen Regeln entwerfen, verwerfen und ihren Spaß haben. Wie auch Shazam, der im Film zwar fast achtzehn Jahre alt sein soll, sich aber liebend gern wie ein Elfjähriger benimmt.

Shazam! Fury of the Gods (Shazam! Fury of the Gods, USA 2023)

Regie: David F. Sandberg

Drehbuch: Henry Gayden, Chris Morgan (basierend auf der von Bill Parker und C. C. Beck erfundenen DC-Figur)

mit Zachary Levi, Asher Angel, Jack Dylan Grazer, Adam Brody, Ross Butler, Meagan Good, D. J. Cotrona, Grace Caroline Currey, Faithe Herman, Ian Chen, Jovan Armand, Marta Milans, Cooper Andrews, Djimon Hounsou, Rachel Zegler, Lucy Liu, Helen Mirren

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Shazam! Fury of the Gods“

Metacritic über „Shazam! Fury of the Gods“

Rotten Tomatoes über „Shazam! Fury of the Gods“

Wikipedia über „Shazam! Fury of the Gods“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David F. Sandbergs „Lights out“ (Lights out,USA 2016)

Meine Besprechung von David F. Sandbergs „Annabelle 2″ (Annabelle: Creation, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Luftkrieg – Die Naturgeschichte der Zerstörung“, erzählt von Sergei Loznitsa

März 16, 2023

War die Bombardierung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg eine zwar brutale, aber letztendlich gerechtfertigte Kriegstaktik um den Nationalsozialismus zu besiegen oder ein Kriegsverbrechen? In seinem neuen Film „Luftkrieg – Die Naturgeschichte der Zerstörung“ zeigt Sergei Loznitsa, mit teilweise unbekanntem Dokumentarfilmmaterial, vor allem die Zerstörung deutscher Städte und die Folgen dieser Bombardierungen für die in den bombardierten Städten lebenden Deutschen. Das präsentiert er in einer brillant montierten Abfolge unkommentierter Bilder. Er verzichtet auf einen Off-Kommentar, Erklärungen oder Interviews mit Zeitzeugen. Es gibt nur Bilder, die zum Zeitpunkt des Geschehens entstanden. Die Interpretation überlässt er, wie auch in seinen anderen Filmen, dem Zuschauer. Und seinem Vorwissen und seinen Ansichten über die gezeigten Ereignisse. Dieses Vorgehen wirkt auf den ersten Blick wie das objektive Präsentieren von Fakten.

Das ist natürlich Quatsch. Denn durch die Auswahl und die Art der Präsentation ergibt sich eine bestimmte Lesart der Bilder und der gezeigten Ereignisse. In „Luftkrieg“ sind die Bilder so montiert, dass sie eine Geschichte ergeben, die einer typischen Hollywood-Dramaturgie von Gut und Böse folgt.

Loznitsa beginnt seinen Montagefilm mit friedlichen Bildern. Es sind, ohne dass er die Bilder im Film zeitlich präzise einordnet, sommerliche Bilder aus den dreißiger Jahren. Die Deutschen vergnügen sich auf den Sonnenterrassen. Sie tanzen. Sie lachen. Sie trinken Bier. Sie flirten. Uniformen und Nazi-Embleme sind nicht zu sehen. Sie tragen Sommerkleidung und leichte Anzüge.

Der Krieg ist weit weg.

In der Nacht fallen dann, aus heiterem Himmel und ohne irgendeine Vorwarnung, Bomben. Aus dem Hinterhalt ermorden sie diese eben gezeigten friedlichen und friedliebenden Menschen. Loznitsa zeigt Szenen mit schreienden Frauen und Kindern. Er zeigt die Zerstörungen, die die Bomben anrichten. Er zeigt Leichen.

Während die Deutschen den Schutt wegräumen, bestücken die Briten ihre Flugzeuge wieder mit Bomben, die wenige Stunden später über Deutschland abgeworfen werden.

Dazwischen schneidet er eine Ansprache von Winston Churchill, der die Bombardierungen verteidigt, und eine von Joseph Goebbels, der eben diesen Bombenterror auf das Schärfste verurteilt.

Und im Kinosessel kann man in dem Moment Goebbels nur beipflichten.

Schon davor sind die Rollen klar verteilt: die Deutschen sind die Opfer, die Briten die Täter. Sie sind Bösewichter, die nicht davor zurückschrecken, Frauen und Kinder zu ermorden. Gibt es etwas niederträchtigeres?

Diese Täter-Opfer-Umkehr gelingt, weil Loznitsa seine Bilder so anordnet, wie sie zu seiner Dramaturgie passen. Er lässt weg. Er verzichtet auf Kontext und historische Einordnungen. Er reflektiert nicht über die Herkunft der Bilder, die Propagandabilder sind. Er übernimmt, bewusst oder unbewusst, das Narrativ der Nazis.

Das macht „Luftkrieg – Die Naturgeschichte der Zerstörung“ zum feuchten Traum von Rechten, Nazis und Faschisten. Sie haben hier einen technisch perfekt gemachten Film bekommen, der ihre die Geschichte verfälschende Erzählung wiederholt und sie mit den Weihen eines weltweit anerkannten Regisseurs adelt.

Das ist im Ergebnis einfach nur ärgerlich. Und die vorhersehbare Bankrotterklärung einer Methode, die auf Erklärungen und damit das Vermitteln von Hintergründen zu den gezeigten Bildern verzichtet.

Denn über den Luftkrieg gegen Nazi-Deutschland kann man nicht reden, ohne über das was vorher geschah, zu reden. Das sind der Holocaust, ein von Deutschland begonnener Weltkrieg und, bevor die Briten zurückschlugen, die Bombardierung von London. In „Luftkrieg“ wird all das nicht erwähnt. Der Film beginnt später und zeigt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Krieg. Er zeigt nur, wie unschuldige, nette, friedliche Deutsche aus heiterem Himmel bombardiert werden. Deutsche, die noch nach dem Krieg das ‚Dritte Reich‘ befürworteten.

Luftkrieg – Die Naturgeschichte der Zerstörung (Deutschland/Niederlande/Litauen 2022)

Regie: Sergei Loznitsa

Drehbuch: Sergei Loznitsa

LV (Inspiration): W. G. Sebald: Luftkrieg und Literatur, 1999

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Luftkrieg“

Moviepilot über „Luftkrieg“

Rotten Tomatoes über „Luftkrieg“

Wikipedia über Sergei Loznitsa (deutsch, englisch) und den Luftkrieg im Zweiten Weltkrieg

Meine Besprechung von Sergei Loznitsas „Maidan“ (Майдан, Ukraine/Niederlande 2014)


TV-Tipp für den 16. März: Suburbicon – Willkommen in der Nachbarschaft

März 15, 2023

Servus TV, 22.10

Suburbicon (Suburbicon, USA 2017)

Regie: George Clooney

Drehbuch: George Clooney, Grant Heslov, Joel Coen, Ethan Coen

Ein Blick hinter die Kulissen des anständigen und harmonischen Vorstadtlebens in den USA in den Fünfzigern. Weil das Drehbuch von den Coen-Brüdern ist, ist das ziemlich vergnüglich und, nun, überhaupt nicht anständig, weil in den Kellern doch einige Leichen herumliegen.

George Clooney machte daraus eine an ihren Ambitionen leidende Noir-Komödie mit satirischen Untertönen. Das ist nie so gut, wie es hätte sein können, aber immer noch gut genug für einen unterhaltsamen Abend.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Matt Damon, Julianne Moore, Oscar Isaac, Noah Jupe, Glenn Fleshler, Alex Hassell, Gary Basaraba, Karimah Westbrook, Tony Espinosa, Leith Brooks, Jack Conley, Tony Espinosa

Wiederholung: Freitag, 17. März, 02.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Suburbicon“

Metacritic über „Suburbicon“

Rotten Tomatoes über „Suburbicon“

Wikipedia über „Suburbicon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Clooneys “Monuments Men – Ungewöhnliche Helden” (Monuments Men, USA/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von George Clooneys „Suburbicon“ (Suburbicon, USA 2017)


TV-Tipp für den 15. März: Serenitiy – Flucht in neue Welten

März 14, 2023

Nitro, 20.15

Serenity – Flucht in neue Welten (Serenity, USA 2005)

Regie: Joss Whedon

Drehbuch: Joss Whedon

Wem die „Guardians of the Galaxy“ zu pompös sind und wer von dem ganzen Familiengedöns beim „Krieg der Sterne genervt ist, sollte unbedingt die „Serenity“ besuchen. Das ist ein eher schrottreifer Weltraumfrachter mit einer bunten Besatzung. Angeführt werden sie, mehr oder weniger, von Captain Malcolm ‚Mal‘ Reynolds (Nathan Fillion im Han-Solo-Modus). Gemeinsam und ihren Dauer-Passagieren, die in „Serenity- Flucht in neue Welten“ für viel Ärger sorgen, erleben sie teils haarsträubende Abenteuer.

Die kurzlebige TV-Serie „Firefly – Der Aufbruch der Serenity“ hat heute Kultstatus. Der humorvolle Weltraum-Western „Serenity – Flucht in neue Welten“, der heute gezeigt wird, ist ein sympathischer Kino-Nachklapp mit der aus der TV-Serie bekannten Crew.

mit Nathan Fillion, Gina Torres, Alan Tudyk, Morena Baccarin, Adam Baldwin, Jewel Staite, Sean Maher, Summer Glau, Ron Glass, Chiwetel Ejiofor, David Krumholtz

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Serenity – Flucht in neue Welten“

Wikipedia über „Serenity – Flucht in neue Welten“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Joss Whedons „Viel Lärm um nichts“ (Much ado about nothing, USA 2012)

Meine Besprechung von Joss Whedons „Avengers: Age of Ultron“ (The Avengers: Age of Ultron, USA 2015)

Meine Besprechung von James Lovegroves „Firefly: Großer, verdammter Held“ (Firefly: Big Damn Hero, 2018)

Meine Besprechung von James Lovegroves „Firefly: Die glorreichen Neun“ (Firefly: The magnificent Nine, 2019)


Cover der Woche

März 14, 2023


TV-Tipp für den 14. März: Juno

März 13, 2023

Disney Channel, 20.15

Juno (Juno, USA 2007)

Regie: Jason Reitman

Drehbuch: Diablo Cody

Die sechzehnjährige Juno (Ellen Page) ist schwanger. Aber anstatt das mit einem Schulkameraden gezeugte Kind abzutreiben, möchte sie es zur Adoption freigeben. Sie hat auch schon die richtigen Eltern gefunden.

Die herrlich unsentimentale, schnoddrige und immer wieder altkluge Komödie war ein Überraschungserfolg. Diablo Cody erhielt für ihr Buch den Drehbuchoscar.

„Juno“ ist die erste Zusammenarbeit von Jason Reitman und Diablo Cody. „Young Adult“ (mit Charlize Theron) und „Tully“ (ebenfalls mit Theron) folgten. In den Filmen reflektiert Cody auch ihr Leben.

Mit Ellen Page, Michael Cera, Jennifer Garner, Jason Bateman, J. K. Simmons

Wiederholung: Samstag, 18. März, 22.00 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Juno“

Metacritic über „Juno“

Rotten Tomatoes über „Juno“

Wikipedia über „Juno“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Wer ist Diablo Cody? (mit Links zum Drehbuch und Interviews)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Young Adult“ (Young Adult, USA 2011)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Labor Day“ (Labor Day, USA 2013)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „#Zeitgeist – Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung“ (Men, Women, and Children, USA 2014)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Tully“ (Tully, USA 2018)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Der Spitzenkandidat“ (The Front Runner, USA 2018)


Die Oscar-Gewinner 2023

März 13, 2023

Everything Everywhere All at Once“ ist der große Gewinner der diesjährigen, der 95. Oscar-Nacht. Eine große Überraschung ist das nicht. Denn in allen Artikeln, die ich unmittelbar vor der Oscar-Preisverleihung gelesen habe, war „Everything Everywhere All at Once“ der große Favorit. Der deutsche Oscar-Beitrag „Im Westen nichts Neues“ wurde daneben noch erwähnt und dann lange nichts. Insofern überraschte micht auch nicht, dass Steven Spielbergs „Die Fabelmans“ (das war mein Tipp für den Oscar als bester Film) das Nachsehen hatte.

Im Westen nichts Neues“ erhielt den Oscar als bester fremdsprachiger Film und einige weitere Oscars.

Nawalny“, ebenfalls erwartbar und verdient, erhielt den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

Die vollständige Liste der Gewinner und der Nominierten und meine Tipps (vom 24. Januar 2023, unmittelbar nach der Veröffentlichung der Nominierungsliste; nachgetragen habe ich jetzt die Gewinner und die Filme, die erst danach bei uns anliefen):

Heute präsentierte die Academy of Motion Picture Arts and Sciences die Nominierungen für die diesjährigen Oscars. Die Preisverleihung ist am 12. März am gewohnten Ort.

Auf einen der 23 Filmpreise können hoffen (mit einigen Gewinnertipps und Kommentaren meinerseits – und, ja, liebe Lokalpatrioten, „Im Westen nichts Neues“ ist unter anderem als bester Film und bester fremdsprachiger Film nominiert):

Best Picture

nominiert

All Quiet on the Western Front (Im Westen nichts Neues) (Malte Grunert, Producer)

Avatar: The Way of Water (James Cameron und Jon Landau, Producers)

The Banshees of Inisherin (Graham Broadbent, Pete Czernin und Martin McDonagh, Producers)

Elvis (Baz Luhrmann, Catherine Martin, Gail Berman, Patrick McCormick und Schuyler Weiss, Producers)

GEWINNER Everything Everywhere All at Once (Daniel Kwan, Daniel Scheinert und Jonathan Wang, Producers)

MEIN TIPP (auch wenn noch nicht alle Filme in Deutschland angelaufen sind, kenne ich alle nominierten Filme): The Fabelmans (Kristie Macosko Krieger, Steven Spielberg und Tony Kushner, Producers)

Tár (Todd Field, Alexandra Milchan und Scott Lambert, Producers)

Top Gun: Maverick (Tom Cruise, Christopher McQuarrie, David Ellison und Jerry Bruckheimer, Producers)

Triangle of Sadness (Erik Hemmendorff und Philippe Bober, Producers)

Women Talking (Die Aussprache“ (Dede Gardner, Jeremy Kleiner und Frances McDormand, Producers)

(Was für eine Liste aus Arthaus und Kommerz, die so etwas wie eine alle Geschmäcker abbildende Jahresbestenliste ist. Da steht „Avatar: The Way of Water“, einer der schon jetzt erfolgreichsten Filme weltweit, neben dem kaum gesehenen Arthaus-Drama „Women Talking“ [Die Aussprache, deutscher Kinostart: 9. Februar 2023], das letztendlich ein verfilmtes Theaterstück ist. Da gibt es europäische Kunstfilme, Biopics und der allseits beliebte, überbewertete „Everthing Everywhere All at Once“. Sehenswert sind alle nominierten Filme.

Letztendlich dürfte Steven Spielberg für seine kaum verhüllte Lebenserinnerungen „The Fabelmans“ den Preis erhalten. Und einige weitere. Denn die „Fabelmans“ sind für weitere Oscars nominiert.)

Directing

nominiert

The Banshees of Inisherin (Martin McDonagh)

GEWINNER: Everything Everywhere All at Once (Daniel Kwan und Daniel Scheinert)

MEIN TIPP: The Fabelmans (Steven Spielberg)

Tár (Todd Field)

Triangle of Sadness (Ruben Östlund)

Writing (Original Screenplay)

nominiert

The Banshees of Inisherin (Written by Martin McDonagh)

GEWINNER: Everything Everywhere All at Once (Written by Daniel Kwan & Daniel Scheinert)

MEIN TIPP (ich lasse, fast schon wider besseren Wissens, Steven Spielberg durchmarschieren, auch wenn am Ende Martin McDonagh oder Todd Field diesen Oscar erhalten könnten): The Fabelmans (Written by Steven Spielberg & Tony Kushner)

Tár (Written by Todd Field)

Triangle of Sadness (Written by Ruben Östlund )

Writing (Adapted Screenplay)

nominiert

All Quiet on the Western Front (Screenplay – Edward Berger, Lesley Paterson & Ian Stokell)

Glass Onion: A Knives Out Mystery (Written by Rian Johnson)

Living (Written by Kazuo Ishiguro)

Top Gun: Maverick (Screenplay by Ehren Kruger und Eric Warren Singer und Christopher McQuarrie; Story by Peter Craig und Justin Marks)

GEWINNER/MEIN TIPP (wobei ich das Akira-Kurosawa-Remake „Living“ noch nicht kenne): Women Talking (Screenplay by Sarah Polley)

Actor in a Leading Role

nominiert

Austin Butler (Elvis)

MEIN TIPP (allerdings kenne ich „The Whale“ und „Living“ noch nicht): Colin Farrell (The Banshees of Inisherin)

GEWINNER: Brendan Fraser (The Whale)

Paul Mescal (Aftersun)

Bill Nighy (Living)

Actor in a Supporting Role

nominiert

MEIN TIPP: Brendan Gleeson (The Banshees of Inisherin)

Brian Tyree Henry (Causeway)

Judd Hirsch (The Fabelmans)

Barry Keoghan (The Banshees of Inisherin)

GEWINNER: Ke Huy Quan (Everything Everywhere All at Once)

Actress in a Leading Role

nominiert

MEIN TIPP: Cate Blanchett (Tár)

Ana de Armas (Blonde)

Andrea Riseborough (To Leslie)

Michelle Williams (The Fabelmans)

GEWINNER: Michelle Yeoh (Everything Everywhere All at Once)

Actress in a Supporting Role

nominiert

Angela Bassett (Black Panther: Wakanda Forever)

Hong Chau (The Whale)

MEIN TIPP (immerhin bietet sie zwei Streitköpfen die Stirn – und packt dann ihre Koffer): Kerry Condon (The Banshees of Inisherin)

GEWINNER: Jamie Lee Curtis (Everything Everywhere All at Once)

Stephanie Hsu (Everything Everywhere All at Once)

Cinematography

nominiert

GEWINNER: All Quiet on the Western Front (James Friend)

MEIN TIPP (auch wenn es vor allem Überwältigungskino ist. Bei „Im Westen nichts Neues“ sind die Schlachtszenen zwar grandios, aber die Szenen von den Friedensverhandlungen in einem Zugabteil sind vor allem zweckdienlich): Bardo, False Chronicle of a Handful of Truths (Darius Khondji)

Elvis (Mandy Walker)

Empire of Light (Roger Deakins)

Tár (Florian Hoffmeister)

Costume Design

nominiert

MEIN TIPP (weil mehr Hollywood nicht geht): Babylon (Mary Zophres)

GEWINNER: Black Panther: Wakanda Forever (Ruth Carter)

Elvis (Catherine Martin)

Everything Everywhere All at Once (Shirley Kurata)

Mrs. Harris Goes to Paris (Jenny Beavan)

Film Editing

nominiert

The Banshees of Inisherin (Mikkel E.G. Nielsen)

Elvis (Matt Villa und Jonathan Redmond)

GEWINNER: Everything Everywhere All at Once (Paul Rogers)

MEIN TIPP (gerade weil es so unauffällig ist): Tár (Monika Willi)

Top Gun: Maverick (Eddie Hamilton)

Makeup and Hairstyling

nominiert

All Quiet on the Western Front (Heike Merker und Linda Eisenhamerová)

The Batman (Naomi Donne, Mike Marino und Mike Fontaine)

Black Panther: Wakanda Forever (Camille Friend und Joel Harlow)

Elvis (Mark Coulier, Jason Baird und Aldo Signoretti)

GEWINNER/MEIN TIPP (was man so hört): The Whale (Adrien Morot, Judy Chin und Anne Marie Bradley)

Music (Original Score)

nominiert

GEWINNER: All Quiet on the Western Front (Volker Bertelmann)

Babylon (Justin Hurwitz)

The Banshees of Inisherin (Carter Burwell)

Everything Everywhere All at Once (Son Lux)

The Fabelmans (John Williams)

Music (Original Song)

nominiert

Applause (from Tell It like a Woman; Music und Lyric by Diane Warren)

Hold My Hand (from Top Gun: Maverick; Music und Lyric by Lady Gaga und BloodPop)

Lift Me Up (from Black Panther: Wakanda Forever; Music by Tems, Rihanna, Ryan Coogler und Ludwig Goransson; Lyric by Tems und Ryan Coogler)

GEWINNER: Naatu Naatu (from RRR; Music by M.M. Keeravaani; Lyric by Chandrabose)

This Is A Life (from Everything Everywhere All at Once; Music by Ryan Lott, David Byrne und Mitski; Lyric by Ryan Lott und David Byrne)

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Production Design

nominiert

GEWINNER: All Quiet on the Western Front (Production Design: Christian M. Goldbeck; Set Decoration: Ernestine Hipper)

Avatar: The Way of Water (Production Design: Dylan Cole und Ben Procter; Set Decoration: Vanessa Cole)

MEIN TIPP (weil Hollywood): Babylon (Production Design: Florencia Martin; Set Decoration: Anthony Carlino)

Elvis (Production Design: Catherine Martin und Karen Murphy; Set Decoration: Bev Dunn)

The Fabelmans (Production Design: Rick Carter; Set Decoration: Karen O’Hara)

Sound

nominiert

All Quiet on the Western Front (Viktor Prášil, Frank Kruse, Markus Stemler, Lars Ginzel und Stefan Korte)

Avatar: The Way of Water (Julian Howarth, Gwendolyn Yates Whittle, Dick Bernstein, Christopher Boyes, Gary Summers und Michael Hedges)

The Batman (Stuart Wilson, William Files, Douglas Murray und Andy Nelson)

Elvis (David Lee, Wayne Pashley, Andy Nelson und Michael Keller)

GEWINNER: Top Gun: Maverick (Mark Weingarten, James H. Mather, Al Nelson, Chris Burdon und Mark Taylor)

Visual Effects

nominiert

All Quiet on the Western Front (Frank Petzold, Viktor Müller, Markus Frank und Kamil Jafar)

GEWINNER/MEIN TIPP (alles andere wäre erklärungsbedürftig): Avatar: The Way of Water (Joe Letteri, Richard Baneham, Eric Saindon und Daniel Barrett)

The Batman (Dan Lemmon, Russell Earl, Anders Langlands und Dominic Tuohy)

Black Panther: Wakanda Forever (Geoffrey Baumann, Craig Hammack, R. Christopher White und Dan Sudick)

Top Gun: Maverick (Ryan Tudhope, Seth Hill, Bryan Litson und Scott R. Fisher)

Animated Feature Film

nominiert

GEWINNER: Guillermo del Toro’s Pinocchio (Guillermo del Toro, Mark Gustafson, Gary Ungar und Alex Bulkley)

Marcel the Shell with Shoes On (Dean Fleischer Camp, Elisabeth Holm, Andrew Goldman, Caroline Kaplan und Paul Mezey)

Puss in Boots: The Last Wish (Joel Crawford und Mark Swift)

The Sea Beast (Chris Williams und Jed Schlanger)

Turning Red (Domee Shi und Lindsey Collins)

Documentary Feature Film

nominiert

All That Breathes (Shaunak Sen, Aman Mann und Teddy Leifer)

All the Beauty and the Bloodshed (Laura Poitras, Howard Gertler, John Lyons, Nan Goldin und Yoni Golijov)

Fire of Love (Sara Dosa, Shane Boris und Ina Fichman)

A House Made of Splinters (Simon Lereng Wilmont und Monica Hellström)

GEWINNER: Navalny (Daniel Roher, Odessa Rae, Diane Becker, Melanie Miller und Shane Boris)

Documentary Short Film

nominiert

GEWINNER: The Elephant Whisperers (Kartiki Gonsalves und Guneet Monga)

Haulout (Evgenia Arbugaeva und Maxim Arbugaev)

How Do You Measure a Year? (Jay Rosenblatt)

The Martha Mitchell Effect (Anne Alvergue und Beth Levison)

Stranger at the Gate (Joshua Seftel und Conall Jones)

Short Film (Animated)

nominiert

GEWINNER: The Boy, the Mole, the Fox and the Horse (Charlie Mackesy und Matthew Freud)

The Flying Sailor (Amanda Forbis und Wendy Tilby)

Ice Merchants (João Gonzalez und Bruno Caetano)

My Year of Dicks (Sara Gunnarsdóttir und Pamela Ribon)

An Ostrich Told Me the World Is Fake and I Think I Believe It (Lachlan Pendragon)

Short Film (Live Action)

nominiert

GEWINNER: An Irish Goodbye (Tom Berkeley und Ross White)

Ivalu (Anders Walter und Rebecca Pruzan)

Le Pupille (Alice Rohrwacher und Alfonso Cuarón)

Night Ride (Eirik Tveiten und Gaute Lid Larssen)

The Red Suitcase (Cyrus Neshvad)

International Feature Film

nominiert

GEWINNER: All Quiet on the Western Front (Im Westen nichts Neues) (Germany)

Argentina, 1985 (Argentina)

Close (Belgium)

EO (Poland)

The Quiet Girl (Ireland)

(kein Tipp, weil ich den Golden-Globe-Gewinner „Argentina, 1985“, der mir gefallen sollte, und „The Quiet Girl“ noch nicht kenne. Bei den anderen drei Filmen könnte „Close“, der am Donnerstag anläuft, einen leichten Vorteil gegenüber „Im Westen nichts Neues“ haben.)


TV-Tipp für den 13. März: Snowpiercer

März 12, 2023

Kabel Eins, 23.20

Snowpiercer (Snowpiercer, Südkorea/USA/Frankreich 2013)

Regie: Bong Joon-ho

Drehbuch: Bong Joon-ho, Kelly Masterson

LV: Jacques Lob/Benjamin Legrand/Jean-Marc Rochette: Le Transperceneige, 1984 (Schneekreuzer)

Nach der Klimakatastrophe ist die Erde ein Eisplanet. Ein Zug fährt ohne Unterbrechung um die Erde, versorgt sich autark und die Zugbewohner leben in einer radikalen Klassengesellschaft. Da entschließen sich die Unterdrückten, die in den hinteren Zugabteilen vegetieren, zum Aufstand. Ihr Ziel: der erste Wagon.

Satirischer Science-Fiction-Actionthriller.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Chris Evans, Jamie Bell, John Hurt, Ed Harris, Tilda Swinton, Song Kang-ho, Ko Asung, Octavia Spencer, Ewan Bremner, Tómas Lemarquis

Wiederholung: Dienstag, 14. März, 03.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Snowpiercer“

Metacritic über „Snowpiercer“

Rotten Tomatoes über „Snowpiercer“

Wikipedia über „Snowpiercer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bong Joon-hos „Snowpiercer (Snowpiercer, Südkorea/USA/Frankreich 2013)

Meine Besprechung von Bong Joon Hos „Okja“ (Okja, USA/Südkorea 2017)

Meine Besprechung von Bong Joon Hos „Parasite“ (Gisaengchung, Südkorea 2019)


TV-Tipp für den 12. März: Rebecca

März 11, 2023

Oscar: Bester Film des Jahres 1941

Arte, 20.15

Rebecca (Rebecca, USA 1940)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Robert E. Sherwood, Joan Harrison

LV: Daphne du Maurier: Rebecca, 1938 (Rebecca)

Hitchcocks Einstand in Hollywood: ein viktorianisches Thrillermelodrama über die junge Frau de Winter, die in dem Familienschloss Manderley überall Spuren der verstorbenen Rebecca de Winter findet und anscheinend von ihrem Mann und der Haushälterin in den Tod getrieben werden soll.

Obwohl David O. Selznick gerade sehr mit „Gone with the wind“ beschäftigt war und Hitch deshalb in Ruhe arbeiten ließ, ist „Rebecca“ in erster Linie ein Selznick-Film.

Hitchcock war von dem Film nicht begeistert: „Das ist kein Hitchcock-Film. Das ist eine Art Märchen,…eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte. Es gab damals viele schriftstellernde Frauen. Dagegen habe ich nichts, aber Rebecca ist eine Geschichte ohne jeden Humor.“

Mit Laurence Olivier, Joan Fontaine, George Sanders, Judith Anderson, Nigel Bruce, Leo G. Carroll

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rebecca“

Wikipedia über „Rebecca“ (deutsch, englisch) und über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Meine Besprechung von Robert V. Galluzzos “Psycho Legacy” (The Psycho Legacy, USA 2010 – eine sehenswerte Doku über die “Psycho”-Filme mit Anthony Perkins, mit vielen Stunden informativem Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Stephen Rebellos “Hitchcock und die Geschichte von ‘Psycho’” (Alfred Hitchcock and the Making of ‘Psycho’, 1990)

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Henry Keazors (Hrsg.) “Hitchcock und die Künste” (2013)

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Daphne du Mauriers “Der Apfelbaum” (The Appletree, 1952)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Alice Diops „Saint Omer“

März 11, 2023

Die schwangere Professorin und Schriftstellerin Rama fährt nach Saint Omer, einem Ort in Nordfrankreich im Département Pas-de-Calais. Dort besucht sie die Gerichtsverhandlung gegen Laurence Coly. Die Senegalisin hat ihre fünfzehn Monate alte Tochter ins Meer gelegt. Jetzt ist sie als Mörderin angeklagt. Rama will über die Verhandlung schreiben.

Saint Omer“ ist ein filmisch extrem reduziertes Drama, das den Fall in seiner Komplexität zeigt und mehr Fragen stellt als beantwortet. Die geständige Coly ist dabei kein liebenswertes Opfer, sondern eine in vielerlei Hinsicht rätselhafte und problematische Persönlichkeit mit psychischen Problemen. Vor Gericht erscheint sie seltsam unberührt von der Verhandlung. Sie erklärt ihre Tat mit Hexerei. Aber gleichzeitig ist sie eine gebildete Frau. Sie studierte und begann eine Promotion über Wittgenstein. Sie lebte mit einem deutliche älterem Künstler, der auch der Vater ihres Kindes ist, zusammen. Sie zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Sie wurde immer unsichtbarer. Doch warum tat sie das und warum tötete sie ihr Kind?

Alice Diops Film basiert auf einem wahren Fall, der in Frankreich auch als Kabou-Affäre oder Adélaide-Affäre bekannt ist. Im November 2013 legte die 36-jährige ehemalige Philosophiestudentin Fabienne Kabou ihre fünfzehn Monate alte Tochter Adélaide im bei Calais gelegenem Badeort Berck in die Nordsee. Die Flut erledigte den Rest. Danach kehrte sie zu ihrem Lebensgefährten, einem deutlich älterem Künstler, zurück. Kurz darauf konnte sie anhand von Videoaufzeichnungen identifiziert werden. 2016 wurde sie von einem Schwurgericht in Saint-Omer zu einer zwanzigjährigen Haft verurteilt.

In Frankreich wurde über den Fall und das distanzierte Auftreten der Angeklagten breit diskutiert.

Alice Diop saß während der Verhandlung im Gerichtssaal. Diese Verhandlung und ihre Reaktion darauf inspirierte sie, nach mehreren Dokumentarfilmen, zu ihrem Spielfilmdebüt, das vor allem in den Gerichtsszenen nah an dem Fall bleibt und mit den Mitteln des beobachtenden Dokumentarfilms inszeniert ist. Sie erklärt nichts. Sie lässt die Menschen reden in oft minutenlangen statischen Einstellungen, die damit auch die Dramatik eines Gerichtsverfahrens wiedergeben. Und das ist nicht so aufregend, wie eine TV-Gerichtsshow oder eine dramatische Gerichtsszene in einem Spielfilm, sondern teils ermüdend langweilig und emotionslos. In „Saint Omer“ wird mit ruhiger Stimme gesprochen, ohne Emotionen nachgefragt und scheinbar unbeteiligt geantwortet. Die unbewegte Kamera bleibt während der gesamten Befragung immer auf eine Person, normalerweise die befragte Person, gerichtet. Diese bewegt sich kaum.

Insofern ist „Saint Omer“ formal in sich geschlossen, aber als Film auch eine etwas dröge Angelegenheit. Das Drama ist mehr ein Hörspiel oder ein Gerichtsprotokoll (wenn man in der Originalfassung auf das Lesen der Untertitel angewiesen ist) als ein Spielfilm.

Saint Omer (Saint Omer, Frankreich 2022)

Regie: Alice Diop

Drehbuch: Alice Diop, Amrita David, Marie NDiaye

mit Kayije Kagame, Guslagie Malanda, Valérie Dréville, Aurélia Petit, Xavier Maly, Robert Cantarella, Salimata Kamate, Thomas de Pourquery

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Saint Omer“

Moviepilot über „Saint Omer“

Metacritic über „Saint Omer“

Rotten Tomatoes über „Saint Omer“

Wikipedia über „Saint Omer“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 11. März: Molly’s Game – Alles auf eine Karte

März 10, 2023

Servus TV, 20.15

Molly’s Game – Alles auf eine Karte (Molly’s Game, USA 2017)

Regie: Aaron Sorkin

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Molly Bloom: Molly’s Game: The True Story of the 26-Year-Old Woman Behind the Most Exclusive, High-Stakes Underground Poker Game in the World, 2014 (Molly’s Game)

TV-Premiere. In seinem Regiedebüt erzählt der grandiose Drehbuchautor Aaron Sorkins („The Social Network“, „Steve Jobs“, „The West Wing“) die Geschichte von Molly Bloom. Sie organisierte illegale Pokerspiele mit und für vermögende Spieler, die mit entsprechend hohen Einsätzen spielten. Das füllt ihr Bankkonto, führt zu Kontakten mit der Mafia und Problemen mit dem FBI.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Jeremy Strong, Chris O’Dowd, Bill Camp, Brian d’Arcy James, Graham Greene

Wiederholung: Sonntag, 12. März, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Molly’s Game“

Metacritic über „Molly’s Game“

Rotten Tomatoes über „Molly’s Game“

Wikipedia über „Molly’s Game“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Molly’s Game“

Meine Besprechung von Aaron Sorkins „Molly’s Game – Alles auf eine Karte“ (Molly’s Game, USA 2017) (mit mehreren Gesprächen mit Aaron Sorkin, Jessica Chastain und Idris Elba über den Film)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Steven Spielbergs Kindheits- und Jugenderinnerung „Die Fabelmans“

März 10, 2023

Wenige Tage nach seiner Berlinale-Aufführung und wenige Stunden vor der Oscar-Preisverleihung läuft Steven Spielbergs neuer Film „Die Fabelmans“ bei uns endlich regulär im Kino an. Er ist für sieben Oscars, unter anderem als bester Film, für die beste Regie und das beste Drehbuch nominiert. Weil im Moment alle besoffen vor Begeisterung für „Everything Everywhere All at Once“ sind, dürfte nach den aktuellen Voraussagen „The Fabelmans“ keinen Oscar erhalten. Ich würde, tapfer die Minderheitenmeinung vertretend, Spielbergs Biopic einige Oscars geben.

Strenggenommen ist „Die Fabelmans“ kein Biopic. Denn die titelgebenden Fabelmans gab es nie. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass Steven Spielberg in diesem Film die Geschichte seiner Kindheit und Jugend verfilmte. Das Fiktionalisierung bewahrt ihn lediglich vor Schwierigkeiten, wenn ihm jemand vorwirft, das sei damals anders gewesen. Und er kann natürlich immer sagen, dass es sich doch nur um eine erfundene Geschichte handelt. Er hat auch einige Details geändert. Aber letztendlich ist er näher an den Fakten als manche Filme, die sich als Biopic bezeichnen.

Spielberg erzählt die Geschichte von Sam ‚Sammy‘ Fabelman (Gabriel LaBelle; der jüngere Sammy wird von Mateo Zoryan Francis-DeFord gespielt). In New Jersey nehmen ihn seine Eltern am 10. Januar 1952 mit ins Kino. Sie sehen sich Cecil B. DeMilles „Die größte Schau der Welt“ (The Greatest Show on Earth) an. Der Sechsjährige ist gleichzeitig fasziniert und verängstigt von dem im Film spektakulär gezeigtem Zugunglück. Mit der Modelleisenbahn stellt er den Unfall nach, filmt ihn und lernt so, mit seinen Ängsten umzugehen.

Im folgenden erzählt Spielberg das weitere Schicksal von Sam und der überaus liebevollen, fürsorglichen und weltoffenen Familie Fabelman. Sein Vater Burt (Paul Dano) ist Computerentwickler für Datenspeichersysteme. Seine Arbeit führt sie im Lauf der Jahre von der Ostküste zur Westküste. Von New Jersey geht es über Arizona nach Kalifornien. Sam kommt dabei immer näher an den Ort seiner Träume: Hollywood. Seine Mutter Mitzi (Michelle Williams) ist eine Künstlerin. Für ihren Mann und ihre Kinder – Sam hat drei jüngere Schwestern – gab sie ihre Karriere als Konzertpianistin auf. Später verliebt sie sich in Bennie Loewy (Seth Rogen), den besten Freund der Familie. Daran zerbricht die Ehe. Mitzi verlässt ihren Mann und zieht mit Bennie weg.

Bis zu dieser Trennung wird Sam von Burt und Mitzi bei seinen Ambitionen als Filmregisseur gefördert. Auch wenn Burt Sams Filmbegeisterung eher als Hobby sieht, das ihn nicht daran hindern darf, einen richtigen Beruf zu erlernen. Schon als Jugendlicher dreht Sam Filme, wie einen Western und einen vierzigminutigen Kriegsfilm. Er kann seine Klassenkameraden überzeugen, bei den Filmen mitzumachen. Die so entstehenden Filme kommen gut an.

In Hollywood begegnet er in den frühen Sechzigern John Ford. David Lynch spielt den Western-Regisseur in einem grandiosen und schon jetzt legendärem Kurzauftritt.

Über hundertfünfzig Minuten erzählt Steven Spielberg die Geschichte von Sam Fabelman und zeigt, wieder einmal, was für ein begnadeter Geschichtenerzähler er ist. Denn Sams Leben verläuft überaus harmonisch und frei von Konflikten. Im Mittelpunkt steht seine Filmbegeisterung, wie er sie in konkrete Projekte umsetzt und wie der von seinen Eltern und seinem Umfeld bedingungslos unterstützt und gefördert wird. Die Scheidung seiner Eltern und, weil er immer wieder der neue Junge in der Klasse ist, gelegentliche Probleme mit Klassenkameraden, ändern daran nichts. Für Spielberg war diese Scheidung traumatisch und sie hinterließ in seinem Werk deutliche Spuren. Vor allem in „E. T. – Der Außerirdische“ verarbeitete er seine Kindheit so, dass er mit dem Film schon alles über sie sagte.

Insofern erzählt er auf emotionaler Ebene in „Die Fabelmans“ nichts, was er in seinen früheren Filmen nicht schon, ohne einen direkten und entsprechend offensichtlichen autobiobraphischen Bezug, erzählte. In „Die Fabelmans“ liefert er jetzt, nach dem Tod seiner Eltern, die Fakten und Hintergründe nach. Und er versucht sie, ihre Trennung und seine Jugend mit seiner jetzigen Lebenserfahrung zu verstehen. Vielleicht deshalb und sicher weil Steven Spielberg Steven Spielberg ist, fällt dieser Rückblick sehr freundlich, liebevoll und kitschfrei aus. In „Die Fabelmans“ gibt es keine Böseswichter und auch keine schlechten Menschen.

Für Spielberg-Fans und Cineasten ist diese wunderschöne, herzerwärmende Liebeserklärung an den Film ein Pflichttermin. Für alle, die gerne mehr über Steven Spielberg erfahren möchten, sich aber keine langen Filmgespräche mit unbewegter Kamera und Untertiteln ansehen wolle, ebenso.

Die Fabelmans (The Fabelmans, USA 2022)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Steven Spielberg, Tony Kushner

mit Gabriel LaBelle, Michelle Williams, Paul Dano, Seth Rogen, Judd Hirsch, Mateo Zoryan Francis-DeFord, Chloe East, Julia Butters, Sam Rechner, Keeley Karsten, Oakes Fegley, David Lynch

Länge: 151 Minuten (und damit ungefähr eine Minute kürzer als „Die größte Schau der Welt“)

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Fabelmans“

Metacritic über „Die Fabelmans“

Rotten Tomatoes über „Die Fabelmans“

Wikipedia über „Die Fabelmans“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood meint: Stimmt alles mit dem Leben von Steven Spielberg überein

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „West Side Story“ (West Side Story, USA 2021)

Steven Spielberg in der Kriminalakte

Steven Spielberg über seine Begegnung mit John Ford

Oscar Academy Conversations: Steven Spielberg und andere über den Film

 


TV-Tipp für den 10. März: Die göttliche Ordnung

März 9, 2023

3sat, 20.15

Die göttliche Ordnung (Schweiz, 2017)

Regie: Petra Volpe

Drehbuch: Petra Volpe

Schweiz, 1971: in einem Bergdorf im Appenzell ist die Zeit stehen geblieben. Der Mann ist der unumstrittene Herr im Haus und Frauen dürfen nicht wählen. Als die junge Nora Ruckstuhl wieder arbeiten möchte, erfährt sie, dass sie dafür die Erlaubnis ihres Mannes benötigt. Sie empfindet diese Regel als ungerecht. Als ihr Mann für einige Tage auf einer Militärübung ist, hat sie die Zeit sich immer mehr zu politisieren und in den Kampf um das Frauenwahlrecht einzumischen.

Wundervolle, nah an den historischen Fakten entlang erzählte, sehr aufbauende Komödie über Frauen, die beginnen für ihre Rechte zu kämpfen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner, Marta Zoffoli, Bettina Stucky, Peter Freiburghaus, Therese Affolter, Ella Rumpf, Nicholas Ofczarek, Sofia Helin

Hinweise

Schweizer Homepage zum Film

Moviepilot über „Die göttliche Ordnung“

Wikipedia über „Die göttliche Ordnung“

Meine Besprechung von Petra Volpes „Die göttliche Ordnung“ (Schweiz 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Scream VI“: neue Stadt, altes Spiel

März 9, 2023

Fünf Filme und über ein Viertel Jahrhundert lang mordete der Ghostface-Killer sich durch das Städtchen Woodsboro. Die Opfer waren im besten Teenager-Alter. Ein großes Messer die Tatwaffe. Zur Tarnung trug der Killer einen schwarzen Umhang und eine Maske, die von Edvard Munchs ikonischen „Der Schrei“-Gemälden inspiriert war. Die Maske wird dem Killer am Ende des Films abgezogen. In dem Moment wird seine Identität und auch sein Motiv enthüllt. Bis dann im nächsten Film ein neuer Ghostface-Killer munter zusticht. Zuletzt, elf Jahre nach dem vierten Film, war das so 2022 in „Scream“. Nach dem Tod von Wes Craven, der die ersten vier „Scream“-Filme inszenierte, wurde der fünfte „Scream“-Film von Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett inszeniert. Sie inszenierten auch den neuesten „Scream“-Film. Das Drehbuch ist wieder von Guy Busick und James Vanderbild.

Der sechste „Scream“-Film mit dem innovativen Titel „Scream VI“ spielt nicht mehr in Woodsboro, sondern in New York. Bereits in den ersten Filmminuten bringt der maskierte Killer eine Frau um. Danach nimmt er seine Maske ab und zeigt sein Gesicht. Es ist Jason, ein Filmstudent mit einer Begeisterung für Horrorfilme. Wenige Minuten später ist er tot. Der echte Ghostface-Killer, also der für diesen Film echte Ghostface-Killer, ersticht Jason in seiner Wohnung. Denn dieser Ghostface-Killer will noch einige alte Rechnungen aus Woodsboro begleichen. Jason und sein ebenfalls toter Kumpel, den er in Jasons Kühlschrank versteckte, hätten ihn daran gehindert.

Ebenfalls in New York sind, und das ist der Grund für seine aktuelle Mordserie, Sam Carpenter (Melissa Barrera), ihre jüngere Halbschwester Tara (Jenny Ortega) und die Zwillinge Mindy (Jasmin Savoy Brown) und Chad Meeks-Martin (Mason Gooding). Sie waren alle in „Scream“ (2022) dabei. Sam ist nach den ersten Meldungen über das Auftauchen des Ghostface-Killers in New York überzeugt, dass er sie und ungefähr alle, die mit ihnen befreundet, verwandt und verschwägert sind, töten will.

Selbstverständlich ist auch die aus allen „Scream“-Filmen bekannte Reporterin Gale Weathers-Riley (Courteney Cox) dabei. Sie wittert, mal wieder, eine große Story und ein sich daran anschließendes Buch.

Der Wechsel von der Kleinstadt in die Großstadt könnte zu größeren Änderungen in der Filmserie führen. Aber letztendlich erzählen die Macher die aus fünf Filmen vertraute Geschichte noch einmal. New York und die Besonderheiten einer Millionenmetropole gegenüber einer Kleinstadt oder einer in der Provinz liegenden Studentenstadt werden nicht weiter beachtet. Die einzige nennenswerte Ausnahme bildet eine längere, spannende Szene in der U-Bahn. Sie ist brechend voll. Weil Halloween ist, tragen viele Passagiere die Masken von ikonischen Horrorfilmfiguren. Unsere Helden, die die U-Bahn benutzen, sehen sich unzähligen Menschen mit Ghostface-Killer-Masken gegenüber und mindestens einer davon könnte der echte Killer sein.

Davon abgesehen könnte der Rest des Horrorfilms, ohne dass im Drehbuch eine Zeile geändert werden müsste, in irgendeiner Universitätsstadt in der Provinz spielen.

Alle Figuren verhalten sich durchgehend, vor allem in Gefahr und höchster Not, idiotisch. So schlagen die künftigen Opfer den Killer, wenn er sie angreift, immer wieder. Einmal mit einer Bratpfanne. Er fällt nach dem Schlag um. Aber anstatt ihn dann mit mindestens einem weiteren Schlag endgültig kampfunfähig zu machen oder ihm die Maske vom Gesicht abzustreifen (was für eine spätere Identifizierung hilfreich wäre), laufen sie weg, werden von ihm verfolgt, schlagen ihn wieder zu Boden und laufen wieder weg, bis er sie mit seinem Messer tötet. Das ist mehr Slapstick als Horror.

Wenn sie den Killer nicht schlagen, fahren sie im Auto durch die halbe Stadt zu einer Person, die wahrscheinlich gerade von dem Ghostface-Killer aufgeschlitzt wird. Die Polizei, die schneller an dem Ort wäre, rufen sie nicht an. Das war schon in der Prä-Smartphone-Zeit idiotisch und ist jetzt noch idiotischer.

Oder sie fahren auf der Flucht vor dem Ghostface-Killer mit der U-Bahn durch die halbe Stadt, anstatt sich ein Taxi zu rufen oder ein Auto zu mieten.

Oder jemand versucht, andere zu warnen, dass der Ghostface-Killer in deren Wohnung ist. Er tut es so schlecht, dass der Misserfolg vorhersehbar ist. Immerhin kann er danach seine Leiter als Rettungsleiter benutzen.

Das führt dazu, dass der Ghostface-Killer mühelos viele, sehr viele Menschen töten kann. Laut Presseheft ist „Scream VI“, der blutigste und brutalste Film der Reihe.

Bekannt wurde „Scream“ durch sein offenes Thematisieren der Regeln des Slasher-Horrorfilms, die dann teils angewandt, teils lustvoll unterwandert wurden. Denn Mitte der neunziger Jahre hatten alle Teenager genug Slasher-Film gesehen, um zu wissen, was passiert und was dagegen getan werden kann. Sie wussten auch, wer von ihnen definitiv nicht das Ende des Films erleben wird.

Diese Meta-Ebene gibt es im neuesten Film des Franchises eigentlich nur bei einem besserwisserischen Vortrag von Mindy, die die Regeln von Sequels, Prequels, Requels und Franchises erklärt, wer wieder auftauchen könnte aus früheren Filmen (wie die am Ende von „Scream 4“ ziemlich tote Kirby Reed [Hayden Panettiere], die damals die Messerstiche doch überlebte und jetzt als mopsfidele FBI-Agentin mitspielt), wer sterben könnte (jeder), wer der Täter sein könnte (ebenfalls jeder; unerheblich ob lebendig oder tot) und welche Regeln gelten (die bekannten; oder auch nicht). – Das war 1996 bei dem ersten „Scream“-Film, inszeniert von Wes Craven, der große Witz: die von dem Killer bedrohten Teenager räsonierten über die Regeln des Slasher-Horrorfilms und wussten daher, wer sterben wird, wer der Täter sein könnte und wie sie sich verhalten müssen. Der Witz wurde in den nächsten „Scream“-Filmen immer etwas variiert. So gibt es in den „Scream“-Filmen die auf den Taten des Ghostface-Killers basierenden „Stab“-Filme und aktuelle Entwicklungen im Genre und Diskurse darüber werden selbstironisch aufgegriffen. Aber letztendlich bleibt es der gleiche, sich in der Wiederholung abnutzende Film-im-Film-Witz.

Scream VI“ erzählt nun ziemlich lustlos und jederzeit vorhersehbar die bekannte Geschichte noch einmal. Denn auch in der Großstadt gelten die Regeln der Kleinstadt. Die Dialoge sind oft erschreckend banal und nichts, aber auch absolut nichts überrascht. Das gilt sogar für die Enthüllung der Identität des Killers und seines Motivs. Der gesamte Horrorfilm wirkt wie das lieblose Recycling von bereits mehrmals recyceltem Material, das vor allem aus kommerziellen Erwägungen betrieben wird. Deshalb wird es selbstverständlich einen siebten „Scream“-Film geben.

Scream VI (Scream VI, USA 2023)

Regie: Matt Bettinelli-Olpin, Tyler Gillett

Drehbuch: James Vanderbilt, Guy Busick (basierend auf von Kevin Williamson erfundenen Figuren)

mit Melissa Barrera, Jenna Ortega, Mason Gooding, Jasmin Savoy Brown, Hayden Panettiere, Courteney Cox, Jack Champion, Henry Czerny, Liana Liberato, Dermot Mulroney, Devyn Nekoda, Tony Revolori, Josh Segarra, Samara Weaving

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Scream VI“

Metacritic über „Scream VI“

Rotten Tomatoes über „Scream VI“

Wikipedia über „Scream VI“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Devil’s Due -Teufelsbrut“ (Devil’s Due, USA 2014)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Ready or Not – Auf die Plätze fertig tot“ (Ready or Not, USA 2019)

Meine Besprechung von Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gilletts „Scream“ (Scream, USA 2022)


TV-Tipp für den 9. März: Vergiftete Wahrheit

März 8, 2023

RBB, 20.15

Vergiftete Wahrheit (Dark Waters, USA 2019)

Regie: Todd Haynes

Drehbuch: Mario Correa, Matthew Michael Carnahan

LV: Nathaniel Rich: The Lawyer Who Became DuPont’s Worst Nightmare (New York Times Magazine, 6. Januar 2016)

Nur aus Gefälligkeit und wegen seiner Großmutter kümmert Wirtschaftsanwalt Rob Bilott („Hulk“ Mark Ruffalo; grandios!) sich um das Problem des aus ihrem Heimatort Parkersburg, West Virginia, kommenden Farmers Wilbour Tennant. Er glaubt, dass sein Vieh von DuPont vergiftet wird. Bilott sieht sich die Akten an – und wird zum schlimmsten Alptraum des Chemiegiganten. Denn DuPont stellt in der Anlage in der Nähe von Tennants Grundstück die krebserregende Chemikalie Perfluoroctansäure (PFOA) her. Sie ist ein Bestandteil der Teflonpfanne.

Grandioser Justiz- und Wirtschaftssthriller, der einen wahren David-gegen-Goliath-Kampf erzählt.

Mehr in meiner ausführlichen Kritik.

mit Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins, Bill Camp, Victor Garber, Bill Pullman, Mare Winningham, William Jackson Harper

Wiederholung: Freitag, 10. März, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Vergiftete Wahrheit“

Metacritic über „Vergiftete Wahrheit“

Rotten Tomatoes über „Vergiftete Wahrheit“

Wikipedia über „Vergiftete Wahrheit“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Todd Haynes‘ Patricia-Highsmith-Verfilmung „Carol“ (Carol, USA/Großbritannien/Frankreich 2015)

Meine Besprechung von Todd Haynes‘ „Vergiftete Wahrheit“ (Dark Waters, USA 2019) und der DVD

Eine Expertendiskussion in Hamburg während der Deutschlandpremiere des Films


TV-Tipp für den 8. März: Die Unbeugsamen

März 7, 2023

3sat, 20.15

Die Unbeugsamen (Deutschland 2020)

Regie: Torsten Körner

Drehbuch: Torsten Körner

TV-Premiere. Grandiose Doku über Frauen, die während der Bonner Republik im Bundestag saßen und über die Widerstände und Vorurteile, gegen sie kämpfen mussten. Torsten Körner montiert sehr pointiert aktuelle Interviews mit historischen Aufnahmen, die heute teils sprachlos machen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit (den Interviewpartnerinnen) Herta Däubler-Gmelin, Renate Faerber-Husemann, Elisabeth Haines, Renate Hellwig, Marie-Elisabeth Klee, Ursula Männle, Ingrid Matthäus-Maier, Christa Nickels, Renate Schmidt, Helga Schuchardt, Rita Süssmuth, Roswitha Verhülsdonk, Carola von Braun, Sabine Gräfin von Nayhauß-Cormons

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Unbeugsamen“

Moviepilot über „Die Unbeugsamen“

Wikipedia über „Die Unbeugsamen“

3sat über die Doku (in der Mediathek verfügbar)

Meine Besprechung von Torsten Körners „Die Unbeugsamen“ (Deutschland 2020)


Über Joe R. Lansdales neuen Thriller „Moon Lake“

März 7, 2023

Dass „Moon Lake“ auf dem achten Platz der Februar-Krimibestenliste stand, war sehr schön. Es ist auch sehr schön, dass Joe R. Lansdale wieder einen Roman geschrieben hat, der auf Deutsch veröffentlicht wurde. Aber sein bestes Werk ist „Moon Lake“ nicht.

Der Krimi ist, wie die meisten Romane des sehr produktiven Erfinders von Hap Collins und Leonard Pine, ein Einzelroman und er spielt, wie eigentlich alle seine Romane, in Osttexas.

Die Geschichte beginnt im Oktober 1968 als der vierzehnjährige Daniel Russell seinen Vater verliert. Sein Vater fährt, in einem Versuch sie beide zu töten, seinen Buick über ein Brückengeländer in den titelgebenden Moon Lake.

Daniel wird von der ungefähr gleichaltrigen Ronnie Candles gerettet. Weil Daniels Mutter spurlos verschwunden ist und seine Tante auf einer längeren Weltreise ist, nehmen die Candles ihn auf. Es ist eine schwarze Familie. Als seine Tante Monate später wieder in den USA ist, nimmt sie ihn auf und er verbringt die nächsten Jahre bei ihr.

Zehn Jahre später wird, als der See während einer Dürreperiode sehr niedriges Wasser hat, das Auto und die Leiche seines Vaters gefunden. Im Kofferraum entdeckt die Polizei eine Frauenleiche. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Daniels Mutter.

Daniel, der auch als Reporter arbeitet, besucht nach zehn Jahren wieder New Long Lincoln. Wenig scheint sich in dem Ort geändert zu haben. Er trifft Ronnie Candles wieder. Sie arbeitet dort inzwischen als Polizistin. Als sie im See nach weiteren Spuren suchen, entdecken sie in den Kofferräumen von weiteren, ebenfalls im See versunkenen und jetzt aufgetauchten Autos, weitere Leichen.

Daniel beginnt sich umzuhören. Er will, zusammen mit Ronnie, die Wahrheit herausfinden.

Dieses Mal packte mich Lansdales Prosa nicht wie gewohnt. Der aus seinen anderen Geschichten bekannte schwarze Humor blitzt hier nur in sehr wenigen Momenten auf. Sein Ich-Erzähler Daniel Russell ist, das ist auf jeder Seite offensichtlich, einfach kein Hap Collins. Auch wenn er sich am Ende mit einem Schwarzen zusammentut, der in bestimmten Momenten wie ein geistiger Bruder von Leonard Pine wirkt. Gemeinsam ziehen sie in den Kampf gegen die Bösewichter. Ohne die herzerfrischend respektlosen Sprüche von Hap und Leonard, die auf die Intelligenz des Publikums vertrauen. In „Moon Lake“ wird dann mehr als nötig erklärt.

Gleichzeitig störten mich etliche zeitliche Inkonsistenzen, die für die Geschichte nicht entscheidend sind, sich aber durchgehend falsch anfühlten (auch wenn mir jetzt irgendjemand schreibt, dass das damals in Texas so war). So wird, ohne irgendeine Diskussion, 1978 eine DNA-Untersuchung bei der Leiche von Daniels Mutter beauftragt. Dabei wurde die Technik des DNA-Profiling erst 1984 entdeckt. In Deutschland wurde der Genetische Fingerabdruck als Beweis in einem Strafprozess erstmals 1988 anerkannt. Die Provinzpolizei von New Long Lincoln und die örtliche Bibliothek benutzen Computer und niemand wundert sich darüber. Damals, vor der Erfindung des Heimcomputers, des C64, waren Computer noch keine allgegenwärtigen Alltagsgegenstände. In normalen Büros waren sie sehr, sehr selten.

Die Story selbst ist ein Best-of-Lansdale. So ist der Erzähler ein Weißer, seine Freundin eine Schwarze und die Stadt wird von einigen mächtigen Männern beherrscht. Aber in dem East Texas Gothic Noir „Moon Lake“ wirkt das alles wie lieblos und beliebig zusammengesetzt und lustlos vor sich hin erzählt. Für den Serienkillerplot, den Lansdale nach ungefähr einem Drittel des Romans, mit der Entdeckung der Leichen in den Autowracks beginnt, interessiert er sich nicht weiter. Gleiches gilt für Daniels später beginnenden Kampf gegen die erstaunlich gesichtslos und blass bleibenden Stadtoberhäupter, die seit Jahrzehnten unangefochten über die Stadt herrschen und sich skrupellos bereichern. Und über Daniels Vater und die Familie Russell erfahren wir kaum etwas.

Moon Lake“ ist, wie gesagt, ein erstaunlich schwacher Lansdale.

Und nun zum Positiven: Der Festa Verlag will weitere Bücher von Joe R. Lansdale veröffentlichen.

Joe R. Lansdale: Moon Lake

(übersetzt von Patrick Baumann)

Festa, 2022

464 Seiten

26,99 Euro

Originalausgabe

Moon Lake

Mulholland Books, 2021

Hinweise

Book Marks über „Moon Lake“

Wikipedia über Joe R. Lansdale (deutsch, englisch)

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Mein Interview mit Joe R. Lansdale zu „Das Dickicht“ (The Thicket, 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Mucho Mojo“ (ursprünglich „Texas Blues“) (Mucho Mojo, 1994)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Bissige Biester! (Rusty Puppy, 2017)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Hap & Leonard – Die Storys“ (Hap and Leonard, 2016)